Freitag, 30. Oktober 2015

Zeitenreise 2015 Tag 14 Von der Börde in den Kaufunger Wald

+++07.06.2015+++




Es ist doch wirklich unwürdig für einen Sonntag... denke ich, als ich gegen halb acht den Wecker kille. Aber heute geht es weiter, ich habe viel zu tun. Der grüne Zeltstoff wird von der Morgensonne erhellt und taucht alles im Zelt in ein grünes Licht. Ich spüre die Wärme der Sonne. Also schwinge ich mich aus dem Schlafsack und dem Zelt und schaue erst mal, was im Waschhaus so los ist.
Dort ist alles noch dunkel und ruhig, wie am Tag zuvor, irgendwer war aber nach mir gestern abend noch da gewesen. Denn der Dreck vor den Duschen, der war da noch nicht gewesen. Und ich war's auch nicht. Komische Vorstellung von Sauberkeit haben manche Leute.
Die Duschen übrigens, brauchen hier keine besonderen Transponder, Münzen, oder Gebete, die werden einfach ganz schnöde mit Geld zum Laufen gebracht.
Wie ich schon dabei bin, mich fertig zu machen und den Rucksack schultere, kommt eine Frau in den Waschraum und holt Wasser. Sie ist der erste lebende Mensch, den ich heute sehe. Ich stiefele zurück zum Zelt, ziehe mich motorradmäßig an und sehe zu, daß ich meine Sachen gepackt bekomme.
Das Zelt lasse ich noch etwas in der Sonne trocknen. Heute frühstücke ich hier auf dem Platz. Ich habe schließlich noch die beiden Steaks von Freitag Nachmittag. Die sollten langsam der Verwendung zugeführt werden, denn ansonsten kann ich sie sicher bald im Wald aussetzen.
Während ich mich mit meinem Gepäck beschäftige, sind nebenan die Russen dabei, ihr Zelt abzubrechen und zu verpacken. Nach wenigen Minuten sind sie verschwunden. Ich bin wieder alleine in meiner Ecke. Auch die Leute, am anderen Ende der Wiese, hinter dem Mann mit dem Wohnwagen, der jetzt dabei ist seinen Wagen anzukoppeln, haben ihre Sachen bereits gerafft, als ich wieder ins Freie komme. Im Zelt wird es durch die Sonne schon recht warm. Ich hole mir die Bank, die vorne am See gestanden hatte, her und baue dort drauf meine Küche auf. Ich fürchte um das ganze Heu, das um mein Zelt liegt. Mir ist nicht daran gelegen, mit einem Brand auf dem Campingplatz in den Nachrichten zu landen.
Nach ein paar Minuten zischt das Fleisch bereits in der Pfanne. Es sind tatsächlich zwei Scheiben Fleisch pro Packung gewesen, dafür aber ganz dünne Scheiben. Egal. Ich habe sie mit dem beigelegten Pfeffer bestreut und ins heiße Fett befördert. Das Fleisch ist butterzart und absolut noch genießbar. Nachdem ich auf diese Weise nun etwas ungewöhnlich gefrühstückt habe, laufe ich noch mal vor zum Waschhaus um mein Geschirr abzuwaschen. Die Pfanne ist ganz schön versaut von der Marinade der anderen beiden Steaks. Das muss ich mir merken.
Die Spülstelle liegt außerhalb des Waschhauses und es kommen nun dauernd Leute vorbei, die entweder zu ihren Wohnwagen wollen, oder tatsächlich ins Waschhaus strömen.
Wie ich fertig bin, geht alles weitere ganz schnell. Das Zelt ist im Handumdrehen verpackt, ich habe es dabei auch noch mal schön zusammengelegt und saubergemacht, und mein Gepäck ist bald drauf auf Gesa verzurrt. Ich ziehe meine Jacke an, setze den Helm auf und starte Gesa. Im Schrittempo geht es wieder vor zur Rezeption und da das Tor gerade offen ist, kann ich sie gleich draußen hinstellen. Nach dem Bezahlen gibt es aber wirklich kein Halten mehr, es ist gegen Mittag, als ich endlich den Motor starte und abfahre. Gleich vorne bei der Straße begegnet mir eine Horde Motorradfahrer mit einer 690er Duke an der Spitze. Es ist Sonntag, man merkt es. Ich schlängele mich um Peine herum und fahre aufs flache Land hinaus. Ein Stück weit folge ich der Bundesstraße 494, aber in Stedum biege ich ab und folge einer hübschen kleinen Straße.
Man muss sehr genau hinschauen...
Zur Linken kann ich den Brocken liegen sehen, ich muss an Heike denken, die so oft schon vom Blick auf den Brocken geschrieben hat. Mit 1142 m Höhe ist er der höchste Berg Norddeutschlands und somit die höchste Erhebung hier weit und breit. Ich schlängele mich durch die Ortschaften, die meist alle in einem sommerlichen Mittagsschlaf liegen und unterquere kurz hinter Ottbergen die A7.
Nachdem ich bei Heinde die Innerste hinter mir gelassen habe, fahre ich wieder ein Stück Bundesstraße, aber nicht allzulange, denn dann folge ich auch schon wieder einer kleineren Straße in Richtung Bad Salzdetfurth. Die Stadt führt mich auf einer Umgehungsstraße am Zentrum vorbei, so bekomme ich von ihr fast nichts mit. Dafür grüße ich fröhlich den mir entgegenkommenden BMW - Fahrer.
In Bodenburg kann ich allerdings kurz anhalten und einen Schluck Wasser aus meiner Flasche trinken. Es ist warm heute, es geht erneut auf dreißig Grad, ich bin durstig von dem Fleisch heute morgen und ich hatte noch keinen Kaffee. Meine Vorstellung, ich könnte in Salzdetfurth welchen bekommen, war leider eine Luftblase. So hoffe ich auf eine der nächsten Siedlungen. Meine Gedanken beginnen um Kaffee zu kreisen. In Lamspringe sieht alles irgendwie geschlossen aus. Es ist halt Sonntag. Da kann man nicht zu viel erwarten.
Die Landschaft ist indes etwas hügeliger geworden, ich komme nach Bad Gandersheim. Das ist ein bekannter Name, es ist eine alte Stadt und ich rolle geradewegs mitten hinein. Ist das da eben nicht ein Eiscafé gewesen auf der rechten Seite? Doch, natürlich, so etwas erkenne ich schon von weitem. Da drüben bietet sich mir ein großer Parkplatz an, also Blinker links und ausgeschert! Am Rande des Parkplatzes finde ich einen schönen Platz für Gesa und wie ich gerade dabei bin, den Helm abzuziehen, kommen noch drei weitere Motorradfahrer mit ganz unterschiedlichen Gefährten dazugefahren und stellen ihre Maschinen bei Gesa ab. Wir nicken uns kurz zu und während ich noch am Tankrucksack herummuse, machen sie sich schon auf den Weg rüber zu dem Café.
Ich entschließe mich, mich noch etwas zappeln zu lassen und touristele erst mal ein wenig.
Aber es ist zu warm für längere Expeditionen heute, so daß es mich auf ganz natürliche Weise bald schon zu den Stühlen unter den Bäumen treibt, wo die anderen Biker schon sitzen. Neben ihnen ist noch ein Tisch frei, der mir gefällt, und so komme ich auch bald mit ihnen ein wenig ins Gespräch. Sie bewundern, daß ich alleine so eine weite Reise unternehme und die Frau in der Runde meint, als Frau so allein auf dem Campingplatz, da hätte ich bestimmt großen Mut. Ich verschweige lieber, daß ich noch kein Jahr meinen Motorradführerschein habe und rühre genüsslich in meinem Kaffee.
Allzulange hält es mich dann aber nicht in Gandersheim, ich will schließlich noch weiter heute. Ich laufe zurück zu Gesa und rödele mich wieder an und brumme los.
Wenn man aus Gandersheim wieder hinausfährt, sollte man nicht denken, daß es eine so hübsche alte Stadt ist. Der Eindruck auf der Ausfallstraße ist auf jeden Fall ein anderer. Ich folge ein Stück der B445 und biege aber bald schon bei Opperhausen ab. Von nun an herrscht wieder tiefer Friede auf der Straße. Es ist zwar heute nicht besonders viel los, aber auf dieser Straße ist nun gar nichts mehr los.
Die schmale Straße führt schnurgerade hinauf in den Wald, dort gibt es eine etwas unerwartete Kurve und danach dann wieder schnurgerade bis zur nächsten Ortschaft. Hier muss ich ein wenig aufpassen, daß ich meinen Weg richtig finde, aber ich sehe es schon ausgeschildert.
Kurz hinter dem Ortsausgang geht es links weg. Das ist eine Sackgasse, die zur nächsten Ortschaft führt. Aber genau da möchte ich hin.
Ich halte vor dem Ortsschild von Sievershausen bei Einbeck. Von einem Dorf dieses Namens kamen meine Vorfahren, denen später in Schleswig Holstein die Güter gehört hatten, die ich neulich besucht habe. Ich gebe behutsam Gas und rolle in den kleinen Ort. Er besteht nur aus einer kleinen Handvoll Gehöften und Häusern am Waldrand. In einem Sievershausen ist 1715 derjenige Vorfahr von mir geboren worden, der dann mit seiner Familie nach Holstein auswanderte. Dort war er zunächst Förster gewesen. Vermutlich wird er dieses Amt auch vorher schon bekleidet haben.
Ich stelle Gesa in der Mitte des Ortes ab. Dort ist ein winzig kleiner Glockenturm an einer Scheune.
Ich schaue mich um. Drüben auf dem Hof ist jemand dabei etwas herumzuwerkeln. Ich schlendere betont lässig die Straße hinauf und mache ein paar Bilder. Der Mann hat mich in der Zwischenzeit wahrgenommen und schaut zu mir herüber. Ich frage ihn, ob er etwas von einem Forsthaus weiß. Ja, meint er, das sei in Einbeck. Ich erzähle kurz wieso ich hier bin und er meint, von dem Förster schon mal gehört zu haben. Ich kann mir das zwar schwer vorstellen, aber wir unterhalten uns trotzdem noch eine Weile. Er erzählt mir von dem Niedergang des Dorfes, davon, daß das Gehöft vor uns zu Kaufen ist und daß es heute alles nicht mehr so ist, wie es war. Nach etwa einer Stunde muss er dann wieder an sein Werk und ich weiter. Ich verweile noch einen Moment bei Gesa, bevor ich mich fertig mache und weiterfahre.
Zurück auf der Hauptstraße, biege ich wieder links ab und setze meine ursprüngliche Route fort. Nach ein paar netten kleinen Kurven ist es im nächsten Dorf mit der Herrlichkeit vorbei. Ich treffe auf die B3. Der muss ich ein Stück folgen, bis unter der Autobahn durch und dann gleich rechts ab und im Prinzip wieder zurück.
Es gilt hier ein paar Kiesteiche zu umfahren, aber auf der B3 quält sich heute sonstwas an Verkehr lang. Ein Glück, daß die alle auf der Bundesstraße bleiben, als ich abbiege. Als ich schließlich in Stockheim abermals abbiege, umgibt mich augenblicklich wieder Ruhe.
Fund am Wegesrand...
Nach ein paar Kilometern entspannter Fahrt biege ich ab, in Richtung Thüdinghausen. Nun dauert es auch nicht mehr lange und ich komme nach Gladebeck. Das ist auch ein Ort, an dem Vorfahren von mir gelebt haben. Allerdings welche von einer anderen Linie. Auch die sind nicht ortsfest geblieben, sondern haben zunächst nach Münder geheiratet und sind so später in der Wettiner Linie gelandet. Ich drehe eine kleine Runde durch den Ort, finde eine hübsche Kirche, an der ich aber leider nicht parken kann und suche mir einen Parkplatz für eine Expedition. Am alten Spritzenhaus kann ich Gesa gut abstellen, nehme meine Kameras und schaue mich ein wenig um.
Ich laufe die paar Schritte zurück in Richtung Kirche, da sie sicher zur Zeit meiner Vorfahren schon gestanden haben wird.
Als ich mich nähere, stelle ich fest, daß jetzt am Nachmittag die Tür immer noch geöffnet ist. Vielleicht ein besonderer Gottesdienst? Auf jeden Fall besser nicht stören, denke ich und schaue mich nur ein wenig auf dem Vorplatz um und freue mich an den schönen Rosen bei der Tür.
Als ich an der Tür wieder vorbeikomme, erblickt mich eine mittelalte Frau in Tracht, die in der Kirche steht. Sie kommt auf mich zu und spricht mich an. Heute ist eine Ausstellung von Taufkleidern aus der Gemeinde aus mehreren Jahrhunderten. Es gäbe Kaffee und Kuchen und ich sei herzlich eingeladen. Beim Stichwort "Kaffee und Kuchen" vergesse ich immer gleich alle guten Vorsätze, da setzt bei mir eine Art Amnesie ein, und ich höre mich also "Gerne!" sagen und folge ihr in den Kircheninnenraum. Es ist eine einfach gehaltene, typisch evangelische Kirche. Unter der Empore sitzen bereits einige Leute an einem größeren Tisch und unterhalten sich. Ich erzähle der Frau in Tracht daß ich Vorfahren hier aus dem Ort habe und sie ruft gleich eine andere Dame hinzu. Mit ihr unterhalte ich mich eine Weile und werde dann an den Tisch genötigt. Sie stellt mich der Runde auch gleich vor und übergibt mich in die Hände eines Ehepaares, die sich mit der Gladebecker Geschichte befassen. Ich bin baff. Leider kann ich ihnen kaum mehr als den Namen meiner Vorfahrin nennen, aber sie versprechen mir, sich zu kümmern und zu schauen, ob sie in der Chronik etwas finden können.
Ich sitze noch eine Weile in der netten Runde, unterhalte mich und spreche dem Kaffee zu, aber als die Uhr immer mehr in Richtung sechs geht, muss ich mich verabschieden, denn ich muss noch ein paar Kilometer fahren. Und allzuspät möchte ich auch nicht ankommen. Wir verabschieden uns herzlich, als wenn ich schon ewig zur Gemeinde gehören würde und ich kehre beschwingten Schrittes zu Gesa zurück.
Bei Gesa hat sich in der Zwischenzeit auch niemand am Tankrucksack, dem Helm, oder dem Gepäck zu schaffen gemacht, alles ist noch so, wie ich es verlassen habe.
Nach ein paar Kilometern habe ich mich wieder der A7 angenähert, Göttingen kommt in Sicht. Heine hat in seiner "Harzreise" kein besonders gutes Haar an ihr gelassen, das ist aber nicht der Grund warum ich bereits in den Vororten abbiege und mich nicht weiter dem Zentrum annähere. Allerdings bin ich so um Elliehausen herumgefahren (Huhu Heike! :)  ).
Der Weg zieht sich ein wenig und in Obernjesa biege ich eine Straße zu früh ab, bemerke meinen Fehler aber gleich und finde mich Sekunden später bereits wieder auf einer schmalen Straße, die mich unter der Autobahn nach Heiligenstadt hindurch führt. Ich schlängele mich nun neben der Autobahn 7 ins Werratal hinab. Zwei Mal quere ich sie hierfür. Die Straße habe ich vom Auto aus schon mal neben der Autobahn liegen sehen, nun fahre ich sie. Kurz hinter der Autobahnausfahrt Werratal, heute Hedemünden, komme ich auf eine Bundesstraße. Ihr muss ich ein paar Meter folgen und biege dann ab in Richtung Ziegenhagen. Noch ein paar Kilometer durch den Wald und ich bin da. Ziegenhagen ist eine langgezogene Ortschaft, mitten im Nichts. Vor ein paar Jahrzehnten gab es hier noch nennenswerten Tourismus, aber heute scheint hier ziemlich tote Hose zu sein. Nach einmal hin und herfahren finde ich meine Pension für die Nacht und stelle Gesa auf der anderen Straßenseite ab. Die Wirtin hat schon auf mich gewartet, freut sich aber, daß ich nun da bin. Sie zeigt mir das Zimmer und sagt, ich solle Gesa einfach in den Hof fahren, da wäre ein Platz hinterm Haus, wo sie gut stehen kann. So mache ich es und nehme dann erst mein Gepäck mit nach oben.
Das Zimmer ist herrlich geräumig und ich habe einen tollen Blick auf den Wald. Wenn ich vom Balkon schaue, dann sehe ich Gesa unten stehen. Ich hatte die Zimmerwirtin gefragt, ob es hier im Ort noch etwas zu Essen gäbe, und sie meinte, da sei eine Gastwirtschaft noch, die heute offen haben müsste. Aus dem Augenwinkel hatte ich sie schon gesehen gehabt. Da sie meint, man könne dort gut essen, ziehe ich mich rasch um und mache mich auf den Weg.
Es sind nur wenige Schritte zurück zur Hauptstraße und dann ist es nicht mehr weit. Ich habe Glück und bekomme zum einen einen schönen Tisch am Fenster und zum anderen auch noch etwas zu Essen. Das Schmandschnitzel ist wirklich toll.
Nach dem Essen sitze ich noch ein wenig und trinke etwas und schreibe meine Erlebnisse der heutigen 172km auf. Händiempfang - oder gar Internet gibt es hier nicht. Also brauche ich mich darum heute abend auch nicht zu kümmern. Beim Tresen vorne sitzen Einheimische und unterhalten sich über dörfliche Themen. Währenddessen sitzt die kleine Tochter eines der Männer an einem Nebentisch und malt mit großer Hingabe etwas. Es ist eine Atmosphäre wie vor dreißig Jahren.
Als die Sonne hinter den Bäumen verschwunden ist und es bald dunkel werden will, bezahle ich und gehe noch ein paar Schritte, bis ans Ende der Straße, an der die Pension liegt und schaue ein wenig in die Landschaft und atme die schöne klare Luft ein. Danach gehe ich froh gestimmt zurück zu meinem Zimmer und bin bald darauf auch schon im Bett verschwunden.


Donnerstag, 22. Oktober 2015

Zeitenreise 2015 Tag 13 Begleitetes Fahren

+++06.06.2015+++


Uurraggghh...! Was ist?? FFF.... Verdammt...! Wo? Wie? Was? Wer? Meine Güte!
Es ist mitten in der Nacht, ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon geschlafen habe, da ist auf einmal etwas an meinem Kopf zu Gange. Ich brauche einen Moment, bis ich realisiere, daß das eine Sturmboe ist, die das Zelt über mir herunterdrückt. Ich spüre die Strebe und die Zelthaut am Kopf. Auf einmal wird es gleißend hell draußen. Sofort wieder Dunkelheit. Kein Donner. Noch mal blitzt es. Das muss ein Wetterleuchten sein. Irgenwo ist Gewitter in der Nähe und ich bekomme hier den Wind davon ab. Gut daß es woanders ist. Nachdem ich nun weiß, was Sache ist, bin ich auch unmittelbar wieder eingeschlafen.


Am Morgen, um halb acht, als mein Wecker mich dann aus dem Schlaf reißt, ist von Sonne draußen nichts zu sehen. Aber auch kein Regen, oder sonstetwas. Im Moment ist gar kein Wetter. Ich ziehe die Jeansjacke über und mache mich auf den Weg zum Waschhaus. Noch ist alles still, noch schläft alles. Auch meine Nachbarn sägen noch Holz. Es liegt noch eine dicke Decke über dem Campingplatz.
Im Waschhaus ist alles dunkel und die Waschbecken und Duschkabinen sind noch trocken. Erste!
Ich beeile mich fertig zu werden, und erst nach dem Duschen kommt ein junges Mädchen scheu ins Bad geschlichen und putzt Zähne. Blasse Haut, schwarze Haare, schwarze Klamotten, typische Ausstattung. So etwas kenne ich, mein Kollege Niko ist auch in der schwarzen Szene unterwegs und hatte mich vor ein paar Jahren auch mal zu einer Party in Mainz mitgenommen.
Nach dem Zähneputzen und ein paar Spritzern Wasser ist sie auch schon wieder lautlos verschwunden. Ich bin auch nun fertig und tu es ihr gleich. Nicht ganz so lautlos vielleicht.

Gegen halb zehn bollert der Motor von Gesa sonor vor dem Zelt. Los! Los! Die Sonne ist auch mittlerweile draußen! Ich bin aufgeregt. Mindestens so, wie vor ein paar Tagen in Kiel.
Im Schrittempo zuckele ich über den Platz und husche durch das zur Zeit gerade offene Tor ins Freie. Im Stehen nehme ich den holprigen Weg vor zur Straße und fahre dann in Richtung Meine. Bis Meine ist wenig los auf der Straße, aber kurz davor wird es merklich voller. Der Grund ist der Wochenmarkt in dort, das Umland kommt einkaufen. Ich zickzackere etwas in der Gegend herum, weil ich glaube, mir nicht die Zeit nehmen zu können, um vernünftig in die Karte zu schauen. Das kostet natürlich wertvolle Minuten in der Gesamtwertung. In Gliesmarode weiß ich endgültig, daß ich nicht richtig sein kann und schaue auf die Karte. Denn, wenn ich hier weiterfahre, lande ich mitten in Braunschweig. Mag auch hübsch sein, ist aber nicht mein Ziel. Mein Ziel liegt in der Nähe, wie das Navi so nett sagen würde, aber ich brauche jetzt die Straße, die mich hinbringt.
Nach ein paar Minuten entdecke ich die Einfahrt, die ich von Bildern her schon kenne und suche mir und Gesa einen Parkplatz. Genau vor der Tür ist einer! Super! Hat das mit der Bestellung doch wieder geklappt. Ich stelle den Motor aus und schwinge mich auf die Straße. Als ich gerade den Helm abnehme, höre ich hinter mir auch schon jemanden meinen Namen rufen. "Hey Minya!!" Heike steht am Fenster und schwenkt beide Arme. Ich winke mit beiden Armen zurück und beeile mich, meine Sachen geschnappt zu bekommen und laufe zur Tür.
Hey wie cool! Wieder ein Bloggertreffen! Heike und ich kennen uns nur von unseren Blogs und von gelegentlichem hin und her schreiben. Jetzt sind wir beide in Echt da. Erst mal rein in die gute Stube, vorher die Stiefel ausgezogen und die Jacke und ankommen. Wir verstehen uns sofort blendend und haben eine Menge zu erzählen. Es ist ja immer so eine Sache mit einem realen Treffen. Wie wird der oder die andere sein? Wirklich so, wie dort, wo man bislang die Person kannte? Wie hört sich die Stimme an? So, wie man sich das vorgestellt hat? Heike ist wirklich so, wie man von ihr liest, unheimlich herzlich, lustig, quirlig.
Ich lerne auch gleich die Schweinebande kennen, die in ihrem Auslauf hockt und mich erwartungsvoll anschaut. Ich bin aber Tierfreundin und so gibt es nichts.
Bei uns Menschen ist das anders, Heike hat auch noch nicht gefrühstückt und so decken wir flink den Tisch und bald schon haben wir Brötchen und allerlei Leckereien vor uns stehen und delektieren uns nach Kräften daran.
Nach der nötigen Stärkung geht es dann los. Wir tüddeln uns an und gehen runter in die Garage. Dort steht Elli bereits und wartet auf uns. Nach wenigen Minuten läuft ihr Motor und ich beeile mich, mich auf Gesa geschwungen zu bekommen.
Wir fahren ein Stück von Heikes Hausrunde, einer wunderhübschen Ausfahrt bis in die Harzausläufer. Immer wieder entdecke ich Motive aus ihrem Blog am Wegesrand. Heike fährt vorweg und weist den Weg und ich rolle hinterher und lasse mich ziehen.
In einem Dorf, kurz hinter der ehemaligen Grenze, überholen wir eine Radfahrerin, die mir hauptsächlich deswegen auffällt, weil sie so ziemlich das einzige bisschen Verkehr auf der Strecke bisher darstellt. Bald hinter dem Dorf biegt Heike dann in einen Feldweg ein. Es ist einer dieser betonierten Wege aus alten LPG Zeiten und wir rollen bald wie im Traum durch die grünen Felder. Der Raps ist in der Zwischenzeit fast allerorts verblüht und so ist nun Grün die Farbe der Landschaft und nicht mehr Gelb, wie am Anfang meiner Reise.
Nach dem Ausflug in die Felder kommen wir wieder auf die normale Straße und durchfahren ein weiteres Dorf. Dort überholen wir wieder diese Radfahrerin. Hmmm.
Kurz drauf biegen wir dann abermals in einen Feldweg ein, wir sind an unserem Etappenziel angelangt. Es ist der Angelteich Rhoden. Hier lerne ich den Z - Fahrer kennen, der sich hier mit ein paar guten Kumpels von The Green Bike e.V. für die Unterstützung sozial benachteiligter Kinder engagiert. Heute steht "Kinder - Angeln" auf dem Programm. Es sind schon einige Fische gefangen worden, leider alles bislang noch recht kleine Zeitgenossen, und als wir kommen, herrscht gerade große Aufregung unter den Lütten, weil ein Frosch gesichtet worden ist.
Heike stellt mich dem Z - Fahrer vor: "Das ist Minya! Stell Dir vor, sie ist den Kyffhäuser runtergefahren...!". Er ist recht beeindruckt und wir werden gleich mit Speis und Trank versorgt und lassen uns hinter der Hütte nieder. Es gibt geräucherte Forelle, die so sensationell gut schmeckt, wie ich noch nie eine geräucherte Forelle gegessen habe. Binnen Minuten haben wir das köstliche Tier bis auf die Gräten vertilgt.
Eine lustige Truppe ist das, die sich da heute um die Kinder kümmert. So hängt irgendwann auch mal eine Büchse mit Fisch in Tomatensauce am Haken...
Nicht schlecht. Zwei Boss Hoss in zwei Tagen. Diese sieht allerdings ein, daß zwischen Elli und Gesa kein Platz für sie ist.
Als sich eine Band daran macht, ihr Equipment für den Abend aufzubauen, machen Heike und ich uns wieder fertig und fahren noch ein Stück. Tschüß, schöner Rhodener Angelteich! Und Petri Heil!
Wie wir weiterfahren, überholen wir ein drittes Mal die Radfahrerin von vorhin. So langsam gehört sie zum Landschaftsbild und ich winke freundlich, als wir sie hinter uns lassen.
Ein paar wunderbare Kilometer später und wir kommen nach Vienenburg. Dort kennt Heike die ultimative Eisdiele. Rasch die Motorräder am Straßenrand geparkt und schon sitzen wir im Gastgarten und lassen uns das wunderbare Eis schmecken. Es gibt Joghurt - Holunder und Sanddorn Eis. Köstlich!
Nach einer Weile kommt der Z - Fahrer dazu, er hat Feierabend für heute, die Dose gegen die Z getauscht und versorgt uns noch mal mit einer Runde Getränke und Geschichten aus dem spannenden Bikerleben. Der Nachmittag verfliegt im Nu. Irgendwann ist es Zeit, aufzubrechen, Tanken wäre nicht falsch, und so machen wir uns wieder fertig zur Weiterfahrt. Eine Tankstelle gibt es schräg gegenüber, das sollte also klappen, aber die Kreuzung ist tückisch. Der Z - Fahrer baut sich als Absicherung Mitten auf der Kreuzung auf und Heike und ich brummen ungefährdet rüber zur Tanke. Hier gibt es nur normales Super, ich weiß, Gesa ist was anderes von mir gewohnt, aber darauf nehme ich jetzt keine sonderliche Rücksicht.
Auf dem Heimweg vom Treckertreffen in der Nähe...
Heike führt uns nun wieder auf einem etwas ausgedehnten Stück der Hausrunde und ich fahre gemütlich den Beiden hinterher. Es macht unglaublich Spaß, so entspannt durch die Landschaft zu cruisen.
Irgendwann übernimmt der Z - Fahrer die Führung und wir stoppen schließlich in Jerxheim bei Ritchys Grill.
Dort ist man auf die Bedürfnisse von Motorradfahrern eingerichtet, das Essen ist reichlich und gut, wir sitzen gemütlich im Freien und haben einen guten Blick auf die Kreuzung, an der immer mal wieder motorisierte Zweiradler vorbeibrummen. Es gibt hier in der Nähe ein paar fahrenswerte Kurven, die werden wir uns auch noch vornehmen.
Heike macht die Hitze des heutigen Tages, wir haben wieder über dreißig Grad erreicht im Tagesverlauf, etwas zu schaffen und so bildet sie das Schlusslicht, als wir bergan den Kurven entgegenfahren. Der Z - Fahrer ist bald aus dem Bildfeld verschwunden, nur zu hören ist er noch und so schwingen Gesa und ich nun ohne direkte Linienvorschau die Kurven hinauf. Nach ein paar hundert Metern wartet er oben auf uns und wir sammeln uns zur gemütlichen Weiterfahrt. Noch einmal geht es über einen hübschen Betonweg und dann sind wir nach ein paar Minuten wieder über die ehemalige Grenze drüber und fahren in Richtung Heikes zu Hause.
So ganz so gemütlich geht der Weg aber dann nicht weiter. Auf der Bundesstraße überholt uns irgendwann so ein Hornochse mit seinem Benz - Kombi und zwar so dicht, daß er fast das Blinklicht vom Z - Fahrer, der hinter mir fährt, abfährt. Das geht so natürlich nicht. Der Z - Fahrer zündet den Nachbrenner und setzt dem Trottel auf vier Rädern hinterher. Wir sehen sie am Horizont kleiner werden. Über das, was dann passiert, können wir nur spekulieren, auf jeden Fall steht im nächsten, oder übernächsten Dorf der Z - Fahrer wieder breit grinsend am Straßenrand und wartet auf uns. Er meint, der Dosling würde das wohl verstanden haben, daß da was vekehrt war. Ich glaube es ihm sofort.
Nun geht die Fahrt wieder gemütlich und ungestört weiter, bis wir wieder vor Heikes Garage stehen. Wir klönen noch eine Weile, weit über eine Stunde, alle drei geben wir Schwänke aus unserer Jugend zum Besten und haben eine Menge Spaß, aber gegen kurz vor zehn muss ich wirklich dann aufbrechen, denn der Campingplatz hat eine Sperrstunde und ich fürchte, daß ich mit Gesa draußen bleiben muss. Die beiden erklären mir noch den Weg zur Autobahn und danach verabschieden wir uns herzlich. Es war sooooo klasse mit Euch! Wann machen wir das wieder??
Ich winke, als ich mich mit Gesa in Bewegung setze und die beiden winken mir auch nach, dann bin ich schon um die nächste Ecke verschwunden und aus dem Ort raus. Die Autobahn ist rasch gefunden und so gebe ich Gas. Die A2 zählt zwar nicht zu meinen Lieblingsstrecken, aber um die Uhrzeit an einem Sonnabend Abend ist nicht mehr so viel los und ich komme gut durch. Mit Knallgas brumme ich bis "Peine" auf den blauen Schildern vor mir zu lesen ist. In der Zwischenzeit ist es fast dunkel und ich kurve durch die Dörfer im letzten blassblauen Tageslicht und erreiche das Tor des Campingplatzes um halb elf. Rasch das Tor auf. Soll ich schieben? Nein, da kommt noch ein Auto, das auch noch rein möchte. Also fahre ich. Ich muss ja nicht rasen. Ich stelle Gesa neben dem Zelt ab und suche mir im Zelt meine Waschsachen hervor. Keiner hat bei mir eingebrochen, alles ist noch an seinem Platz. Durchs Bad schleuse ich mich im Eiltempo, ich bin nun tatsächlich ein wenig hinüber, der Tag mit seinen rund 220km war heiß und ereignisreich und die letzte Nacht recht kurz. Es ist noch keine Mitternacht, da habe ich im Zelt das Licht ausgeknipst und während ich noch Shauna vermisse, bin ich auch schon eingeschlafen. Was für ein schöner Tag!