Donnerstag, 14. April 2016

Weltumrundung? - Vielleicht morgen... Ausprobiert: Yamaha MT 09 Tracer

Ich mag dieses Ried nicht. Schon seit ich es kenne. Es ist flach, zersiedelt und mit Verbotsschildern und Geschwindigkeitsbegrenzungen gepflastert. Da hat jedes Dorf, wo nur eine Oma und zwei Hunde wohnen, seinen eigenen Blitzer. Entsprechend degeneriert fahren die Leute da auch. Sie träumen mit knapp siebzig Sachen ergeben dahin und taumeln von Strassenseite zu Strassenseite. Da verkehrt sich der Verkehrssicherheitsgedanke, der hinter vielen Geschwindigkeitsbegrenzungen stecken mag. Die Leute werden unaufmerksam, schlafen am Steuer und reagieren nicht mehr. Nur wenn ein Traktor vor ihnen auftaucht, dann kommt plötzlich für ein paar Augenblicke Leben und Abwechslung in ihr Dasein. Solange, bis sie sich an die Geschwindigkeit von dem Landwirtschaftlichen Gerät gewöhnt haben und einvernehmlich hinterhergondeln. Überholen tut da niemand. Das machen nur Ortsfremde. 
Unter mir säuselt der Dreizylinder, am Heck prangt das "GG" für den Landkreis Groß Gerau. Es ist weithin gefürchtet in unserer Region. Ich gebe hier im Moment also eine Einheimische. An Überholen ist auch nicht zu denken, denn die beiden Autos vor mir, die hinter dem Trecker herschleichen, meandern auf der Strasse entlang, als würden sie führerlos an einem langen Strick an ihm befestigt sein. In einem Dorf schaffe ich den Absprung, da geht eine Strasse ab, in die ich nach dem Vorsatz einbiege, ich fahre dorthin, wo die nicht hinfahren. Ich kann endlich der Tracer mal ein wenig die Sporen geben. 
Die Tracer! Heyheyhey! Yamahas Stelzentourer aus der MT 09! Der Sitz war zunächst gewöhnungsbedürftig, ein ebenes Brett mit Kunstlederbezug, riesiggroß und nach einer Stufe ein dazu passendes Soziusplateau. Aber ich sitze sehr angenehm, ich kann mich dicht an den Tank rutschen und stehe beim Anhalten sofort mit beiden Füßen am Boden. So mag man es. Bei der Fahrt finden die Füße intuitiv auf den Rasten ihren Platz und der Kniewinkel ist nicht zu angespannt. Hier lässt es sich aushalten. Auch, wenn man über 1,85 sein sollte. Die Hände ruhen auf den Griffen, an den Enden eines breiten Lenkers, vor ihnen ein wahres Geweih von Handschutz. Er ist mit einer Art Spoiler versehen und verleiht dem ganzen eine sportlich düstere Note. Erinnern wir uns, die MT Reihe gehört zur Dark Side of Japan. Der Murl ist aus der MT 09 bekannt, er besitzt drei Zylinder und seine 115 Perde traben Katzengleich. Samtweich, geschmeidig, es zieht einen wie eine Papierschlange um die Ecken beim abbiegen. Die Frontscheibe ist einstellbar, aber in der Kürze der Zeit habe ich den Mechanismus dafür nicht gefunden. Der junge Mann, der mir bei Stocksiefen in Nauheim das Motorrad erklärt hat, hat auch mehr Energie auf die elektronischen Details gelegt, denn auf die mechanischen. Entgegen seinen Ausführungen betreibe ich auf der kurzen Testrunde, die ich mit ihr habe, die Maschine nur im Standardmodus. Um an den Tasten am Lenker und am Display rumzufingern fehlt mir die Zeit und der Nerv. 
Hinter einem langezogenen Dorf finde ich einen Feldweg, an dem ich anhalten kann um das Motorrad zu betrachten. 
Mir kommt der junge Mann in den Sinn, den ich in Havelberg getroffen hatte, der die Tracer ohne Probefahrt, nur auf die Ankündigung, gekauft hatte und sehr zufrieden war. Die Maschine sieht sportlich aus, ein wenig der R1000XR und der Crossrunner ähnlich, kompakt, hoch, aber nicht zu hoch. Wie man es aus Japan kennt, ist alles sehr ordentlich gebaut, da klappert nichts, da rappelt nichts. Und man kann mit ihnen so aus dem Verkaufsraum reiten, ohne lange Einstellungen vornehmen zu müssen. 

Das bremst sehr ordentlich und mit nicht abschaltbarem ABS

Das Fahrwerk ist voll einstellbar, den Schraubenkopf für das Federbein habe ich zwar nicht auf Anhieb gefunden, aber wozu gibt es eine Betriebsanleitung. Etwas schwer habe ich mich auch mit der zweiteiligen Sitzbank getan. Den hinteren Teil habe ich ohne weiteres abbekommen, aber der vordere hat sich widersetzt. Ich breche den Versuch an der Stelle ab, denn ich habe keine Lust im Stehen mit der Sitzbank unterm Arm wieder beim Händler aufzutauchen. Falls ich sie am Ende nicht wieder fest bekommen sollte. So bekomme ich allerdings auch nicht die Verstellmöglichkeit für den Fahrersitz mit, mit der man ihn in drei verschiedenen Höhen arretieren kann. Man kann mit dieser Verstellung zwischen 845 und 860 mm erreichen. Was bei der Testmaschine eingestellt war, bleibt wohl ewig verborgen.
Der Blinker stellt sich nicht von alleine zurück. Daran muss man selbst denken.
Das Cockpit stammt aus der Super Ténéré.
Das Zündschloss ist eher was für Linkshänder
Im Gegensatz zum Kupplungshebel ist der Bremshebel einstellbar.
Diese Kofferhalter stammen aus dem Zubehör
Wie fährt sich das jetzt? Ich starte den Motor wieder und folge der Strasse. Die Verwirbelungen am Helm sind moderat, das haben die etwas besser hinbekommen als bei BMW. Wenn ich am Kabel ziehe, dann passiert sofort etwas. Sehr ordentlich sogar. Der Motor gehört nicht umsonst zur "Masters of Torque" Reihe. Das Ding macht Spaß! Nicht überfordernd, immer angriffsbereit.

Der Hauptständer ist übrigens serienmäßig
Hier gibt es einen Kritikpunkt. Der Ständer ist nur schwer zu treffen, die Raste ist im Weg, mit ihrem langen Dorn.

Bestimmt, aber immer noch mit Stil wird man durch die Landschaft katapultiert. Kurven werden aufgesogen, das Fahrwerk ist beeindruckend. Es ist zielgenau und es schluckt Bodenwellen recht souverän. Wenn überhaupt, dann gibt es nur einen Mangel, nämlich den großen Wendekreis. Der Lenkeranschlag kommt recht früh und macht Rangieren etwas schwieriger, als es sein müsste.
Ich biege nach einer guten halben Stunde wieder gutgelaunt auf den Hof ein. Trotz Schnarchern im Ried, trotz Beschränkungsschildern. Weil es einfach ein schönes Motorrad ist. 


Kommentare:

  1. Super Mopped! Habe vor der KTM über die Tracer nachgedacht! Aber "Mann" hat sie ja. Kann jederzeit damit fahren. Finde sie im allen sehr gelungen. Sitzposition perfekt. Alles......bis auf den Wendekreis!

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    1. Ja, bei dem Wendekreis war ich echt etwas verdutzt. Das kenne ich von Gesa anders. Aber sonst, wirklich, das Ding ist gut.

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  2. Guten Abend.
    Ich bin zwar selbst noch keine gefahren, sehe die Tracer so als eierlegende Wollmichsau. Mit ihr ist mit Sicherheit alles möglich.
    Sind die Kofferträger ein Yamaha Zubehör oder von einem externen Anbieter?
    Und noch ein Lob deine Tests/Berichte finde ich sehr objektiv und praxisnah geschrieben.

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    1. Einen schönen guten Tag!
      Erst mal ein Dankeschön! Das freut mich, wenn Dir die Berichte gefallen!
      Den Eindruck einer Eierlegenden Wollmilchsau hatte ich auch. Aber das Konzept ist geglückt. Da ist nicht zu viel gewollt und zu wenig gekonnt, oder so. Ich denke auch, egal ob Urlaub mit vollem Gepäck, oder gemütliche Sonntagsausfahrt, oder Spurt zur Bergwertung, da ist alles drin.
      Die an der Maschine verbauten Kofferträger sind die Softkofferträger aus dem Yamaha Zubehör. Genau wie der Kennzeichenhalter mit dem "MT" Zeichen.

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    2. So praktisch Koffer bzw Softkoffer auch sind die passenden Träger dazu ....na ja. Da gibt es schönere Lösungen.

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    3. Das stimmt. Wirklich formschön sind diese Träger nicht. Sie sehen eher aus, wie ein Unterfahrschutz am LKW, oder ein Schutzgitter, um nicht in rotierende Teile zu greifen.
      Das Yamaha Zubehör widerspricht sich da etwas. Zum einen heißt es, es wären Kofferhalter serienmäßig, zum anderen heißt es bei den Koffern, es würde ein Anbauset benötigt.

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  3. Coooool! Höhenverstellbarer Sitz, Zündschloss für Linkshänder. Geiles Motorrad, da geht Funnys Herz auf ... *fett grins* ...

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    1. Ja, dieses "Einstellbar von 845 bis 860 mm" liest sich riesig. Dabei sind es nüchtern betrachtet gerade mal eineinhalb Zentimeter. Aber immerhin. Wer mal den Unterschied gemerkt hat, den das im Kniewinkel macht, der sieht das als guten Fortschritt an.
      Aber es ist wirklich ein geiles Motorrad. :)

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  4. Liebe Minya, oft musste ich mich regelrecht durch Deine technischen Beiträge quälen. Ich bin doch in diesen Dingen so desinteressiert und froh, dass ich gerade so die Basics meiner PJV verstehe. Aber mehr und mehr lese ich mich ein und Du berichtest in Deinen Testberichten mit einer so schlichten Eleganz, dass es mich mittlerweile richtig reizt, selber einmal andere Bikes auszuprobieren und zu erforschen, was es mit all diesen von Dir zu wunderbar präsentierten Dingen so auf sich hat... ... ...

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    1. Und ich versuche schon immer so wenig wie möglich mit Zahlen und nichtssagendem technischen Blabla zu schreiben. Das überlasse ich gerne den Kollegen, die in den Zeitungen schreiben, die tun das gerne und mit Stolz, die werden dafür auch bezahlt. Aber, wie lässt es Brecht den Ludovico im "Leben des Galilei" sagen: "Die Mutter meint, ein wenig Wissenschaft ist nötig. Alle Welt nimmt ihren Wein heutzutage mit Wissenschaft, wissen Sie." Ganz ohne bestimmte Dinge geht es nicht, das habe ich gemerkt in der Zwischenzeit.
      Ich hoffe sehr, daß ich Dich mit meinen Beiträgen dazu animieren kann, auch mal etwas anderes auszuprobieren. Ohne Dich damit von Deiner PJV wegbringen zu wollen! Einfach, weil es den Horizont erweitert. Und man dabei viel mitnimmt für sein eigenes Motorrad.
      Es gibt so viele Dinge zu entdecken!

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  5. Auch von mir ein dickes DANKE für all deine Fahrberichte. Oftmals ... nee, eigentlich immer decken sie sich mit meinen Erfahrungen. Die Tracer käme für mich eigentlich in Betracht, denn der Motor ist wahrlich geglückt. Dann aber kommt die Sitzhöhe- bei 196 cm Volker brauche ich an die 90 cm Sitzhöhe. Und Volker plus besteallerSozia passt nicht, denn bei 180 Kilo Zuladung muss schon der Tankrucksack zu Hause bleiben. :-( Na ja, und für mich zu wenig schotterwegtauglich. Schade, denn das Möp gefällt mir sehr gut. Auch der Auspuff ist doch wohl gelungen, wenigstens nicht sone Riesentröte an der Seite, oder?
    Ich wünsche dir eine schöne (Haupt)Saison und freue mich auf viele schöne Geschichten! Hast du schon deinen Urlaub geplant (und verrätst das auch)?
    LG Volker

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    1. Das freut mich wirklich, daß Dir die Berichte gefallen!
      Was die Sitzhöhe angeht, da habe ich ja ein ähnliches Problem wie Du. Zwar nicht ganz so sehr wie Du, aber so viele Zentimeter trennen uns nicht. Ich muss sagen, daß ich recht gut auf dieses Motorrad gepasst habe. Die 180 Kilo Zuladung begrenzen freilich den Einsatz etwas. Vermutlich denken die eher daran in solchen Fällen noch ein weiteres Motorrad zu verkaufen... :)
      Der Auspuff hat mich erstaunt, der ist wirklich winzig. Ein bisserl Auspuff schadet ja nicht, aber da gehe ich mit Dir konform, zu viel muss es auch nicht sein.
      Eine schöne Saison wünsche ich Dir auch, viele schöne Kilometer und Eindrücke und immer eine ungehinderte Fahrt!
      Wohin es bei mir in diesem Jahr geht, ist noch nicht entschieden, auch noch nicht wie lange. Von daher fällt mir Planen im Augenblick etwas schwer. Aber es wird sich etwas geben!

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    2. ... und dann bitte einen Minya- typischen Reisebericht inkl. vieler neiderregender Bilder! Ich freue mich schon! :-)

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    3. :) Aber selbstverständlich!

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  6. Wieder ein interessanter Testbericht von dir zu einer interessanten Maschine!
    Aber Weltumrundung? - Mir reichen da die kleinen Ziele – Drachenland, Märchenland und Sauerland :-)
    Und mit der nächsten Tour mal wieder in den Hunsrück – gar nicht weit von deinem Tourgebiet ;-)

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    1. Das stimmt. Weltumrundung muss nicht zwingend sein. Schon, weil man das nicht in zwei Wochen schafft. Diese kleinen Ziele, von denen Du schreibst, die sind doch eigentlich das Salz in der Suppe. Sie sind erreichbar, greifbar, nachvollziehbar.
      Den Hunsrück habt Ihr aber nicht jetzt schon am Wochenende Euch vorgenommen gehabt? Da hätte man sich ja sonst treffen können...

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    2. In den Hunsrück kommen wir wohl im Juli – toll, wenn wir uns da mal treffen könnten.

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    3. Im Juli! Da habe ich noch nichts eingeplant!
      Das wäre wirklich schön, wenn wir uns da träfen. Sag bitte vorher Bescheid!

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