Donnerstag, 17. März 2016

R - wie Roadster. Ausprobiert: BMW R1200R

Saisonstart! "Make Life a Ride!" - Na, dann woll'n wir mal. Frühlingsfest bei BMW, meint das Tagesprogramm.
Das Frühstück hat geschmeckt, das Wetter zeigt sich von der freundlichen Seite, also nichts wie ins Gewand und raus. Daß es gut war, noch die Winterklamotten anzulegen, merke ich, als ich mit dem Helm in der Hand zur Garage schlendere. Es pfeift ein fieser Nordost und macht die liebe Sonne zur Deko.
Gesa ist rasch ausgeparkt und ich schwinge mich auf in die Rheinhessische Landschaft, in Richtung Donnersberg. Bei solchem Wetter natürlich nicht auf der kurzen Route

Kirchheimbolanden ist eine kleine, verträumte Residenzstadt am Fuße des Donnersberges, einer weithin sichtbaren Erhebung aus der roten Erde, die hier so typisch ist. Nicht umsonst heißt die nächste Stadt hier Eisenberg.
Hier in Kirchheimbolanden empfängt mich die Filiale des BMW Motorradzentrum Kaiserslautern. Beim Stammhaus war ich ja im vorletzten Herbst gewesen.
Als ich auf den Hof rolle, ist von Saisonstart und Fest nicht viel zu sehen. Einige Maschinen stehen vor der Tür, ein paar Großroller und sonst nichts. An der Tür ist ein Transparent angebracht. Ich bin doch richig hier und habe mich nicht im Tag vertan. Im Verkaufsraum sind Menschen zu erkennen.
Eigentlich sieht es hier aus wie immer, nur sind mehr Leute zu sehen. Ich schlendere durch die Bikes und schaue mich um. Aber dafür alleine bin ich nicht hierher gekommen. Wer mich kennt, der weiß, ich will fahren.
"Ich würde gerne mal die R1200R fahren!" raune ich über den Tresen. "Klar, kein Problem!". Der Mann druckt einen Zettel mit den Modalitäten aus, greift in die Schublade und geht mit mir nach draußen. Keine Frage, ob ich einen Führerschein hätte. Hier zweifelt keiner.
Draußen erklärt er mir kurz ein paar Dinge, die ich wissen sollte und danach dann heißt es "Gute Fahrt!"

"Ignition!" Der dicke schwarze Knopf unterm Lenker fordert gedrückt zu werden. Die Maschine hat "Keyless go", da bleibt der Schlüssel im Hosensackerl und ich drücke den roten Knopf am Lenker. Very sophisticated! Der Boxer, dicht unter mir erwacht. Die Maschine vibriert angenehm, erster Gang rein, die Beine sortiert und los.
Auf den ersten Metern ist es reichlich ungewohnt, die Maschine ist sehr niedrig und ich muss die Beine sehr abwinkeln. Als ich auf die Straße einbiegen will, habe ich zunächst etwas Probleme, die Beine wieder von den Rasten zu bekommen. Aber danach läuft es! Durch den Kreisel, unter der Autobahn durch, Landstrasse. Ich schaue auf den Tacho. Die Anordnung ist ungewohnt und etwas verwirrend. Die Nadel zeigt knappe hundert. Siebzig sind erlaubt. Also langsamer. Die Maschine ist neu, die Reifen also auch, ich wurde extra noch einmal gewarnt, es sei noch kühl auf der Straße und die Reifen schmierig. Also doppelte Vorsicht.
Der Motor läuft ruhig, dennoch kernig, vom Antrieb kommt das typische Bitzeln. Ich fühle mich sofort wohl auf der Maschine. Durch das kleine Windschildchen gibt es keine unangenehmen Verwirbelungen, zum Wind abhalten taugt es aber auch nicht, bei seiner Größe. Es gibt ein noch kleineres in einer Stylevariante, das ist dann wirklich nur noch Deko. Das wird dann auch als "Cockpitblende" verkauft. Puristen nehmen sie ohne alle Schilder, Touristen mit dem großen Touringschild. Letzteres möchte ich mir aber nicht zu Ende denken.
In Gauersheim biege ich ab. Ich schlängele mich ins Zellertal und biege auf die Straße Richtung Marnheim ab. Nach ein paar Metern kommt ein Parkplatz, da setze ich den Blinker und fahre raus. Erst mal sehen, was wir da überhaupt fahren.
Wird im Stylepaket 2 als "Dezenter Schriftzug" extra beworben. Wenn es sonst nichts zu sagen gibt...
Sportwindschild
Das Motorrad ist kompakt, fast ein wenig bullig, zitiert die gute alte Zeit und ist dennoch absolut von Heute. Der Motor hält 125 Pferde bereit, und ebsoviele Newtonmeter. Es ist also der gleiche Motor, wie er auch in der R1200GS/GSA steckt.
Einarmschwinge mit Kardan und Paralever (oben, über der Schwinge)
Die Rasten kann man auch gegen HP (High Performance) Parts tauschen.
An Elektronik bringt sie vermutlich mehr mit, als das gesamte damalige Mondprogramm der NASA. Es ist eigentlich alles da. Wie bei Vorführmaschinen typisch, ist so ziemlich das gesamte Zubehörheft verbaut. Also Dynamic ESA, also die elektronische Einstellung für das Fahrwerk, von weitem sichtbar an der goldenen Gabel, Schaltassistent Pro, das ist der Blipper, die dynamische Traktionskontrolle, LED Blinker, Tagfahrlicht, Kofferhalter, Gepäckbrücke, Tempomat, und und und.
Teil des Stylepakets: Gold eloxierte Brembos. Bremst sehr bissig, aber nicht anders als die schwarzen auch.
Lenkungsdämpfer
Styropor, wo sonst der Telelever sitzt.
Dynamic Esa
Merkelraute...
...mit Tagfahrlicht
Sieht so etwas übrfrachtet aus, man kann es aber auch in zwei andere Modi umstellen. Bei einem hat man dann auch eine große Geschwindigkeitsanzeige im Display.
Elektronikschmäh: Wenn man Gas gibt, werden die Zahlen auf dem Drehzahlmesser dicker
Rechts: das Übliche. Und einstellbarer Bremshebel
Links: Deutlich mehr als sonst. Komplett mit Tempomat, Einstellrad für das optionale Navi, sowie Schalter für das Tagfahrlicht.
Zweiteilige Sitzbank. Unter dem Sozius das Werkzeug
Gepäckbrücke
Kofferhalter
Einarmschwinge von der anderen Seite
So ausgestattet stehen runde 20 Kilo Eier vor mir. Die Farbe nennt sich "Thundergrey Metallic", wirkt aber im ersten Moment einfach nur schwarz. Die Nouancen kommen erst, wenn man nah ran geht.
Ich schwinge mich also wieder auf die schwarze R1200R und lasse mir noch ein wenig den Wind um die Nase wehen.

In den Kurven macht sich der tiefe Schwerpunkt sehr positiv bemerkbar, sie liegt satt in der Kurve und wenn die Reifen nicht so neu wären, dann wäre noch mehr drin. So belasse ich es beim gemütlichen Speed. In Marnheim biege ich links ab und fahre ein Stück in Richtung Kaiserslautern. Der Schaltassistent rupft ein wenig, aber bei den letzten drei Gängen ist er perfekt. Bei der S1000XR lief er in den unteren Gängen etwas geschmeidiger. Auf der Geraden habe ich Zeit, etwas am Menü zu daddeln, denn bei dichtem Gegenverkehr schleicht einer vor mir her. Ich verlasse also im nächsten Dorf diese Straße und biege auf eine kleine Straße ab, auf der ich noch nie gefahren bin. Die entpuppt sich als winziges Weglein mit etwas krumpeligem Asphalt. Das Fahrwerk der "R" ist einiges straffer als das von Gesa, aber auch hier nicht unangenehm. Allerdings sollten solche Passagen nicht allzulange dauern. Das rüttelt doch schon ordentlich. Am Ortsausgang des kleinen Dorfes, durch das ich komme, bleibt ein junger Papa mit seinem Filius im Kinderwagen stehen und schaut mir nach. Das Geräusch, das aus dem Auspuff kommt, ist nicht aufdringlich, aber durchaus bestimmt. Typischer Boxerklang.
Die Straße führt mich zurück auf die Landstraße nach Kaiserslautern, die ich eben verlassen habe und ich schlage die Richtung zurück nach Kirchheimbolanden ein. Die Zeit, die ich mitbekommen habe, läuft bald ab und ich möchte pünktlich zurück sein.
Jetzt ist die Gerade frei und ich drehe den Griff in meiner Rechten. Heißa! Das läuft gut! Die Arme längen sich spürbar und wenn die Traktionskontrolle nicht wäre, dann würde jetzt das Vorderrad steigen. Das Gefühl gibt es auch bei 100+ auf der Uhr noch. Beeindruckend. Dabei wird der Motor nie wirklich laut. Auf dem Weg nach Bolanderhof schnupfe ich noch einen Schleicher auf und schwinge dann durch die Kreisel in Kirchheimbolanden. Wieder ist der tiefe Schwerpunkt mein Freund. Die Maschine läuft fast wie selbstverständlich durch die Radien. Das ist schon sehr schön!
Als ich zurück auf den Hof rolle, hat es sich etwas gefüllt, alle Augen liegen auf mir, als ich sie einparke. Ob es nun an der R liegt, oder an meiner gelben Jacke, das kann ich allerdings nicht sagen.

Wie war's nun? Ein Wort: Cool. Der Motor ist zu jedem Zeitpunkt über alle Zweifel erhaben. Nicht umsonst schart der Boxer so viele Fans um sich. Das Motorrad liegt sauber und satt auf der Strasse, man hat immer ein sicheres Gefühl. Auch ich mit meiner Größe habe mich darauf zurechtgefunden. Es gibt Sitzbänke von 760 - 840mm Höhe. Da ist fast für jede und jeden was dabei. 230 Kilo mit fast vollem Tank sind nicht wirklich schwer, aber auch kein Lercherl. Das Gute daran ist aber, man merkt von dem Gewicht nichts. Vom Seitenständer lässt sie sich ganz leicht, fast mit einem Finger in die Senkrechte bringen. Das meiste Gewicht sitzt im Motor und der ist ziemlich tief verbaut, das kommt dem Kurvenfahren entgegen.
Hat das Spaß gemacht? Oh ja.
Es ist aber wie immer. Kaum sitze ich wieder auf Gesa, will ich fast nichts anderes mehr haben.


Kommentare:

  1. Hallo Minya,
    da kommt ja schon viel Spaß rüber beim lesen! Ich selber finde es nur schade das viele der neuen Motorräder ( nicht nur BMW ) vom Design zu protzig oder sogar agressiv gestaltet sind. Einfach mehr Stil und Understatement würden mir besser gefallen.
    Gruß Peter

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dieses protzige, oder agressive Design kommt sicher auch zum Teil daher, daß die Firmen glauben, jedes Jahr etwas "neues" bringen zu müssen. Und wenn die Farbvarianten nicht mehr gehen, dann wird halt an irgendeiner Ecke des Motorrades gefeilt. Und je nach Zeitgeschmack und Firmenimage, wird es dann entweder protzig, oder agressiv, und/oder überladen. Bis dann eines Tages ein neuer Designer sich dransetzt und aufräumt.
      Zum Glück gibt es immer wieder wohltuend "normale" Eisen, die nicht unbedingt nun die Retroecke bedienen müssen, aber wenn man sich ehrlich ist, dann sind die häufig ein wenig fad geraten.

      Löschen
  2. Klasse Fahrbericht, Minya. Mir persönlich wäre zu viel Technik dran, die kaputt gehen kann. Ich mag es da beim Mopped eher puritanisch. Gelungen aus der R Reihe finde ich immer noch die 9NineT. Die würde ich gern mal Probe fahren.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh ja, die NineT! Die würde ich auch gerne mal zur Probe fahren. Gestern ist mir erst ein NineT Fahrer begegenet. Der Sound ist auch einfach toll.
      Was die ganze Technik angeht, man muss ja zum Glück nicht das ganze Zubehörheft ordern. Aber, wenn man dann beim Ankreuzen ist, dann rutscht vermutlich schon das ein oder andere Schmankerl in die Liste.
      Ich gehe da mit Dir d'accord, so oft ist weniger mehr. Auch am Motorrad.
      Von der Kragenweite der SR400, oder der W800, das wär's...

      Löschen
  3. Hi Minya, welche Sitzbank hatte die Proben-R? Grüße, Thomas

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hi Thomas! Das ist die Standardsitzbank gewesen. Also 790mm. Es gibt noch zwei höhere und eine tiefere. Für meine Körpergröße war aber die Standardbank eigentlich zu niedrig.
      Größere Händler, oder Niederlassungen sollten verschiedene Bänke zum Probefahren anbieten können, da musst Du einfach mal schauen.
      Viele Grüße,
      Minya

      Löschen
  4. Jetzt bin ich neugierig. Bin erst eine BMW gefahren und das war sehr enttäuschend für mich! S 1000 R! Ein unmögliches Motorrad! Werde mal den Boxer probieren!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da bin ich gespannt, was Du sagen wirst. Bei der S1000R ist ja der selbe Murl drin, wie bei der S1000XR. Im Vergleich dazu hat mir der Boxer besser gefallen, auch wenn er nicht so viel PS hat. Der läuft viel geschmeidiger und hat mehr Kultur.

      Löschen
  5. Au backe. Dieser Technik Schnickschnack im Display. Und ansonsten auch ... ich bin hoffnungslos veraltet, muß ich zugeben. An mir verdient BMW nichts ... ich bin Fan von althergebrachten runden Tachodarstellungen. Tacho und Drehzahlmesser, fertsch.
    Mal sehen, wie ich mich entscheide, wenn ich älter bin. So 70 oder so ... vielleicht Beiwagenfahrer oder so.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das geht mir aber genauso. Mir war das Display auch zu überladen. Wer schaut denn da drauf? Bis man entdeckt hat, was man wissen wollte, da hat man längst die Flugphase in den nächsten Acker eingeleitet. Es gibt zwar noch zwei andere Modi, die sind einfacher abzulesen, aber die habe ich in der kurzen Zeit nicht gefunden.
      Es gibt ein paar Helferlein, die ganz sinnvoll sind, ABS und Traktionskontrolle, zum Beispiel, aber sehr viel mehr braucht man unter normalen Umständen eigentlich nicht.
      Da werden mir sicher jetzt viele widersprechen, weil die ganze Technik viele Eisen für uns erst reitbar machen, aber wenn ich mit der ganzen Technologie die Motorenkraft sedieren muss, um oben zu bleiben, dann ist der Sinn ein wenig verfehlt.
      Und wenn die Leute nur, wie du schreibst die 15 Kilometer bis zum nächsten Biergarten fahren...

      Löschen
  6. Ich liebe ungeschönte Fahrberichte: vielen Dank dafür! :-) Die R spukt mir auch noch im Kopf herum... Wenn da nicht der ausladende Boxermotor, all dieser Elektronikschnickschnack und letztendlich der Preis wäre! Habe gehört, auch hier wäre der Kupplungshebel sehr schwergängig und ließe sich für Leute mit kurzen Fingern nicht nah genug an den Griff heranstellen. Welchen Eindruck hattest Du?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So weit ausladend ist der Boxermotor gar nicht. Ich habe schon Bilder von einem angeschliffenen Unterbugspoiler gesehen. Den scheint es wohl zuerst zu erledigen.
      Bei der Elektronik kann man natürlich auch auf das Basismodell zurückgreifen, da ist dann echt nur das nötigste drin. Aber ich glaube, man macht schneller sein Kreuzchen bei sonstwas für Paketen, als man schauen kann.
      Das mit den Fingern und der steifen Kupplung kann ich nicht sagen. Die Kupplung war absolut unauffällig. Wie bei meiner Gesa auch. Ich habe aber leider nicht geschaut, wie weit sich der Hebel verstellen lässt. Da ich eher große Hände habe (9), hatte ich damit tatsächlich keine Probleme.
      Bei der Triumph Scrambler war mir die etwas schwerere Kupplung aufgefallen, zumindest am ersten Tag. Danach hatte ich mich dran gewöhnt.

      Löschen
    2. Dazu noch als Nachtrag: ich habe die Tage Gelegenheit gehabt, bei einer weiteren R1200R an der Kupplung zu ziehen. Die war absolut butterweich. Und auf Stellung 4 sollten auch Personen mit kleineren Händen mit der Kupplung - oder dem Bremsengriff zurechtkommen.

      Löschen
    3. Danke! Wird Zeit, dass ich mal zum Händler fahre... ;-)

      Löschen
  7. Boah, heißes Geschoss. Du hast immer ein Glück :-)

    Zum jungen Papa mit Fillius: Gestern stand ich mit dem Rad am Straßenrand und sortierte meine Klamottage neu, weil es etwas zugig wurde. Papa blieb stehen und beäugte mein Fahrrad bewundernd. Das fand ich klasse, weil es ja nur ein Fahrrad ist, sozusagen, also nichts besonderes. Naja, und so kamen wir in's Gespräch. Mit dem Motorrad wäre mir das nicht passiert, höchstens an der Tanke ... *lach* ...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich glaube, auch Fahrräder genießen seit ein paar Jahren wieder mehr Wertschätzung. Und da muss es heute nicht mehr die sündteure Shimano - Zig - Gang Schaltung mit allen Schnörkeln sein, wie bei den Kollegen damals in den Neunzigern im Aufenthaltsraum, da bindet schon ein recht "normales" Rad einige Emotionen.

      Löschen