Donnerstag, 26. Mai 2016

Schwarzwaldkringel reloaded. - #IFRD2016

+++07.05.2016+++

Die Nacht ist irgendwie unruhig, ich habe krudes Zeug geträumt und bin mitten in der Nacht mit trockener Kehle und laufender Nase aufgewacht. Heuschnupfen. Hier war es vor wenigen Tagen noch kalt und es hat sogar Schnee gelegen. Die Natur ist noch lange nicht so weit, wie bei uns. Die Birken holen gerade erst aus. Ich wälze mich aus dem Bett, tapere im dunklen, ungewohnten Zimmer tastend durch die Tür und suche nach dem Treppengeländer. Es geht drei Stufen nach oben zum Bad. Wenn ich jetzt das Licht anmache, wars das mit Nachruhe. Ich finde aber im Dunklen, was ich brauche und wackele zurück ins Bett. Richtig gut wird die Nacht auch danach nicht mehr.

Um sieben piept unbarmherzig der Wecker im Händi. Der Spalt im Vorhang ist milchig hell. Sonst ist es noch recht dunkel im Zimmer. Auf, hoch, ich muss schließlich noch tanken. Als ich den Vorhang zur Seite schiebe, sehe ich blauen Himmel und sonnenbeschienene Tannen. Sehr gut!
Um acht bin ich soweit fertig, ich nehme den Helm und den Tankrucksack und begebe mich runter zum Frühstück. Mein Tisch ist die Nummer 35, ein Katzentisch an der Balkontür. Würde ich hier zu Abend essen, oder Frühstücken, das wäre mein Tisch, hatte die verschüchterte junge Dame am Empfang mir gestern Nachmittag noch gesagt. Zimmer mit Tisch. Das hatte ich auch noch nicht.
Ich lasse das Buffet in der Mitte des Raumes aus und fülle mir nur ein paar Eßlöffel Müsli und einen guten Schluck Milch in eine Schale. Jetzt noch Kaffee und dann soll es gehen für den Weg nach Erbersbronn. Dort gibt es richtiges Frühstück.
Von diesem Imbiss nicht allzulange aufgehalten, stehe ich bald drauf bei Gesa, die die Nacht im Freien verbringen musste und die ich jetzt ein Stück vorschiebe, damit der Rest vom Sattel auch noch etwas Sonne abbekommt und der Tau abtrocknet. Das ist auch nach wenigen Augenblicken der Fall, man kann direkt dabei zusehen und so bollert Gesas Motor bald drauf schon in den Samstagmorgen hinein. Das Thermometer steht noch bei neun Grad.

Als ich in Erbersbronn ankomme, stehen schon welche von den anderen wieder vor der Tür, trinken Kaffee, blinzeln verschlafen in die Sonne, oder telefonieren am einzigen Punkt, wo es Empfang gibt.
Heute ist IFRD. Der International Female Ride Day! Heute, am ersten Samstag im Mai, sind weltweit Frauen auf dem Motorrad unterwegs!
Ich mache mir drinnen in der Küche ein paar Brötchen klar, nehme Kaffee und setze mich mit den großen Raum. Man merkt, daß alle etwas aufgeregt sind, gleich wird es losgehen. Wir tauschen Geschichten vom letzten Mal aus ("meine Güte, hat das da geregnet bei der An und Abreise..!") und auf einmal ist es kurz vor zehn und es geht los. Wir sammeln uns alle bei den Motorrädern, Frauke erklärt noch mal kurz unseren Plan und das Vorgehen und dann, kurz bevor es losgeht, kommen endlich noch zwei Teilnehmerinnen und bringen noch eine Frau mit, die sie unterwegs eingesammelt haben. Wir brechen auf und fahren erst einmal in Richtung Unterstmatt. Die Strasse ist stellenweise noch nachtfeucht und schattig. Zu warm ist es bislang auch nicht. Angekommen werden wir uns in drei Gruppen aufteilen und dann ausschwärmen. Hier auf dem ersten Wegstück zeigt sich schon gleich, welche Anordnung in der Gruppe nachher sinnvoll sein wird.
In Unterstmatt bauen wir uns erst mal alle in einer Reihe auf und stellen uns zu einem Gruppenfoto. So viele Frauen mit Motorrädern auf einmal, wir sind bald dreißig Frauen, das weckt Interesse. Von allen Seiten schauen die Leute.
Es findet sich auch noch eine Frau, die sich uns spontan mit anschließt. Bevor wir aufbrechen, sortieren wir uns in die Gruppen, für die wir uns angemeldet haben. Es wird, wie im letzten Jahr auch, drei Gruppen geben, eine touristisch ausgelegte, da wird Rücksicht genommen auf Teilnehmerinnen, die sich nicht so viel zutrauen, oder erst wenig Erfahrung haben, ihre Strecke wird rund 150 Kilometer lang sein, dann eine ambitionierte Gruppe, das sind dann schon Fahrerinnen, die etwas weiter sind, auch ich habe mich für diese Gruppe angemeldet, wir werden etwa 250 Kilometer fahren und dann gibt es noch die sportliche Gruppe. Der Name sagt fast alles, hier geht es etwas zünftiger zur Sache. Sie werden am Ende des Tages etwa 300 Kilometer gemacht haben.
Frauke setzt sich an die Spitze unserer Gruppe, sie weiß den Weg, sie hat ein Navi, sie wird uns führen. Etwas zeitversetzt zu den anderen Gruppen starten wir zu unserer Runde. Es geht zunächst einmal ein Stück auf der B500.
Es ist Samstag, es ist schönes Wetter und der Schnee ist an den meisten Stellen nun endlich getaut. Das lockt entsprechend andere Zweiradler auf die Strecke. Und das lockt auch Fallensteller an die Strecke. Nicht weit von Unterstmatt sehen wir bald welche stehen und mit der Radarpistole auf Kundschaft warten. Sie tun das in unserer Gegenrichtung, so haben wir nichts zu befürchten.
In einer endlos langen Baustelle überholt uns die schnelle Gruppe. Sie sind also in der Tat schneller als wir. Aber das habe ich ja im letzten Jahr schon festgestellt. Kurz vor Kniebis biegen wir ab, in Richtung Oppenau. Die Straße ist etwas kleiner, das Wetter ist toll, es ist nicht zu kalt und wir fahren nicht zu schnell. Alles optimal.
Es ist gegen elf, als wir in Oppenau ankommen. Wir suchen uns einen Parkplatz vor der Kirche und nehmen erst mal einen Kaffee. So kanns weitergehen!
Nach einer Weile gesellt sich auch die touristische Gruppe dazu und irgendwann brummen die sportlichen an uns vorbei. Wo die wohl in der Zwischenzeit gewesen sind? Am liebsten würde man ja alle drei Touren gleichzeitig fahren!
Nachdem wir uns gestärkt und den ersten Abschnitt der Tour besprochen haben, geht es weiter über Peterstal, ich weiß jetzt, wo die blöde Radiowerbung für das Mineralwasser herkommt, und dann weiter, auf einer herrlich kleinen, stark gewundenen Straße, bis wir uns kurz vor Freudenstadt wieder tiefer in den Schwarzwald hineinschwingen.
Die Strasse bleibt so klasse und so klein, allerdings ist das Tempo für meine Verhältnisse auf dieser Straße recht hoch. Zudem gibt es einige tückische Bitumenflickenplacken. Auf einem dieser "Straßenausbesserungen" rutschen Frauke und noch ein paar andere sogar mal ganz ordentlich. Das ist alles nicht zu verachten. Allerdings erreichen wir alle heil und munter Schenkenzell. Hier scheint der Weg zu unserem Mittagstisch durch eine Baustelle versperrt zu sein, aber Frauke kennt den Weg daran vorbei und schon bald sitzen wir alle happy und zufrieden an einem langen Tisch auf der Terrasse.
Hier sind wir alle zum Essen gebucht. Das heißt, hier werden wir uns treffen. Theoretisch gibt es hier die Möglichkeit von der einen zur anderen Gruppe zu wechseln. Aber noch sind wir alleine. Von den anderen ist nichts zu sehen. Auf die touristischen müssen wir nicht allzulange warten. Aber wo sind die sportlichen? Da wir eh nicht alle an einen Tisch bekommen, fangen wir schon mal an und bestellen was zu essen. Von den anderen immer noch keine Spur. Sorgenvolle Gesichter. Es wird doch wohl nicht...? Nein, endlich hören wir Motorengeräusch, Petras Ducati ist meilenweit zu erkennen und bald drauf erscheinen sie vollzählig am Parkplatz.
Annikas Navi hat gestreikt. Sie sind daraufhin etwas herumgeirrt und haben ein Zwischenziel weiträumig eingekreist, bis sie auf den Weg, den sie eigentlich fahren wollten, gelangt sind. Annika kommt aus dem Saarland und ist hier fremd. Sie hat sich also anhand der Karte auf dem Tankrucksack hierher gehangelt. Mit der ganzen Gruppe im Rücken hat das sicherlich Stresspotential.
Als sie gerade angekommen sind, sind wir auch schon wieder fertig, um aufzubrechen. Es geht nun in einer etwas anderen Reihenfolge als zuvor, ich bin ein paar Positionen nach hinten gerutscht, in Richtung Alpirsbach. Da gibt es doch diese Brauerei! Als Kind konnte ich mir bei der Fernsehwerbung unter "Klosterbräu" nichts vorstellen. Kloster und Bier kannte ich nur aus der Werbung und hatte folglich keinen Schimmer von den Termini. So hörte ich also immer "Alpirsbacher Knusperbräu". Heute endlich komme ich an der Brauerei vorbei! Es gibt sie tatsächlich. Und ich bin im Herzen immer noch enttäuscht, daß es nichts zu knuspern gibt.
Auf der B294 machen wir erst einmal gute Fahrt. Der Verkehr ist nicht dicht, wir schwingen die Kurven bergan und bergab und sind bald in Loßburg. Von da geht es weiter nach Dornstetten und dann sind wir auf der B28. Ein paar Autos überholen wir auf der Bundesstraße und irgendwann mischt sich ein Harleyfahrer unter uns. Es ist interessant festzustellen, daß entgegenkommende Harleyfahrer nur ihn grüßen. In Altensteig biegt er auch ab, hat aber bald drauf seinen eigenen Weg und brummt davon.
Wir schlagen uns wieder in den Wald. Unser Ziel lautet: Nagoldtalsperre. Währen wir in Seewald abgebogen, dann hätten wir vermutlich an der Talsperre auch den Harleyfahrer wiedergetroffen. Aber als ich ein Hinweisschild an mir vorbeifliegen sehe, sind wir alle an der Abbiegung bereits vorbei. Ich merke, daß Frauke unruhig wird. Ihr Gefühl sagt auch ihr, daß etwas nicht stimmt. Als es im Wald einen Randstreifen neben der Bundesstraße gibt, halten wir an und orientieren uns.
Fraukes Navi ist auch ausgefallen und hat sie in die Irre geführt. Es lässt sich auch nicht zur Weiterarbeit überreden und so sind wir etwas aufgeschmissen. Hier, wo wir jetzt sind, hätten wir vermutlich auf der Weiterfahrt entlangkommen sollen. Frauke beschließt, daß wir die Nagold Nagold sein lassen und uns eine andere Talsperre suchen.
Wir fahren ein Stück zurück und nehmen dann das kurze Verbindungsstück ins Murgtal. Dieses Verbindungsstück hat es in sich und so sehen wir hinter einer Haarnadelkurve am Straßenrand einen schnittigen Sportwagen stehen, dessen Beifahrer aus vollstem Herzen in die Botanik reihert. Das lässt Rückschlüsse zu.
Wir folgen dem Murgtal in Richtung Norden und biegen dann vor Forbach ab in Richtung Erbersbrunn. Aber wir wollen noch nicht nach Hause. Zuerst kommt die versprochene Talsperre. Die Schwarzenbachtalsperre ist auch ein beliebter Bikertreffpunkt und es kommen uns auf dem Weg dort hoch einige Tiefflieger entgegen. Entsprechend voll ist der Parkplatz an der Talsperre. Wir finden einen Platz auf dem ansteigenden Auto- und Busparkplatz und setzen uns auf die harten Holzbänke bei einem Kiosk. So richtiges Kaffee und Kuchenfeeling mag in uns nicht aufkommen und so beschließen wir bald wieder aufzubrechen.
Diejenigen, die tanken müssen, fahren hinunter nach Forbach und der Rest biegt unterwegs ab, in Richtung Erbersbronn. Ich fahre noch runter bis zur Tankstelle, auch wenn ich noch nicht tanken muss, einfach aus Spaß am fahren.
Jetzt am Nachmittag ist es ordentlich warm geworden, runde 25 Grad zeigt Gesas Thermometer an und ich bin froh, daß ich vorhin bei der Mittagspause eine Lage Unterwäsche ausgezogen habe.  
Als wir schließlich alle wieder am Freizeitheim angekommen sind und die Motorräder von denen, die hier übernachten, in Schlafposition rangiert werden, zeigt sich, daß bei einer Harley der Gangschalthebel lose ist. Sofort ist Werkzeug zur Hand und der Hebel abgebaut. Nach eingehender Untersuchung stellt sich heraus, daß da irgendjemand mal eine falsche Schraube reingedreht hat. Der Hebel klemmt dadurch nicht richtig auf der Welle und flippt hin und her. Da wird sie am Montag mal zum Händler fahren müssen und eine richtige Schraube besorgen müssen. Denn so ist das wirklich nicht gut. Auch nach den Kabeln der Scheinwerferlampe wird sie mal schauen lassen müssen.
Gesa hat die Ausfahrt gut überstanden und ich habe sie gleich in Fluchtrichtung geparkt, damit ich nachher gut raus komme, wenn ich ins Hotel fahre. 
Mittlerweile haben alle Hunger und es ist gut, daß gerade jetzt das Essen für uns fertig ist. Es ist reichlich aufgetischt und alle machen guten Gebrauch davon. Total lecker und echt klasse! Vielen Dank noch mal dafür!
Der Abend vergeht unter tollen Gesprächen wie im Fluge und ich erschrecke regelrecht, als es schon nach elf ist. Ich muss ja noch bis Baiersbronn! Also schnappe ich meine Sachen, verabschiede mich in die Runde und breche auf. Es ist wieder kühl geworden, ich ziehe das zweite Oberteil wieder über und schwinge mich in die Nacht. Auf der Straße durchs Murgtal ist zu dieser Uhrzeit überhaupt nichts mehr los. Nur eine Straßenbahn, die von Karlsruhe kommt und hier als eine Art S - Bahn verkehrt, begleitet meinen Weg. Ich fahre gemütlich, denn ich weiß nicht, was es hier an Wild so gibt. Trotzdem bin ich nach zwanzig Minuten am Hotel angekommen und stelle Gesa an die gleiche Stelle, wie gestern abend. Bis ich im Bett liege, vergeht jetzt keine Viertelstunde mehr. Schon fast im Halbschlaf schreibe ich meine Erlebnisse in mein kleines Buch und mache unmittelbar nach den letzten Worten das Licht aus. Was ein geiler Tag!

Das ist die Strecke, die wir heute gefahren sind. Inklusive meiner An- und Abfahrt vom Hotel war ich 260 km unterwegs.

Donnerstag, 19. Mai 2016

"He, du Leutenant!" - Auf den Spuren von Carl Schurz

"In Mainz angekommen, erfuhr ich von einem Mitgliede des dortigen demokratischen Vereins, daß Kinkel bereits durch die Stadt passiert sei, um nach der Pfalz zu gehen; der Mainzer Volksführer Zitz, der ein rhein-hessisches Korps organisiert habe, um den Pfälzern zu Hilfe zu ziehen und augenblicklich in Kirchheimbolanden stehe, könne mir wahrscheinlich näheres sagen. So machte ich mich denn zu Fuß nach Kirchheimbolanden auf den Weg, mein Gepäck in einem Tornister auf dem Rücken tragend." - Ich lasse mein I - Pad sinken. Die Dinge haben sich also in meiner direkten Umgebung abgespielt. Der, der diese einleitenden Zeilen geschrieben hatte, war Carl Schurz gewesen, geboren 1829 in Liblar, studiert in Bonn, 1849 Mitglied der Badisch - Pfälzischen Revolutionsarmee, über London nach Amerika emigriert, dort Wahlredner für Abraham Lincoln, Gesandter der USA in Madrid, General der Nordstaatenarmee im Bürgerkrieg, Zeitungsverleger, Innenminister der USA. Eine stolze Karriere. Ich bin per Zufall auf ihn gestoßen, als ich die Reiseroute für den heutigen Freitag ausgearbeitet habe. Im Hintergrund lief, wie so oft eine CD. Diesmal war es eine Gundermann CD, von Liveauftritten, also mit den entsprechenden einleitenden Zwischenstücken. Mein Finger gleitet gerade auf der Landkarte über den Ortsnamen "Rastatt", da höre ich aus dem Lautsprecher der Anlage eben jenen Ortsnamen, im Zusammenhang mit eben Carl Schurz genannt.
Diese CD habe ich schon zig Mal gehört, nie habe ich mir etwas dabei gedacht, daß etwa über das Normalmaß hinausginge. Dinge mit Soldatentum, Festungen, Waffen und dergleichen, haben mich nie besonders interessiert. So war ich auch über diesen Abschnitt eigentlich immer hinweggeglitten. Nun, da es da diesen zufälligen Zusammenhang mit meiner Reise am kommenden Wochenende gibt, recherchiere ich ein wenig. Kurz drauf habe ich die Lebenserinnerungen von Carl Schurz auf dem Bildschirm des I - Pads und suche den Abschnitt über die Badisch - Pfälzische Revolution heraus. Dort muss ja dieser Abschnitt über Rastatt vorkommen. Vielleicht lässt sich daraus etwas machen. Nach den ersten Zeilen stocke ich. Als ich das Pad danach wieder hochnehme, um weiterzulesen, kann ich gar nicht wieder aufhören. Viel zu interessant und hochspanndend ist das alles, was ich dort zu lesen bekomme. Erst, als die Uhr halb zwei in der Nacht schlägt, zwinge ich mich, die Ausführungen beiseite zu legen.


Gesas Motor läuft schon seit heute morgen um neun, ich habe eben Nieder Olm hinter mir gelassen und wir brummen auf der Pariser Strasse in Richtung Südwesten. Die Geschichte von Schurz, der behütet als Lehrerssohn in Rheinpreußen aufgewachsen ist, später in Köln die Schule besucht hat, bevor er 1848 in Bonn das Studium beginnt, habe ich in der Zwischenzeit bereits zu weiten Teilen gelesen. Er schließt sich seinem Professor an der Universität, dem Dichter Gottfried Kinkel, an, als im Jahre 1849 die von der Nationalversammlung in Frankfurt an den Preußischen König vergebene Kaiserkrone von diesem abgelehnt wird und es in der Folge zu Abspaltungserscheinungen landauf landab kommt, die in Bonn in einem Marsch auf das Zeughaus in Siegburg münden. Als dieses Unternehmen misslingt, die Preußen sich die Macht im Staate nicht so einfach wegnehmen, bzw. zuteilen lassen, sind sowohl Kinkel, als auch Schurz, zur Flucht verdammt.
"In der kleinen Stadt Kirchheimbolanden fand ich Zitz, einen hochgewachsenen stattlichen Mann, inmitten seiner, wie es schien, wohlausgerüsteten und auch einigermaßen disziplinierten Freischar. Das Lager machte keinen üblen Eindruck. [...] Nur hatte die Artillerie, die aus drei oder vier kleinen Böllern bestand, wie man sie zum Knallen bei Festlichkeiten gebraucht, etwas Spielzeugartiges."


Der Weg, den ich mit Gesa nehme, ist eine alte Heerstraße, sie verläuft oft endlos lange, schnurgerade Stücke über Land. Nur an geografischen Besonderheiten, macht sie mitunter Kurven. So komme ich durch Alzey hindurch, wo an diesem Freitag Vormittag recht viel Verkehr herrscht. Gestern war Feiertag gewesen, das nutzen viele heute als Brückentag, um sich ein langes Wochenende zu machen. 
Nach ein paar Kilometern fast gerader Straße, gelange ich nach Kirchheimbolanden. Die Stadt schlummert ein wenig im Schatten des Donnersberges und seit die Autobahn den meisten Teil des Autoverkehrs an ihr vorbeiführt, ist es noch ein wenig ruhiger geworden. Ich stelle Gesa vor einer Seniorenresidenz ab. Hier passt der Ausdruck "Residenz" zufällig mal ganz prima, denn es ist ein ehemalig herrschaftliches Haus.
Ich lasse den Helm bei Gesa zurück, nehme nur meine beiden kleinen Kameras und mache mich zu einem kleinen Rundgang auf.
In der Stadt ist noch vieles so, wie es vor rund 170 Jahren auch gewesen sein mag. Lediglich die Geschäfte sehen anders aus, es gibt etwas neuzeitliche Möblierung der Strassen und es fahren Autos dort. Die Leute gehen ihren normalen Geschäften nach, manche eilen zum Markt, andere ergehen sich in den Gassen. Ein Mann mit Lederjacke und langen, grauen Haaren nickt mir freundlich zu, als kenne er mich. Vielleicht ist es nur eine Solidaritätsbekundung, denn ich trage auch eine Lederjacke und habe lange Haare. Oder er ist auch mal Motorrad gefahren.
Allzulange halte ich mich allerdings nicht auf, denn am Nachmittag bin ich heute noch verabredet.
Bald schon brummt Gesa wieder unter mir und ich verlasse die Stadt in Richtung Kaiserslautern. In Marnheim wird mein Lauf allerdings gestört, es gibt eine Baustelle. Die Ankündigung hatte ich bereits neulich gelesen, also trifft es mich nicht ganz unvorbereitet. Ich biege ab und schlängele mich für ein paar Kilometer durchs Hinterland, bevor ich wieder auf meine normale Route gelange. 
Ich überhole ein schweizer GS - Pärchen und begegne kurz vor Langmeil noch einem weiteren Motorrad. Weiter ist bislang wenig Motorradverkehr. Dieser Strasse werde ich allerdings nicht bis Kaiserslautern folgen. Die Stadt werde ich auf meinem Weg auslassen. Es würde zu viel Zeit kosten, mich dort auf die Suche nach etwaigen Spuren aus der Epoche der Bayerischen Regierung zu suchen. So biege ich in Winnweiler ab und folge der Strasse nach Enkenbach - Alsenborn.
Schurz hatte in Kaiserslautern Kinkel und (Fritz) Anneke bei "bestem Humor" vorgefunden und sich in den Dienst Annekes, der die Artillerie der pfälzischen Volkswehr befehligte, begeben. Als sein Adjutant wird er zum Leutnant ernannt, er erledigt einige Aufträge, unter anderem die Verhaftung eines "hochverräterischen katholischen Pfarrers" aus einer der Nachbargemeinden, die er sehr amüsant beschreibt.
Als nun die Lage sich zuspitzt, die Revolution nunmehr bloß noch eine Sache der gegen die bayerische Regierung aufstehenden Pfalz und Badens, wo das Militär sich zur Reichsverfassung bekannt hat, zu sein scheint, und die Preußen immer weiter gegen Süden vorrücken, entschließt man sich, die Pfalz kampflos zu überlassen, sich auf Badisches Gebiet zurückzuziehen und den badischen Truppen anzuschließen. Das pfälzische Volksheer muss man sich dabei als recht martialische Unternehmung vorstellen, die mit einer Armee im eigentlichen Sinne nicht viel gemein hat. Es fehlt an Waffen, eine Überrumplung der Festung Landau war misslungen, eine Lieferung Musketen aus Belgien bleibt auf dem Rhein im preußischen Zoll hängen, es gibt keine Uniformen, ein jeder kleidet sich, wie es ihm eben beliebt und es mangelt auch an militärischen Kenntnissen. So ist der Rückzug nach Baden nun die erste wirkliche militärische Handlung, an der Schurz teilnimmt. Bei Nacht wird Kaiserslautern verlassen und er schildert gewandt die durchaus "romantischen" Anblicke, die das Heer aus Bauernsöhnen und Handwerkern in ihrem Aufzuge bietet.
In der Nähe von Frankenstein übernachten sie und errichten ihr Biwak quer über die Landstrasse, die hier durch ein recht enges Tal führt.
Ich bin derweil in Hochspeyer abgebogen in eben dieses Tal und fahre mit Gesa auf Frankenstein zu. Mir entgegen kommen vereinzelt Oldtimer. Es werden immer mehr, auch Motorräder sind dazwischen und es hindert mich lediglich der sonst noch recht dichte Verkehr und der fehlende Platz, anzuhalten und zu schauen. So schlängele ich mich durch das Tal weiter, bis nach Neustadt. In Neustadt und Edesheim hatten sich die pfälzischen Truppenteile zusammengefunden und waren gemeinsam bei Knielingen schließlich über den Rhein gegangen und nach Karlsruhe marschiert. Von dort geraten sie in zwei Gefechte mit den Preußen, bei Ubstadt und bei Bruchsal, bei denen sie weiter zurückgedrängt werden.
Diesen Weg spare ich mir, ich folge der Weinstraße und verlasse Edesheim in Richtung Haardtrand. Vorher hänge ich aber in Neustadt hinter einem blauen Auto mit Christenfisch am Heck, dessen Fahrer genüsslich zur Seitenscheibe hinausrauchend, auf der Straße kreuz und quer stadteinwärts schlingert. Ich komme an ihm nicht vorbei, immer wieder schnickt er die Asche aus dem Fenster, dabei vergisst er aufs Gas und ich bin reichlich froh, als er beim Bahnhof ein anders Ziel als ich hat.
Das alles ist vergessen, als ich mich durch die kleinen Weindörfer schlängele, die gerade im Begriff sind, in der Mittagsruhe zu versacken. Nur hier und da gibt es ein paar buntgekleidete Radfahrer, die sich gerne hinter Kurven aufbauen, um dort zu verweilen, dafür nur wenig Autos und fast gar keine Motorräder. 
So gelange ich nach Klingenmünster. Seit ein paar Kilometern fährt ein gewisser Kaffeedurst mit, ich hatte zum Frühstück keinen, und so halte ich bereits eine Weile Ausschau nach einer Bäckerei. Hier in Klingenmünster werde ich fündig. Ich wende Gesa und stelle mich auf den Parkplatz vorm Bürgersteig. Kurz drauf steht vor mir bereits Kaffee in Form von Latte M. und einem ordentlichen Stück Rhabarbertorte.
Nach dieser Stärkung fällt es mir wieder leicht, den letzten Kilometern der Weinstraße zu folgen und schließlich bei Schweigen - Rechtenbach ins Elsass zu gelangen. Gesa und ich sind somit bereits zum zweiten Mal in Frankreich! Mich beeindruckt so etwas ja immer wieder. Da ist man eben noch in Deutschland gewesen und alles hat deutsch gesprochen, alles war in Deutsch angeschrieben, und dann von einem Meter auf den anderen ist alles französisch. Kein Übergang sichtbar. Die Landschaft, die Bäume und Sträucher sind genauso grün wie eben, der Himmel genauso blau. Aber die Häuser sehen etwas anders aus. Daran, und an ein paar anderen Kleinigkeiten, kann man merken, daß man eben eine Grenze überfahren hat. Es ist so großartig, daß das heute so einfach geht.
Ich schlängele mich durch Wissembourg, so gut es geht und so einfach es mir bei meinen mangelnden Französischkenntnissen fällt. Auf einem freien Platz hinterm Bahnhof halte ich kurz an, um die Landkarte umzudrehen und für das nächste Stück klar zu machen. In den zwei Minuten, die ich dort stehe, sind einige Motorräder an mir vorbeigekommen. Hier haben die sich also alle versteckt...
Kurz hinter Wissembourg biege ich ab und folge, knapp unter der Grenze, einer kleinen Straße, die sich in Richtung Rhein schlängelt. Neben mir erkenne ich den ehemaligen Bahndamm einer vergessenen Eisenbahnlinie. Bald komme ich durch Schleithal, dem längsten Dorf des Elsass. Schier endlos erscheint die Reihe der wunderhübschen Fachwerkhäuser. 
Nach drei Kilometern komme ich erst wieder auf der D244 durch freies Feld und bin nach wenigen Minuten in Mothern. Als ich noch am Orientieren bin, winkt mich bereits ein Autofahrer freundlich vor sich, denn ich bin an einer Rechts vor Links Kreuzung zum Stehen gekommen. Bei uns hätten sie gehupt und in anderer Weise gewunken. So komme ich nach Munchhausen
Hier finde ich den Weg von Carl Schurz wieder. Hier in Münchhausen war er, in Begleitung zweier Gertreuer über den Rhein gelangt. Französische Duaniers hatten die drei ohne Zögern über den Rhein gerudert, als sie sich ihnen als Flüchtlinge offenbarten. Ich folge dem Weg, den Schurz genommen hat, in Richtung Seltz. Dort, so hatte man ihnen gesagt, fänden sich weitere Flüchtlinge. Im dortigen Wirtshaus finden sie diese auch und müssen sich am nächsten Tage bei der Mairie melden. Soweit sind wir eigentlich aber noch gar nicht.
Ich stelle Gesa am zentralen Platz in Seltz ab und schaue mich um. Hinter mir ist ein kleines Gasthaus, vor seiner Tür wacht ein kleiner gelbweißer Hund, einige Kinder habe ich eben bei einer Schule gesehen und vor mir befindet sich das Rathaus. Es ist ruhig. In der Mittagssonne sind nur wenige Menschen unterwegs. Ich lasse den Helm bei Gesa und laufe mit den Kameras ein paar Schritte. 
1/60 f 9, kein Filter...
Als ich zurückkomme, werde ich zunächst von dem kleinen gelbweißen Hund angesprochen, der mittlerweile die Strassenseite gewechselt hat und offenbar in dem Haus gegenüber der Wirtschaft wohnt und dann, als ich bei Gesa stehe und meine Sachen verstaue, von einem deutschen Radfahrerpärchen, die die Touristeninformation suchen. Leider kann ich ihnen nicht helfen, ich weiß gerade einmal so einigermaßen meinen Weg, den ich nehmen muss.
Schurz wird von hier aus in Richtung Strassbourg gehen, um später, auf der Suche nach Anneke und anderen Bekannten, nach Zürich zu gelangen. Ich aber biege bei Beinheim ab, in Richtung Deutschland.

"An der Murglinie, den linken Flügel an die Festung Rastatt angelehnt, nahm das vereinigte badisch-pfälzische Heer seine letzte Defensivstellung und schlug sich am 28., 29. und 30. Juni teilweise recht brav, wenn auch erfolglos. Am Nachmittag des 30. Juni schickte mich mein Chef mit einem Auftrage, Artilleriemunition betreffend, in die Festung Rastatt und instruierte mich, ihn im Fort B, einer der großen Bastionen, von denen man das Gefechtsfeld draußen übersah, zu erwarten; er werde bald nachkommen...[...]" Ich erreiche Rastatt von Süden und gelange in die mittlerweile längst entfestigte Stadt. Ein Fort "B" gibt es lange schon nicht mehr. Über eine Brücke überquere ich die Murg und suche mir einen Parkplatz für Gesa. Als Schurz nach einiger Zeit, in der Anneke nicht nachgekommen ist, schauen will, wo er denn bliebt, erfährt er, daß die Festung in der Zwischenzeit eingekesselt ist. "Am Tore angekommen, empfing ich von dem wachhabenden Offizier die Nachricht, daß ich nicht mehr hinauskönne; unser Hauptkorps sei gegen Süden zurückgedrängt worden und die Festung von den Preußen vollständig eingeschlossen." Das ist schöner Mist. Nun, da er nicht mehr hinauskann, stellt er sich dem Festungsgouverneur, Oberst Tiedemann, zu Diensten und wird am Marktplatz bei einem Konditor Nusser einquartiert.
In der Zwischenzeit habe ich an einem Parkplatz einen Platz gefunden, an dem Motorräder parken dürfen, habe meinen Tankrucksack mit den Rucksackriemen versehen, meine Kamera mir umgehängt und den Helm an Gesa festgebunden. Ich nehme also den Tankrucksack und die Kamera und mache mich auf den Weg in die Stadt. Ich bin unweit des Marktplatzes gelandet und so sind es nur wenige Schritte bis in die Altstadt.
Rastatt ist in seiner Bausubstanz keine richtig alte Stadt. Die meisten alten Häuser stammen aus der Zeit nach dem pfälzischen Erbfolgekrieg, als die Stadt fast vollkommen vernichtet gewesen war. Somit ist praktisch nichts älter als 18. Jahrhundert.
Marktplatz
Jetzt am frühen Nachmittag ist es recht warm geworden. Den ganzen Tag scheint bislang die Sonne und hier in der Rheinebene hat es sich, nach den vergangenen kühlen Tagen, rasch aufgewärmt. Die Leute laufen in  T- Shirts und kurzen Hosen herum. Touristen stehen eisleckend an den Straßenecken. In den Straßencafés ist reges Leben. Mit meiner Lederjacke, meiner Lederhose, der Winterunterwäsche und den dicken Stiefeln ist mir jedenfalls nicht kalt. Nach wenigen Schritten bin ich auf dem Marktplatz und an der Ecke zur Sichtachse zum Schloß finde ich das Haus, in dem Schurz untergebracht gewesen ist. 

Die Murg
Seine Aufgaben sind nun in erster Linie, vom Turm des Schlosses die preußischen Truppen zu beobachten und verschiedene kleinere Aufgaben in den Anlagen der Festung, welche die Stadt umgibt. Es wird ihm klar, daß sein Schicksal besiegelt sein wird, wenn er den Preußen in die Hände fällt. Standrechtliche Erschießung wird für jemanden wie ihn, der steckbrieflich gesucht wird, wegen des Marsches auf das Siegburger Zeughaus, auch wenn das noch so kläglich gescheitert sein mag, der noch dazu sich dadurch des Dienstes in der Preußischen Armee entzogen hat, unausweichlich sein. Nach drei Wochen der Belagerung kommt ein preußischer Parlamentär an die Festung, "der mit einer Aufforderung zur Übergabe zugleich die Nachricht brachte, daß die badisch-pfälzische Armee längst auf schweizerisches Gebiet übergetreten sei und damit aufgehört habe, zu existieren; daß kein bewaffneter Insurgent mehr auf deutschem Boden stehe [...]". Man bestellt einen Kundschafter, der von den Preußen im Gebiet um die Festung und bis an die Schweizer Grenze geführt wird und der diesen Umstand bestätigen wird. Nachdem man den Kundschafter angehört hat, ist die Lage betrüblich. "Als wir den Saal verließen, fühlten wohl die meisten von uns, daß an etwas anderes als an eine Kapitulation auf Gnade oder Ungnade kaum zu denken sei."
Schurz bezieht seinen Posten auf dem Schloßturm wieder und lässt die Gedanken treiben. Sein bislang noch kurzes Leben, er ist gerade einmal zwanzig, zieht vor seinem inneren Auge an ihm vorbei. Rundum liegt die Landschaft in schönstem Sonnenschein und sie erscheint ihm angesichts des Schicksales, das sich für ihn abzeichnet, noch viel schöner und anmutiger als zuvor. Tatsächlich einigt man sich auf eine Kapitulation auf Gnade oder Ungnade und bereitet sich darauf vor, die Waffen zu strecken. Am Morgen des betreffenden Tages, kurz bevor er sich mit seinem Burschen aufmachen will, um sich den Preußen zu stellen, hat er auf einmal einen Geistesblitz. Ihm kommt ein Abwasserkanal in den Sinn, der ihm vor ein paar Tagen aufgefallen war, da er recht ungeschützt liegt und nahe eines "Welschkornfeldes", also eines Maisfeldes, die Mauern verlässt. Binnen Minuten hat er einen Plan gefasst und ruft einen zufällig vorbeikommenden, ebenfalls aus Preußen stammenden Offizier zu sich herein und unterbreitet ihm seinen Plan. Angesichts der Lage, entschließen sie sich, es anzugehen.
Diesen Graben heute noch zu suchen, wird für mich im Jahre 2016 aussichtslos sein.  Zu viel Zeit ist seitdem vergangen. Ich laufe mit meinem Tankrucksack auf dem Rücken und der Kamera in der Hand in Richtung Norden. Hier sind alle Häuser neu, teils aus jüngster Vergangenheit. In einer Seitenstraße entdecke ich eine Änderungsschneiderei. Die kann ich jetzt gut gebrauchen, denn bei meiner Lederjacke hat sich der oberste Knopf gelockert. Ich hatte ihn zwar gestern schon mal versucht zu befestigen, aber in Klingenmünster hatte ich den Faden schon wieder knacken hören. Nachdem die Schneiderin erst einmal etwas sorgenvoll geschaut hatte, Leder ist ja immer etwas schwieriger zu handhaben, hat sie doch in wenigen Minuten den Knopf ordentlich befestigt. Ich zahle zwei Euro und bin wieder draußen. Ich folge einer ringförmigen Straße, die den früheren Verlauf der Festungsmauern ahnen lässt, und biege irgendwann wieder in die eigentliche Stadt ab.
Hier müssen früher lauter kleine Häuser und Gehöfte gewesen sein. Es hat Ställe gegeben und Gärten. In einem dieser Ställe harren Schurz und seine zwei Begleiter vier Tage in einem winzigen Verschlag liegend aus, denn der erste Versuch, durch diesen Kanal ins Freie zu gelangen, schlägt fehl, als sie beim Austritt auf eine preußische Postenkette stoßen. Da Schurzens Bursche Adam in Rastatt eine Base hat, die zudem noch nahe am Einstieg für den betreffenden Kanal wohnt, beschließen sie, dort nach Unterkunft zu suchen. Offen blicken lassen können sie sich in ihren badischen Uniformen nirgends. Anderes Zeug haben sie nicht mehr. Am Abend des vierten Tages schließlich gelingt ihnen mit Hilfe eines Rastatter Bürgers, den sie mit ein wenig Geld zum Helfen animieren können, die Flucht aus der Festung. Sie gelangen in die Ortschaft Steinmauern, nahe am Rhein, dort hat ihr Helfer einen Mann mit einem Ruderboot engagiert, der sie, wie sie am nächsten Morgen feststellen, zu einer noch badischen Insel im Rhein bringt. Von dort gelingt ihnen dann mit Hilfe der französischen Duaniers, die, von ihnen angerufen, sich unverzüglich aufmachen sie zu retten, die Flucht aus Deutschland.
Zwischenzeitlich habe ich wieder den Weg zurück in die Stadt eingeschlagen und mir in einem Supermarkt eine Flasche Wasser gekauft. Ich schlurfe mit meinen schweren Klamotten die leichte Anhöhe zum Schloss empor und möchte eigentlich in das Museum für die deutschen Freiheitsbewegungen, aber das hat bereits seit heute Mittag um zwei geschlossen. Jetzt ist es kurz vor vier. Ich beschließe also, mich wieder auf den Weg zu machen. Schließlich bin ich, wie bereits erwähnt, verabredet.

Als ich bei Gesa stehe und den Tankrucksack wieder von seinen Riemen befreie, tritt ein junger Elsässer hinzu und bewundert Gesa. Er erfragt allerlei technische Daten. Er ist etwas kleiner als ich, also rate ich ihm auch, sich die F700GS mal anzuschauen.
Als ich aus Rastatt hinaus möchte, gelingt mir das nicht gleich. Es hat der Freitagsnachmittagsverkehr eingesetzt. Die Leute wollen ins Wochenende. Jetzt. Nach ein paar Schlenkern wegen einer Baustelle, bei der keine Umleitung ausgeschildert ist, komme ich schließlich auf meine Straße, die mich ins Murgtal führt. Zunächst noch vierspurig, geht es hinter Gaggenau und Gernsbach auf eine normale Bundesstrasse. Sie schlängelt sich, von Wald und steilen Wänden begrenzt, entlang der Murg. In Forbach sehe ich hinter einer Tankstelle mehrere Motorräder stehen. Das war doch eben Frauke?! Das heißt, sie sind auch noch nicht am Treffpunkt. Da ich noch im Hotel einchecken muss, halte ich nicht an, sondern gebe Gas und folge dem Fluss, der sich in seinem felsigen Bett, mehrmals aufgestaut, neben der Straße entlangschlängelt.
Nach rund zwanzig Minuten, in denen ich von ein paar Motorrädern überholt worden bin und mir unzählige entgegenkamen, bin ich in Baiersbronn. Von hier sind es nur noch zwei Kilometer.
Im Augenwinkel sehe ich ein Schild, auf dem etwas steht, das ähnlich aussieht, wie er Name des Hotels, in dem ich heute Nacht gebucht bin. Ich halte in einer Busbucht an und schaue im Händi noch mal nach. Stimmt, ich muss umdrehen. Minuten später stehe ich bereits mit meinem Tankrucksack und dem Helm an der Rezeption. Esoterische Klänge dringen an mein Ohr. Die junge Frau auf der anderen Seite der Theke schaut mich mit großen, wässrigblauen Augen an. Ein wenig habe ich den Eindruck, die Untermalung hat bereits zu viel Wirkung bei ihr erreicht. Sie wirkt etwas fahrig und findet den Schlüssel zu meinem Zimmer nicht gleich. Ich überfordere sie vollends, als ich, als sie mich nach meinem Geburtsdatum fragt, mit der Gegenfrage antworte, ob sie mir dann eine Karte schriebe. Ich seufze still in mich hinein. In Hamburg wäre es völlig normal, irgendwelche harmlosen Späße an der Kasse, oder am Schalter zu machen. Mit einem flotten Spruch würde man kontern und es hätten alle Spaß. Mit dem Humor ist das so eine Sache. Und besonders bei Trachtenträgern sollte man ihn nicht voraussetzen. Die junge Dame begleitet mich schließlich noch zu meinem Zimmer. Ich muss, als wir im Fahrstuhl stehen, das Lachen unterdrücken, denn der Kontrast zwischen uns beiden Frauen könnte kaum größer sein. Sie zart, zerbrechlich, etwas verstört, im Dirndl, ich mit Lederhose, Lederjacke, Stiefeln, breit, groß und schon durch schlechtes Benehmen aufgefallen. Ich bin froh, als ich die Zimmertür hinter mir zumachen kann. Sie vermutlich auch.
Jetzt aber weiter! Keine Zeit verlieren! Ich pelle mich rasch aus und springe unter die Dusche. Das tut gut, nach dem unerwartet warmen Tag. Danach lasse ich eine Lage Unterwäsche weg und packe das eine Oberteil lediglich für heute abend in den Tankrucksack, den ich vorher ausgeräumt habe. Ich bringe die Haare wieder in Ordnung, verstecke sie wieder in meinem Haarschoner und bin nach wenigen Minuten bereits wieder unterwegs. Um sechs soll ich dort sein. Nun ist es halb durch und ich muss noch tanken.
Meine Strecke führt mich zurück bis fast nach Forbach. Die meisten Feierabendsuchenden sind nun durch, ich bin anscheinend wirklich auf dem Scheitel der Welle geschwommen und es kommen mir auch nur noch wenige entgegen. Allerdings ist bei denen, die entgegenkommen, auch ein Harleyfahrer, der nur mit Jeans, T- Shirt und ohne Helm unterwegs ist. Mit kurzen blonden Haaren und der Sonnenbrille fährt er unbehütet in den Sonnenuntergang.
Es ist viertel nach sechs, als ich schließlich am Treffpunkt, dem Freizeitheim in Erbersbronn ankomme. Die anderen stehen mit Getränken in der Hand in der Sonne, bei den Motorrädern und es ist ein großes Hallo, als ich den Motor abstelle. Viele von ihnen kenne ich bereits vom letzten Jahr. Morgen wird er IFRD sein! Wir treffen uns hier, mitten im Schwarzwald und werden morgen gemeinsam auf Tour gehen.
Heute Abend ist erst einmal der Empfang, alle werden begrüßt, wir unterhalten uns, essen etwas, stoßen auf morgen an und sind alle happy.

Erst gegen zehn breche ich schließlich auf, um ins Hotel zu kommen, da ist es bereits wieder kühl geworden und ich bin froh, mein Oberteil mitgenommen zu haben. 

Auf der heutigen Etappe bin ich 318 Kilometer bei bestem Wetter gefahren.