Donnerstag, 20. August 2015

Zeitenreise 2015 Tag 4 Reise nach Hoywoy

+++28.05.2015+++


Die Morgensonne läßt mein Zeltdach grün erstrahlen. Es ist sieben Uhr morgens, da ist die Welt bekanntlich noch in Ordnung, und ich zwirble mich aus meinem Schlafsack.
Morgäään!
Mit meinem kleinen schwarzen Rucksack und dem Blechbecher laufe ich fröhlich zum Waschhaus rüber und treffe auf dem Weg dort hin wieder die Platzwartin, die bereits eine morgendliche Runde dreht. Wir unterhalten uns kurz über Katzen und ich mache spontan noch einen Abstecher zum See hinunter. Friedlich liegt er im Sonnenlicht, eine Schwanenfamilie sucht erst mal das Weite, als ich über den Wall komme.
Als ich endlich dann im Waschhaus ankomme, bin ich zunächst noch alleine am Waschbecken. Nach ein paar Minuten kommt noch die Radfahrerin aus Gera dazu, sie ist aber nach ein paar Minuten rasch wieder verschwunden. Was mir gestern abend schon aufgefallen war, es gibt hier keine Duschkabinen. Es ist eine Gemeinschaftsdusche. So wie in der Sporthalle. Sauber zwar, aber nicht viel 'vie privée'. Also gut, da muss ich durch. Ich stecke meine Münze in den Apparat und beeile mich, das Duschen hinter mich zu bringen. Ich bin so etwas nicht so gewöhnt. Bis jetzt habe ich mich in den ersten Tagen mit der Camperei ganz gut angefreundet, nachdem ich ewig lange Jahre davor nichts - aber auch gar nichts - damit zu tun haben wollte. Das lag insbesondere an einem, meinem bislang einzigen, Campingerlebnis. Damals, Anfang der Achtzigerjahre, war ich mit den Pfadfindern übers Wochenende im Nachbardorf, auf einem stammeseigenen Platz, zum Zelten. Schiefer als das damals, hätte es nicht laufen können. Nachts bin ich fast erfroren, ich bin vom eigenen Zähneklappern wach geworden und um viere in der Früh ums Zelt gejoggt, um nicht vom Kältetod dahingerafft zu werden. Dann eine Nacht - Radwanderung, die noch als positives Highlight durchgehen mag, und unvorstellbar schlechte Serbische Bohnensuppe. Meiner Serbische Bohnensuppe Intoleranz halte ich bis heute die Treue. Mir war also kalt und übel und überhaupt. Dazu gab es keinerlei hygienische Substanz. Nach der Erfahrung, habe ich alles, was mit Zelten und Camping zu tun hatte, weit von mir gewiesen. Bis zu diesem Jahr. Da überkam es mich dann... Schuld war wie immer Svenja. Ich bin also ein Camping Greenhorn und übe noch. Und somit ist noch vieles neu für mich. Die Dusche hier auch. Und sie bekommt erst mal ein Minus von mir in der internen Bewertung.
Ich schiebe schon das Wasser mit dem Gummischieber zusammen, der Abfluß liegt auch hier typischerweise an der höchsten Stelle des Raumes, da kommt die VW - Camperin aus Lübeck mit ihrer Schwester hinzu. Wir lachen noch ein wenig über die Lage des Abflusses, auch wo meine Tante wohnte, lag der Abfluß, auf dem Hof hinterm Haus, an der höchsten Stelle und ragte als kleines Gußeisernes Inselchen aus den Fluten, und dann bin ich auch schon fertig und verabschiede mich.
Ich packe meine Sachen, das geht von Tag zu Tag besser, die Übung kommt, und breche danach das Zelt ab. Auch das geht schon viel geschmeidiger von der Hand, als in den beiden Tagen zuvor. Ich verzurre alles auf Gesa und verlasse den Platz. Der direkte Weg durch die Schranke kann nicht genommen werden, Bauarbeiter haben sich an einer der Laternen auf dem Platz, nahe der Holzbude mit der Rezeption, zu Schaffen gemacht und blockieren die Ausfahrt. Ich fahre also über den Rasen, winke noch mal dem Platzwart und der Wartin, die vor der Bude sitzen und ziehe meines Weges.
Beim Kaufland mache ich noch mal kurz Halt, ich habe gestern abend in meinem Händi gesehen, daß es einen Cache hier gibt. Den nehme ich noch eben mit. Er ist auch schnell gefunden und bald schon steht mein Name auf dem Zettelchen in der Dose. Ich kann beruhigt weiterfahren. Zuerst einmal führt mich mein Weg in die Stadt. Ich drehe eine Runde durch die Innenstadt, so gut das geht, und versuche einen Parkplatz zu finden. Das ist nicht sehr einfach, motorisierte Fahrzeuge werden aus der Innenstadt herausgehalten. Somit auch Motominya. Ich reise schließlich mit einem Motorrad. Also parke ich Gesa an der Elbebrücke und gehe erst einmal die Wendel hoch zur Fahrbahn. Von dort habe ich einen wunderbaren Ausblick auf das Schloß und auf die Elbe.
 
Die Elbe. Das ist mein Fluß. Es gibt keinen Vergleich zum Rhein, dem schroffen, steinigen, weinreichen Wasserlauf, an dem ich lebe. Die Elbe bietet auch Wein, würde man sie aber mit den Begriffen der Oenologie beschreiben, dann wäre sie eher vollmundig zu nennen, der Rhein hingegen ginge als trocken durch. Die Elbe ist auch der Fluß, an dem meine Heimat gelegen ist, mit ihr verbinde ich sehr warme Gefühle. Nun stehe ich über ihr auf der Brücke und schaue sehnsuchtsvoll in das grüne Land, in das sie eingebettet vor mir liegt. Das verbindet mich mit Eckermann.
Nach einer Weile verlasse ich die Brücke wieder und drehe noch eine kleine Runde durch das Viertel, das unmittelbar an der Brücke liegt.
Kleine Fischerhäuschen an einer niedlichen Gasse und dann groß und gelb renoviert der ehemalige Geschlossene Jugendwerkhof.
Harter Tobak auf meinen ungefrühstückten Magen. Die frohe Stimmung von der Brücke ist augenblicklich verflogen. Mir kommen Fotografien von Thomas Sandberg in den Sinn. Jugendwerkhof ist so etwas wie Vorhölle für Jugendliche - fast Kinder noch zumeist - im Getriebe des In - Ungnade - Fallens in der DDR gewesen. Es waren Stätten der Umerziehung. Zumindest des Versuches der Umerziehung. Neben tatsächlich straffällig gewordenen Jugendlichen kamen in die Jugendwerkhöfe vor allem gesellschaftlich auffällig gewordene, Jungen wie Mädchen, die sich dem System nicht so unterordneten, wie es verlangt wurde. Das konnte auch nur eine auffällige Nachlässigkeit des regelmäßigen Schulbesuches sein. Im Geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau mahlten die Mühlen des Gebrochenwerdens besonders gründlich.
Es gibt eine ständige Ausstellung, die ich mir heute allerdings nicht angesehen habe. Ich habe mich darauf beschränkt, außen herumzulaufen und die dort angebrachten Tafeln zu lesen.
 
Damit bin ich für diesen Morgen schon bedient. An einer Wand, neben der ehemaligen Einfahrtsschleuse, gesprühte Spuren der Hilflosigkeit heutiger Jugendlicher. Ich kehre zu Gesa zurück.
Erst einmal muss ich tanken und danach kann ich dann sehen, wo ich Frühstück bekommen kann. An der Dahlener Straße finde ich eine Aral Tankstelle, da gibt es auch Gesas Lieblingsbenzin, also halte ich dort an. Neben mir steht ein junger Mann und mischt für seine 125er MZ Gemisch zusammen. Diese Fahrzeuge sind hier noch recht häufig zu sehen. MZ und Simson machen einen nicht unerheblichen Teil der motorisierten Zweiräder aus, die mir in diesen Landen entgegen kommen.
Nach dem Bezahlen folge ich der B 182 ein Stückchen nach Süden, und biege dann, hinter dem See, an einem Kreisel ab. Durch wunderbare Landschaft, alles strahlt in den verschiedensten Grüntönen, und durch herrliche Ortschaften komme ich nach Schildau. Gneisenaustadt Schildau. Am Ortseingang werde ich nun noch mit einer anderen Tatsache konfrontiert.
Gneisenau war Schildbürger. Interessiert dringe ich in die kleine sächsische Stadt ein. Am Marktplatz stelle ich Gesa zwischen ein paar Autos ab und schaue mich erst einmal ein wenig um.
 
Die Heidebäckerei schafft es schließlich, mich als Kundin zu gewinnen. Hier male ich mir die konkretesten Chancen auf Frühstück aus. Immerhin geht es auf Mittag und mein Magen hängt auf halb sieben. Belegte Brötchen oder etwas ähnliches gibt es allerdings dort nicht. Also beginne ich den Tag, wie ich den letzten beendet habe, mit einem Eclair, einem Stück Puddingstreusel und einer Tasse Meisterkaffee. Das alles ist sehr lecker, wenngleich als Frühstück ungewohnt. Ich frage die Frau hinter der Theke nach dem Weg, aber sie kennt sich mit dem Straßenverkehr anscheinend nicht so sehr aus. Ich hatte gefragt, weil ich nämlich gesehen hatte, daß es die Straße nach Wurzen derzeit nicht gibt. Nun werde ich mir also einen anderen Ausweg suchen. Nachdem ich in der Bäckerei fertig bin, mache ich mich, wenige Schritte davon entfernt, mit Gesa wieder reisefertig. Wir drehen noch eine Runde durch die kleine Stadt und verschwinden dann aus der Schildbürger und Gneisenaustadt. Besondere Schildbürgereien sind mir allerdings keine aufgefallen, außer einer besonders bahnhoflosen Bahnhofstrasse. Aber das kennt man ja auch andernorten. Das Rathaus jedoch hatte, entgegen anderer Meldungen, tatsächlich Fenster.
Zunächst führt mich mein Weg in Richtung Sitzenroda, dort biege ich auf die Dahlener Straße ein und schon bald setze ich wieder rechts den Blinker und schlängele mich zu meiner ursprünglich geplanten Route durch.
Die Fahrt ist einmalig schön. Die Straße ist wunderbar schmal und es ist nicht allzuviel Verkehr. So liebe ich es.
Die Sonne scheint, Gesas Motor schnurrt unter mir und ich bin mit allem im Einklang. Die Ortschaften haben niedliche Namen, wie "Ochsensaal", oder "Schwarzer Kater" und sind durch die Bank weg nett anzuschauen.
 
Zwischendrin sehe ich immer mal wieder, einsam auf Feldern, oder an einem Ortsrand, Reste von Windmühlen. Eine vollständig erhaltene, oder wieder mit Flügeln hergerichtete, sehe ich indes nirgends. In Dahlen mache ich vor einem wunderschönen Rathaus spontan Halt.
Auch wenn Baden hier verboten ist. Keiner guckt, er nimmt Anlauf...
Bester Stimmung komme ich so nach Oschatz. Hier ist es auch wieder eine Baustelle, die meinen Vorwärtsdrang etwas einengt. Denn sie liegt genau zwischen mir und meiner geplanten Route.
Als ich noch etwas abseits der Hauptstraße stehe und auf meine Landkarte starre, höre ich auf einmal ein Tuten, das sich von rechts hinten nähert. Es ist der "Wilde Robert". Eine Kleinbahn mit einer roten Diesellok schiebt sich, etwas entfernt noch, ins Bild. Ich schnappe meine Kamera und springe zu einer Brücke neben den schmalen Gleisen. Tutend und dieselnd rollt der grüne Zug an mir vorbei. Dann rumpelt er auch schon über die Hauptstraße und verschwindet im Stadtgetümmel.
Ich spreche mit mir meine weitere Route ab und tue es ihm Gleich. Nur unsere Ziele sind unterschiedlich. Ein Stück weit folge ich noch der Bahn, aber ich verlasse Oschatz in nördlicher Richtung und biege dann auf eine herrliche kleine Straße ab. Sie führt mich durch Felder und Wiesen über Mannschatz und Schmorkau, dem Lauf der Döllnitz folgend, nach Riesa. Vorbei am Pneumant - Werk, heute zur Goodyear - Dunlop Gruppe gehörend, komme ich durch einige Industriegebiete auf eine Bundesstraße an der Elbe.
Ganz sicher tu ich Riesa damit sehr unrecht, aber ich beschließe, die Stadt erst einmal wenig einladend zu finden und nutze die erste Gelegenheit, um über die Elbe zu gelangen. Bei meinem Versuch von der vierspurigen Bundesstraße wieder herunter zu kommen, lande ich wieder in einer Baustellenfalle. Ich folge einem besseren betonierten Feldweg, der aber tatsächlich eine offizielle Straße ist, zurück bis fast zur Elbe. Dann ist aber Schluß. Ich finde mich in Mitten von Radfahrern und Spazierengängern wieder und mein Plan, wenigstens noch ein Stadtpanorama von der anderen Elbseite zu fotografieren, entfällt. Der Weg, der in der Karte gedruckt ist, entpuppt sich in der Realität als Fußweg auf dem Deich. Ich möchte meine Sympathiewerte nicht allzu arg belasten und beschließe, zur Bundesstraße zurückzukehren. Also schön. Zum Glück kommt auch nach ganz kurzer Strecke eine Abfahrt, da fahre ich gleich wieder raus. Und siehe da, der Verkehr bleibt auf der Bundesstraße zurück und ich kann unbehelligt meines Weges fahren.
Ich komme durch Nünchritz. Den Namen habe ich schon einmal gelesen, nämlich auf der Live - Platte der genialen "Stern Combo Meissen". Die wurde hier bei einem Auftritt mitgeschnitten. Nünchritz ist ein langgezogener Chemiestandort, den ich auch bald schon wieder verlassen habe. Die Musik für den weiteren Weg habe ich aber erst mal im Kopf.
Wieder führt meine Fahrt mich durch Felder und kleine Ortschaften. Bald schon bin ich in Großenhain. Hier verfahre ich mich gründlich. Grund: Baustelle. Erst nach ein paar Kilometern merke ich am Sonnenstand, daß etwas mit der Route nicht stimmen kann. Ich fahre in einem kleinen Dorf ab und denke mit einer kleinen Runde, ist es wieder auszubügeln. Nun bin ich endgültig verfranzt. Ich lande schließlich in einem Industriegebiet, wo mich Arbeiter am Ende der Straße im Wendehammer groß anschauen. Ich wende fix und finde doch noch einen Ausgang und komme zurück nach Großenhain. Ich beschließe nun, mich von den Baustellenschildern nicht allzusehr beeindrucken zu lassen und komme endlich doch auf die Straße, die ich möchte. Geht doch. Die Hartnäckigkeit zahlt sich aus.
Ich muss an dieser Stelle einmal eine Lanze für Sachsen brechen. Sachsen ist wunderschön. Ein tolles grünes Land mit schönen Straßen und abwechslungreichem Panorama.
So komme ich in froher Stimmung nach einigen Kilometern dann nach Radeburg. Radeburg ist eine hübsche sächsische Stadt, am Rande der Radeburger Heide. Als ich auf einem Wegweiser ein kleines Bild mit einer Dampflok drauf erblicke, folge ich diesem Hinweis, denn ich erinnere mich daran, daß ich da etwas in der Richtung gelesen hatte. Nach ein paar Biegungen komme ich zum Bahnhof. Ich stelle Gesa in einer freien Parkbucht ab. Die frühnachmittagliche Sonne taucht alles in ein noch bläuliches Licht. Es herrscht Ruhe um mich herum. Nur ab und an fährt unten an der Kreuzung ein Auto vorbei. Ich gehe durch ein offenes Gittertor auf den Bahnsteig.
Nichts zu sehen, nur ein paar alte, grüne Personenwagen und ein Lokschuppen. Links ein verglaster Unterstand für Reisende. Dort hängt etwas Informationsmaterial und ein Fahrplan. Ich könnte Glück haben! Es kommt laut Fahrplan um 15:17 Uhr ein Zug an. Nun ist es halb drei. Hm. Zeittotschlagmodus. Ich schaue auf dem Händi nach, und siehe da, es gibt einen Cache hier. Er muß direkt vor meiner Nase liegen. Also mache ich mich auf die Suche. Es dauert nicht allzulange, da halte ich die Dose in den Händen und setze meinen Namen auf den Zettel. Danach sehe ich mich etwas in der Umgebung um. Ich gehe gemütlich den Bahnsteig entlang. Es ist kein Bahnsteig, wie man ihn bei uns findet, nein, er ist aufgeschüttet, ganz einfach, ohne Steine, ohne Pflaster. Wie früher. Vor dem Bahnhofsgebäude stehen Tische und Sessel auf dem Bahnsteig. Es sitzt dort zwar niemand, aber es steht da ein Schild "geöffnet". Ich trete durch die Tür in das Bahnhofsgebäude. Niemand da. Vor mir eine kleine Theke, mit einer Kasse und es gibt Postkarten einer Malerin. An der Wand eine Kaffeemaschine und darüber Tafeln, auf denen Speisen und Getränke angeboten werden. Een Schälschen Heeßen - das könnte ich schon gebrauchen so langsam. Irgendwo höre ich jemanden. Ich blicke mich um, es gibt noch eine gemütliche Sitzecke und Bücherregale. Alles ist sehr nett eingerichtet und mit angenehmen Farben geschmackvoll in Szene gesetzt. Ich höre Schritte. Die mir gegenüberliegende Tür öffnet sich und eine ältere Dame erscheint. "Ach, Sie habe ich ja gorni gehört! Was kann man ihnen denn Gutes tun?" Ich bestelle ein paar Würstchen und eine Tasse Kaffee. Die Dame hört ein bisschen schwer und so gebe ich mein Begehr noch einmal etwas lauter preis. "Nu, die Würstchen dauern än weenich!" Kein Problem, versichere ich und schaue mich noch ein wenig in den Räumen um. Es gibt noch einen weiteren Raum, in dem sich auch Bücherregale befinden und einige historische Ausstattungsdetails, alles liebevoll arrangiert und dahinter kommt dann ein ehemaliger Wartesaal, die lange Bank noch an der Wand, Hier stehen Aufsteller einer vergangenen Ausstellung.
Hinter mir klappert etwas, mein Kaffee ist fertig. Ich kehre wieder zurück und lasse mich auf der Eckbank nieder. Die Wurst ist gut und der Kaffee lecker. Etwas anderes habe ich auch nicht erwartet. Ich komme etwas ins Gespräch mit der älteren Dame. Es gibt hier im Bahnhof Ausstellungen und Konzerte, Theaterabende und Kabarett. Es ist ein Kulturbahnhof. Als ich fertig bin, zeigt sie mir noch den ehemaligen Güterboden, der heute für Veranstaltungen genutzt wird. Behutsam hat man eine Bühne dort eingefügt. Wenn morgen der Güteransturm wieder einsetzen würde, man wäre gewappnet. Kurz bevor der Zug nun endlich kommt, treten wir ins Freie. Noch liegt alles ruhig und schläfrig vor uns in der Sonne. Dann, von weiter her, ein Pfeifen. Tatsächlich. Dann noch mal. Wieder Ruhe. "Nu gommter glei!" sagt die kleine alte Dame neben mir. Wir schauen in die Richtung, aus der er kommen muss. Und siehe da, es schiebt sich eine kleine schwarze Dampflok um die Biegung. Gefolgt von einer grünen Wagenschlange. Der Lößnitzdackel.
Die Lokomitive brummt und zischt, es wird warm als sie an uns vorbeirollt und dann zischt es noch mal kurz, ein trockenes Quietschen, knarz, der Zug steht. Aus den Wagen klettern ein paar Touristen, es werden Fahrräder auf den Bahnsteig gehoben. Die Lok wird abgekoppelt und puffpuffpuff dampft sie ein Stück vor. Ein Mann hebt das Gewicht an der Weiche rum und wieder puffpuffpuff, die Lok rollt rückwärts auf das Nachbargleis.
Nach kurzer Zeit taucht sie vor dem Lokschuppen wieder auf. Der Wasserkran wird angeschmissen. Einer der Männer baut derweil auf einem Tisch unter einem kleinen Dach, hinter den Gleisen, eine Brotzeit auf. Die anderen kommen dazu und es gibt erst mal Pause. Hier hat man keine Eile.
Zu mir hat sich in der Zwischenzeit ein Mann mit blauer Latzhose gesellt. Er erzählt mir, er wäre mit dem LKW unterwegs und würde damit grad drüben auf der anderen Seite stehen, und wenn der Zug da sei, dann würde er immer rüber kommen. Er fragt mich, ob ich schon in Moritzburg gewesen sei. Nein, erwiedere ich, da käme ich heute auch nicht hin. Er erzählt weiter, daß es noch eine Reihe solcher Bahnen hier in Sachsen gibt, ich hatte so etwas schon gelesen und eher an Museumseisenbahnen gedacht. Nein, das sei wie im Harz - kenn ich -, wo die Bahn jeden Tag mit Dampf führe. Ich notier das mal als to do. Wir unterhalten uns noch über alles mögliche, übers Motorradfahren, er fährt auch, darüber, daß ich alleine unterwegs bin, das wundert ihn, und über Mainz, kennt er aus dem Fernsehen. Helau. Komisch was bei den Leuten hängen bleibt.
Nach einiger Weile sind die Eisenbahner mit ihrer Jause fertig und sie machen die Lok zurecht für die Rückfahrt. Sie rollt hinter dem Wagenzug vorbei und setzt sich schließlich vor ihn. Der Mann vom LKW und ich stehen dabei und schauen zu.
 
Einer der Lokmänner spricht mich an, wo ich denn herkäme mit dem Motorrad. Aus Mainz. Ah! Fasching! Gibt es hier auch! Ich versuche meine leichte peinliche Berührtheit zu verbergen. Wenn es halt das ist, womit sich Mainz in die Köpfe der Welt eingebrannt hat, dann soll es eben so sein. Ich stehe hier nun als Botschafterin der zweieinhalb Brückenstadt mit Dom am Rheinknie und werde mit meiner Meinung zu dem öffentlichen Frohsinn hinter dem Berg halten.
Ein kurzer, heiserer Pfiff, und der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Wuff wuff wuff, die Räder der Wagen rollen knurrend los und schon nach wenigen Augenblicken erinnert nur noch ein leichter Geruch nach Kohle und heißem Öl an ihn.
Der Mann mit dem LKW verabschiedet sich und ist mit drei Sprüngen über die Gleise verschwunden und auch ich drehe mich um und kehre zu Gesa zurück. Der Bahnhof versinkt wieder in seinem nachmittäglichen Schlaf. Nur auf den Sesseln vor der Wirtschaft sitzt noch ein Touristenpärchen.
Ich verlasse Radeburg in Richtung Königsbrück und fahre unter der Autobahn durch. Es geht durch Wälder und entlang an Waldrändern. Ein kurzes Stück muss ich auf der Bundesstraße 98 fahren und komme dann nach Königsbrück rein. Hier hat ist man gerade dabei, die Straße mit Rollsplit zu bereichern. Ich hatte diese Methode schon beinahe verdrängt. Es gibt sie also doch noch. So bin ich froh, als ich ein kurzes Stück auf die B 97 geleitet werde. Auf ihr komme ich um das Stadtzentrum herum. Ich verlasse sie aber bald wieder und fahre weiter auf der ursprünglichen Straße in Richtung Lausitz.
Wieder säumen Wälder meinen Weg, eh ich, ein paar Dörfer später, in die Westlausitzische Stadt Kamenz gelange. Mittlerweile haben die Ortsnamen begonnen, zweisprachig zu werden. Hier wird neben dem Deutschen vereinzelt noch das Obersorbische gesprochen. Es ist eine slawische Sprache, die sich in zwei Hauptrichtungen aufzweigt. Das Obersorbische ist dem Tschechischen näher, das Niedersorbische dem Polnischen. Die Wenden im Hannoverschen Wendland gehörten auch zu diesem Sprachkreis.
Kamenz, oder Kamjenc im Obersorbischen, ist die Vaterstadt von Gotthold Ephraim Lessing und Georg Baselitz. In diese Stadt fahre ich nun hinein. Am Bahnhof biege ich ab, in Richtung Altstadt. Über holpriges Plaster gelange ich in enge Gassen. Meine Güte, sieht das hier interessant aus. Etwas tückisch ist die Stadt auch, es geht auf diesem holprigen Plaster bisweilen auch ziemlich steil hinab. Ich versuche zum Marktplatz zu kommen, um Gesa abstellen zu können. Es sind überall Einbahnstraßen und eh ich es mich versehe, bin ich fast schon wieder aus der Stadt draußen. Also, neuer Anlauf. Diesmal biege ich vorher ab und siehe da, nach einer kleinen Ehrenrunde, knapp am Ziel vorbei, gelange ich auf den Markt und kann Gesa in eine freie Lücke stellen. Hier ist die Boden einigermaßen eben und ungefährlich für mich. Rasch die beiden Kameras genommen und los.
Ich bin noch nicht weit gekommen, da spricht mich eine Frau aufgeregt an. "Kann ich hier stehen bleiben, ich weiß, das ist nicht ganz korrekt, aber ich bin auch sofort wieder weg!" Ich schaue sie groß an. Was - will - die? Sie hebt noch mal an und versucht mir zu erklären, daß sie auch wirklich sofort wieder wegfahren wird. Aaaah! Jetzt dämmert es mir! Wegen meiner gelben Jacke hält sie mich für eine Kollegin von Lovely Rita! Aber ich bin keine "Meter Maid" - nein, ich bin Touristin! Ich beruhige sie, ich komme nicht vom Ordnungsamt, ich komme in Frieden, meinetwegen kann sie gerne dort ein paar Minuten parken.
Das klassische Stadtbild, das mich empfängt, begeistert mich. Was für eine tolle alte Stadt. Es gibt auch noch die unglaublichsten Geschäfte hier. Eine Bürstenmacherei und - wie früher - ganz normal einen Gardinenladen. So etwas gibt es, wo ich wohne, schon lange nicht mehr. Gardinen kauft man bei uns im Kaufhaus, beim Schwedischen Möbelriesen (logo, Schwedische Gardinen), oder im Baumarkt. Das Fehlen eines echten Fachhändlers wurde von meinem Kollegen Detlef, Martina und mir schon mehrmals bemängelt.
Da die Uhr ein wenig gegen mich ist, ich ja schließlich noch bis ans Ziel meiner heutigen Etappe muss, kehre ich zu Gesa zurück und setze mich mit ihr wieder in Bewegung. Kamenz, ich komme wieder, keine Frage!
Ich gerate nun voll in den Feierabendverkehr. Vorbei am Flugplatz geht es noch einigermaßen flott, aber dann fängt die Strecke an, sich zu ziehen. Es sind immer Busse, LKW und Autos vor mir und ich muss sehr aufpassen. Die Landschaft indes liegt in wunderbarem Abendsonnenschein. In den Ortschaften geht es zwar immer flüssig vorwärts, aber gerade dort ist man vor Abweichlern nicht gefeit. Aus dem Augenwinkel meine ich, in einer Ortschaft Milchkannen neben der Straße stehen gesehen zu haben. Bei Wittichenau biege ich schließlich ab. Hier geht es besser. Nach ein paar Kilometern bin ich fast schon am Ziel, aber ich biege fälschlicherweise rechts statt links ab. So lande ich direkt in Hoyerswerda. Mitten in die Stadt will ich aber noch nicht, das ist morgen dran, ich möchte in einen Stadtteil davon, und den muss ich erst mal auf der Karte suchen. Wo lag mein Fehler? Ich komme bald drauf, daß ich im Vorfeld eine Abzweigung zu weit gefahren sein muss und somit auf 'rechts rum' gepolt war. Also zurück und über die Kreuzung hinaus. Nach ein paar Minuten kann ich Gesas Motor ausschalten, ich bin da. Ruhe umgibt mich. Ich bin in Michalken, vorm Gasthof Mühlengrund. Meinen Helm lasse ich auf den Spiegel gehängt bei Gesa und gehe hinein. In der Gaststube, neben der Tür, auf einem schmiedeeisernen Ständer, das Gästebuch. Hinter der Theke ist eine junge Frau zu Gange. "Ach, sie sind bestimmt die Frau mit dem Motorrad!" werde ich empfangen. Sie steigt mit mir die Treppe rauf, bis unters Dach und zeigt mir mein Zimmer für die kommenden zwei Nächte. Sehr schön, geräumig, die Balken, die das Dach stützen, als Elemente mit einbezogen. Sehr gut! Essen gibt es noch bis neun, erklärt sie mir, also sehe ich zu, daß ich mein Gepäck nach oben verfrachtet bekomme und ziehe mich um. Zwischendurch bewundere ich den Ausblick und die Ruhe hier. Irgendwo kräht ein Hahn, ein Auto tuckert in der Ferne. Sonst nichts. Vogelzwitschern. Klasse!
Ich schnappe meinen Rucksack und mache mich auf den Weg hinunter in die Wirtschaft. Ein Tisch ist noch frei, er ist direkt vor der Theke, die Versorgung ist also zu jedem Zeitpunkt sichergestellt. Ich bestelle ein Steak au four - nur echt mit Würzfleisch! - und ein Pils. Während ich auf mein Essen warte, schreibe ich schon in mein kleines rosa Buch.
Das Essen ist wirklich hervorragend, zum Würzfleisch wird Worcestersauce aus Dresden gereicht, das Bier schmeckt, ich bin glücklich.
Später unterhalte ich mich noch mit der Frau hinter der Theke und dem Wirt und beide sind bass erstaunt, daß ich Kamenz so toll finde. Vermutlich, wenn man die Dinge vor der Haustüre hat, dann sieht man sie nicht so, wie sie jemand Fremdes sieht. Beide raten mir, so ich Zeit hätte, doch mal nach Bautzen zu fahren. Das überlege ich mir für morgen, heute bin ich erst mal müde und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Es dauert nicht lange, da geht auch schon das Licht aus und ich bin sofort eingeschlafen.

Hey, was eine tolle Etappe! Was ich heute schon wieder alles gesehen habe! Ich bin zwar "nur" 200 Kilometer gefahren, aber ich habe mir Zeit dabei gelassen. Gerade solche Entdeckungen wie Kamenz liebe ich besonders an einer solchen Reise.


Kommentare:

  1. Klasse Bilder von alten Eisenbahnen. Vor allem, wenn sie s/w sind. Man fühlt sich gleich um 100 Jahre zurückversetzt.
    Kleiner Tipp eines Auchnichtcampers...Gesa noch einen halben Meter weiter weg vom Zelt. Nicht, daß bei Sturm oder besoffenen Nachbarn der Lenker nachts ins Zelt kracht...

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    1. Dankeschön! Den Tip werde ich mir zu Herzen nehmen!
      Ja, so alte Eisenbahnen haben es mir ein klein wenig angetan. Ich habe aber auch das Gefühl, daß ich irgendwie immer über die Dinger stolpere...

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  2. Du machst mir gerade Lust auf den Wilden Osten... leider kenne ich diese Gegenden nur von Geschäftsreisen kurz nach der Maueröffnung.

    Ähm... Gibt es noch was außer Karneval und Mainzelmännchen in Mainz? (duck und weg)

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    1. Das sind wirklich echt schöne Gegenden. Und irgendwie total unbekannt hier im Westen. Wenn ich unter Kollegen und Freunden rumfrage, dann waren noch nicht wirklich viele von ihnen mal "drüben" gewesen.
      Es hat sich sehr viel getan, auch wenn es noch viel zu tun gibt. Das sieht man immer wieder in den Städten. Wobei, "hier" ist es oft auch nicht besser.
      Wenn man die aktuellen Meldungen so verfolgt, dann könnte man meinen, es gäbe im Osten nur und überall pöbelnde Nazis. Ich habe auf meiner Reise keine gesehen. Und wenn ich mit Leuten dort gesprochen habe, dann wurde immer klargestellt, daß man ganz und gar nicht die Ansichten der Hohlköpfe teilt.
      Der Wilde Osten ist unbedingt eine Reise wert, wie ich finde. Es gibt so unheimlich viel dort zu entdecken.

      Hm, doch, in Mainz gibt es noch etwas anderes als Fassenacht und Mainzelmännchen: Baustellen. Überall. Manchmal hat man seine liebe Not in die Stadt zu kommen. Zum Einen ist es die sogenannte "Mainzelbahn", eine neue Straßenbahnlinie raus zum Lerchenberg, und dann die traurig berühmte Schiersteiner Brücke. Und dann wird das Ganze noch von einer frohgemuten Stadtverwaltung gewürzt, die zwischendrin noch andere Baustellen einsprenkelt. So hat man ständig Spaß...

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  3. Hach, das wär was für meinen Bahn-Schrat gewesen *kicher* Aber so wie ich ihn kenne, warer da eh schon mal.

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    1. Vermutlich war er da schon mal... Ich glaube, das sind so Pilgerstätten, die in keiner Eisenbahnfreundelandkarte fehlen dürfen.
      Der nette Mann mit der Latzhose hat mir ja erzählt, daß es da noch mehrere solcher Bahnen in Sachsen gibt. Vielleicht mache ich ja irgendwann noch mal eine Tour, die sich daran orientiert. Mal sehen...

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  4. Herrlich mal wieder. Nur echt mit Würzfleisch-da musste ich lachen. Ob die anderen Leser damit etwas anfangen können? Na, Google wird ihnen schon weiterhelfen!

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    1. (lach) Ja, wer Würzfleisch bestellt und nicht weiß, was ihn da erwartet, der wird sich bisweilen etwas wundern, das stimmt!

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    2. Ey, ich bin nen West-Kind und selbst ICH kenne Würzfleisch. Und ich mag es :D

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    3. Ich mag es auch gerne! Auch in Blätterteigpasteten... Hach ja...

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  5. Nur 200 Kilometer. Du hast an diesem Tag mindestens für 400 Kilometer erlebt :-)

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    1. Das ist witzig, daß Du das schreibst! Das Gefühl hatte ich tatsächlich. Auch bei der letzten Etappe hatte ich mich am Abend etwas gewundert, wie wenig Kilometer es am Ende letztlich gewesen waren. Klar, bei der Planung hatte ich das schon mal gesehen, aber in der Wirklichkeit, da fühlte es sich nach viel mehr an. So vom Erlebnisreichtum her gesehen...

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  6. Beim erneuten Lesen ist mir aufgefallen, das du von einer Bürstenmacherei schreibst. Mein Urgroßvater war Bürstenfabrikant im Erzgebirge. Die Firma gibt es nicht mehr. Sie hat die DDR nicht überlebt. Ebenso die Firmenvilla. Dad Wohnhaus ist enteignet worden und ist heute in fremder Hand. Meine Mutter wollte es mal besuchen vor ein paar Jahren, aber die "neuen" Eigentümer waren sehr unhöflich und haben ihr die Tür vor der Nase zugemacht, obwohl meine Mitter ihnen versichert hat, keine Ansprüche zu stellen (die im übrigen sogar berechtigt gewesen wären als letzte lebende Verwandte). Aber die "neuen" Eigentümer haben das anders gesehen. So konnte sie das Elternhaus ihres Vaters nicht besichtigen.

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    1. Ja, das war in Kamenz gewesen. Eine Bürstenmacherei habe ich schon lange nicht mehr gesehen gehabt.

      Ich denke mal, das war bei den "neuen" Eigentümern das schlechte Gewissen gewesen. Man muss dabei bedenken, auf welche Art und Weise viele an die Häuser gekommen sind. Oder sie werden vermutlich auch genügend Stories von "Wessieigentümern" gehört haben.

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