Donnerstag, 25. August 2016

Zwei Damen am Grill

+++30.05.2016+++


Als ich aus der Tür trete, ist gleich eine ganz andere Luft als gestern. Es scheint die Sonne, es riecht nach Sonne und es wird bereits langsam warm. Dabei ist es erst gegen neun. Den Tag lasse ich mir gefallen. 





Es dauert nicht lange, da bollern Gesa und ich bereits durch Poppenbüttel und halten uns in Richtung Flughafen. Polly hatte da in einem ihrer Artikel von einem Lokal am Flughafen berichtet, dort möchte ich nun hin zum frühstücken.
In Hummelsbüttel biege ich ab und fahre zunächst einfach mal der Nase nach. Bis ich in einer Sackgasse hinter einem Radarturm zum Stehen komme. Auf der linken Seite stehen ein paar Baracken. Ich schaudere. So etwas ähnliches habe ich mal in einem Traum gesehen. Und zwar hier in der Nähe. Diese Baracken stellen sich als Unterkünfte für Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg heraus. 

Die aus meinem Traum waren allerdings blaugrau, hatten einen anderen Zweck, gehörten zur Wehrmacht und sahen auch etwas anders aus.
Daß ich diesen Traum gehabt hatte, liegt schon gute zwanzig Jahre zurück. Er ist allerdings so plastisch gewesen, daß er mir noch heute wie ein Film vor Augen ist.
Ich zerstreue meine Gedanken, indem ich die Informationstafel lese und danach dann auf meinem Händi schaue, wo mein Ziel denn nun tatsächlich liegt. So falsch bin ich gar nicht, ich muss noch ein Stück in Richtung Norderstedt und dann bei einer Tankstelle abbiegen. Am Flughafen hat sich in den letzten Jahren so viel verändert, daß das alles gar nicht mehr wiederzuerkennen ist. Die Straßenbahnschleife ist verschwunden, alles ist viel größer geworden und es gibt viel mehr Beton.
Ein paar Minuten später aber tickt Gesa bereits vor dem Coffee to Fly
Es liegt bei einem beliebten Aussichtspunkt auf die Start und Landebahn des Flughafens Fuhlsbüttel. Die startenden Flugzeuge kann man hier gemütlich mit Brötchen und Kaffee in der Hand beobachten. Das tue ich auch, ich habe mir ein Frühstück und ein Rührei bestellt und sitze gemütlich an einem Tisch und lasse es mir gut gehen.
Nach dem gelungenen Frühstück sattele ich Gesa wieder, denn ich habe heute noch einiges vor. Zunächst muss ich nach Bahrenfeld. Das war eigentlich nicht geplant, aber wegen der Friedhofssache muss ich meinen Tagesplan nun etwas ändern. Also rolle ich in Richtung City, biege dann am Nedderfeld ab und folge dem Ring bis es rechts nach Lurup geht. Dort biege ich links ab und bin schon bald am Altonaer Volkspark. Drüben, bei DESY und auf dem ehemaligen Flugplatz, sind Bauaktivitäten zu sehen.
Ich suche den Gärtner, der sich um das Grab meiner Eltern in Hittfeld kümmert. Mein Ziel liegt laut Internet nahe des Haupteingangs vom Friedhof. Bis vor kurzem hatte das ja noch der lokale Gärtner in Hittfeld gemacht, den ich auch schon lange kenne, dann hatte er aber scheinbar keine Lust mehr und hat dieses Geschäftsfeld an einen Gärtner in Altona übergeben. Den suche ich jetzt. Ich weiß, daß hier eine Gärtnerei ist, aber daß sie so klein ist, genaugenommen nur eine Art Kiosk, das hatte ich so dann doch nicht in Erinnerung. So finde ich auch nur eine Verkäuferin vor, die nichts weiter tun kann, als mir zu versprechen, daß ihr Chef mich anrufen würde. Etwas zähneknirschend verlasse ich den Laden.
Mittlerweile ist es wirklich warm geworden und meine Funktionsunterwäsche ist deutlich zu viel unter der Lederjacke. In unmittelbarer Umgebung finde ich einen Rhododendronbusch, hinter dem ich rasch mich des überflüssigen Oberteils entledigen kann. So ist es gleich viel besser.
Ich habe gestern abend festgestellt, daß mein Kettenspray, das ich im Tankrucksack habe, mal wieder leer ist. Das scheint eine hervorstechende Eigenschaft zu sein, die vorwiegend in Norddeutschland aufzutreten scheint. Also fahre ich in die Kieler Straße, denn hier sind die üblichen Läden zu finden und schon bald habe ich wieder eine frische kleine Dose im Gepäck und sehe nun zu, aus der Stadt herauszukommen.
Ich zickzackele mich in Richtung Langenhorn durch und schwitze mich durch Baustellen und ewige Ampelphasen. Irgendwann stehen die Wegweiser auf "Segeberg" und ich kann Gas geben. Da ich durch die Exkursion nach Bahrenfeld etwas in meinem eigentlichen Zeitplan durcheinandergekommen bin, sehe ich zu, daß ich vorankomme. Ich kurve etwas um Bad Segeberg herum und finde mich bald auf den geliebten kleinen Straßen wieder. So nähere ich mich dem Warder See an. Wenn ich schon mal hier bin, dann biege ich hier auch noch mal kurz ab, und so stehe ich bald drauf wieder vor dem Tor des Gutes Wensin. Hier zieht es mich immer wieder magisch hin. Irgendwann werde ich die Zeit und den Mut haben, vorzufahren und zu klingeln.
Nach ein paar Minuten, die ich im Schatten stehe und meine Landkarte neu sortiere, mache ich mich zur nächsten Etappe auf. Es geht geradewegs durch in Richtung Plöner See. 
Die Strecke ist einfach wunderbar, es ist eine herrliche kleine Straße, die sich, den Vorgaben der Landschaft folgend, durch Felder und Wälder windet. 





Um den Plöner See zu erkunden, er sieht etwas aus wie der Schattenriss von Afrika (das ist auch Werner - Erfinder Brösel mal aufgefallen), fehlt mir heute die Zeit. So wechsele ich auf eine etwas breitere Straße und folge den Wegweisern, die "Kiel" verheißen. 
Die Bauarbeiten auf der autobahnähnlich ausgebauten Bundesstraße, die in die Stadt hineinführt, sind noch immer nicht ganz beendet, es geht aber einiges flüssiger vorwärts als im vergangenen Jahr. Ich muss dieses Mal nicht in Richtung Hafen und fahre also eine Abfahrt weiter. Ich halte mich in Richtung Innenstadt. Meinem Instinkt folgend biege ich ab und sehe schon von weitem mein Merkzeichen. Ich bin richtig. Allerdings bin ich jetzt eine halbe Stunde zu früh. Ich drehe also noch ein paar Runden durch Kiel und lerne die Stadt etwas besser kennen, dann kreise ich mein Merkzeichen wieder ein und suche mir einen guten Platz, an dem ich Gesa abstellen kann, ohne daß sie zu sehr stört. 
Den Helm und den Tankrucksack genommen und dann um die Ecke und geklingelt. Als der Türöffner schnarrt, muss ich noch ein paar Treppen hochsteigen und dann bin ich da. Svenja begrüßt mich fröhlich. "Schön, daß Du da bist, komm rein!" Erst mal die Jacke ausgezogen und ankommen. Ich werde auch sogleich auf die Prämiumführung durch die Wohnung gebucht und lerne das alles nun live kennen, was ich bislang nur aus dem Blog kannte. Und ich lerne endlich Pieps kennen. Svenja bereitet mit ihr gerade ihre Baltikumreise vor und hat das Gepäck schon zu weiten Teilen zusammengestellt. So sehr weicht das nicht von meinem Campinggepäck ab. 
Aber bald schon sitzen wir auf dem Balkon, ein alkoholfreies Bier in der Hand und schauen in den sonnenbeschienenen Hof. Neben uns brutzeln zwei Steaks auf dem Grill und es könnte kaum schöner sein. Wir reden über das Reisen, das Fotografieren, das Motorradfahren, es gibt eine Menge Themen, die wir gemeinsam haben, das haben wir ja beim letzten Treffen schon festgestellt. Die Steaks sind köstlich und so sitzen wir bis es anfängt zu dämmern. In der Zwischenzeit hatte es sich einmal kurz zugezogen und in der Ferne etwas gedonnert, aber das ist nun schon wieder vorbei und die Sonne scheint wieder. Es ist Ende Mai, da wird es spät dunkel und so ist es auch bald zehn, als ich aufbreche. Svenja meint ganz erschrocken, "so lange bin ich zuletzt an Silvester aufgewesen!"
Sie kommt noch mit runter, um Gesa zu begutachten und sagt, ich solle auf dem Rückweg auf mich aufpassen und dann muss ich auch schon wieder den Motor anlassen und verschwinde in die beginnende Nacht. 
Das ist auch wieder so ein Abschied, der schwer fällt. Wir hätten noch so viel zu erzählen. Aber das werden wir fortsetzen!
Als ich aus Kiel herauskomme, verfrantze ich mich etwas. Ich lande schnurstracks auf der Autobahn. Da will ich aber nicht hin. Also fahre ich an der nächsten Abfahrt ab und zackere mich durch, bis ich auf die richtige Straße gelange. Nach ein paar Kilometern wird die Straße naß, Wasser liegt in der Luft. Hier hat es geregnet und es regnet ab und zu immer noch ein wenig. In der Ferne, zu meiner linken, sehe ich Wetterleuchten. Es ist mittlerweile ganz dunkel geworden, die Wolken haben den letzten Abendglanz genommen. Ich fahre sturheil durch eine kilometerlange Baustelle. Die Bundesstraße wird zur A21. Vorbei an Bornhöved jagen Gesa und ich durch die Nacht. Schließlich kommt meine Abfahrt in Högersdorf und ich bin wieder auf der Straße, auf der ich heute mittag aus Hamburg hinausgefahren bin. Hier ist es abwechselnd naß und trocken. Es ist kurz vor elf, als ich nach Hamburg hineinkomme. Ich fahre durch fast ausgestorben wirkende Vororte und komme irgendwann, als ich kaum noch dran glaube, nach Poppenbüttel. Nun muss ich nur noch zwei Mal links und dann ist es nicht mehr weit. Es ist noch nicht lange nach elf, da habe ich Gesas Motor abgestellt und sie tickt neben mir auf dem Hof des Hotels. Ich sprühe rasch noch etwas Fett auf die Kette und verschwinde dann, so leise es geht, im bereits schlafenden Hotel. 

Den Regen auf der Rückfahrt hätte es nicht gebraucht. Aber ansonsten ein wunderbarer Ausflug.
Vielen lieben Dank, liebe Svenja, für diesen wunderherrlichen Nachmittag mit Dir auf Deinem Balkon. Hoffentlich können wir so etwas bald mal wieder machen...

Donnerstag, 18. August 2016

Zwei Ladies im Land der Wollies.

+++29.05.2016+++

Als ich den Wecker abgeschaltet habe, bleibt ein Rauschen im Raum. Das wird doch nicht? Ich blinzele ins Zimmer. Mein Mund ist trocken, die Nase etwas zu. Das Bild meiner Augen krisselt leicht, wie eine verrauschte Digitalaufnahme. Ich habe meine Brille noch nicht auf. Die Sinne kehren zurück. Es ist Sonntag, ich bin in Hamburg und das Rauschen kommt von der Mellingburger Schleuse, deren Becken gleich neben dem Haus liegt. Ich wuchte mich aus dem Bett, ziehe die Vorhänge auf und blicke nach draußen. Sonnenschein sieht anders aus. Egal. Kein Regen.

Ohne Frühstück verlasse ich das Haus und laufe zu Gesa. In meiner Hand nur der Helm und der Tankrucksack. Gesa rasch vom Hauptständer gekippt und Helm und Handschuhe an, Motor an und los. Ich rolle die sonntäglich ruhige Wellingsbüttler Landstrasse entlang. Wenige Kilometer entfernt wartet eine Frau auf mich, die ich bislang noch nicht näher kenne. Nur das, was sie in ihrem Blog schreibt, kenne ich bislang. Und ihre Stimme. Gestern Abend haben wir kurz telefoniert. Ihre Stimme klang gleich vertraut. So habe ich sie mir vorgestellt. Ich bin gespannt, wie das Treffen mit ihr sein wird. Am Ohlsdorfer Friedhof mache ich einen kleinen Schlenker über die Fuhlsbüttler Strasse und biege dann in die Alsterdorfer ab. Nun kann nicht mehr viel schiefgehen. Vorbei an dem Haus, in dem die nette Frau Behr mit ihrem Mann gewohnt hatte, die es sicher schon lange nicht mehr gibt. Ich hänge sogleich wieder meinen Gedanken hinterher. So lange her das alles schon wieder. Beinahe verpasse ich meine Abfahrt. Ich biege auf einen Hof ein und sehe schon ein glänzendes Motorrad, hinter dem eine winkende Frau steht. Polly.
Sie hat ein blaues Piratentuch auf den Haaren, Schwarzes Leder an und blaue Schuhe. Ich kann es nicht erwarten, Gesa zu stoppen und mir den Helm vom Kopf zu reißen. Meine Güte, wie ich mich freue. Es ist jetzt schon, als wenn wir uns seit Urzeiten kennen würden. Sofort sind wir im Gespräch. Es ist sofort so vertraut, so normal. Nicht, als wenn wir uns das erste Mal überhaupt sehen würden. Wir brechen also auf, uns etwas zum frühstücken zu suchen. Rauf auf die Motorräder, los.
Vorbei an Heides Wohnung, bei der ich auch schon allzulange nicht mehr war, geht es runter in die Stadt.
Polly fährt voraus, an der Alster entlang, hinter dem Hauptbahnhof rum und vorbei daran, wo früher die Kepa und Horten waren, hinunter zur Hafen City. Die Hafen City ist neu. Modern. Beton. Ein Teil von ihr ist die alt ehrwürdige Speicherstadt, der größte Teil ist aber neu. Wo "Hein Gas" war. Wo die ganzen Schuppen waren. Es ist jedes Mal wie in meinen Alpträumen, in denen ich durch Hamburg irre und keine Ahnung habe, wo ich mich befinde. Ich weiß nur, es muss Hamburg sein. Nur, wo bin ich?. Alles ist groß und fremd. So geht es mir nun auch gerade. Allerdings habe ich hier eine blasse Ahnung wo wir sind. Beziehungsweise, wo wir eigentlich sein müssten. Pollys PJV blinkt links. Wir biegen ab. Polly bedeutet mir, daß wir einen Parkplatz suchen. Schließlich stellen wir die Motorräder auf einer gepflasterten Fläche ab, wo schon zwei Motorroller stehen. „Da vorne muss es sein!“ ruft Polly zu mir rüber und deutet über eine Wasserfläche hinweg auf einen Häuserblock. Es hat leicht angefangen zu tröpfeln. Zunächst nicht bedrohlich, aber es tröpfelt. Wie ich meinen Helm anschließe, brummen seltsame Gefährte vorbei. Es sind eine Art motorisierter Seifenkisten. Das ist eine Stadtrundfahrt, erklärt Polly, die meinen verdutzten Blick verstanden hat. War ich wirklich so lange nicht mehr hier?
Als wir am ehemaligen Hafenbecken entlanggehen, hat sich aus dem Tröpfeln ein Regen entwickelt. „Was machen wir, wenn es weiterregnet?“ Wir zucken die Schultern. „Dann können wir noch in die Kunsthalle gehen, dann machen wir halt was anderes.“ Wir entscheiden uns für ein Wiener Caféhaus. Zu unserem Erstaunen sitzen wir tatsächlich zwischen lauter Österreichern. Aus den dicken Lederjacken raus und erst mal Frühstück bestellt.
Sofort versinken wir in Gesprächen, vergessen fast die Welt da draußen. Die kann man allerdings auch gerade gerne vergessen, es hat sich eingeregnet. Als die Uhr auf zwei geht, wird es draußen etwas heller. Leute kommen auch schon ohne Schirme vorbei. Wir nehmen noch ein letztes Getränk und dann geht es los. Wir wollten an der Elbe entlang, und der Plan steht immer noch. Es ist Anfang Juni, da ist es lange hell, das Wetter wird besser, da sind wir uns sicher, also los. Zurück zu Gesa und der PJV. Der Helm ist trocken geblieben, die Motorräder hat auch niemand mitgenommen, also machen wir uns rasch fertig und sind bald drauf auf der Straße.
Wir biegen am Baumwall in Richtung Landungsbrücken ab und rollen am Hafenrand entlang. Am Altonaer Fischmarkt biegen wir ab in die Große Elbstrasse. Der Fischmarkt ist schon seit ein paar Stunden rum, alles ist wieder aufgekehrt, alle sind nach Hause gegangen, die Musik in der Auktionshalle ist auch schon lange aus. Mit Elke bin ich hier oft gewesen sonntags, bis um zwölf gibt es Livemusik, umsonst und in Farbe. Getanzt, gelacht, Freunde und Bekannte getroffen. Bruni, Kuddel und Atze. Alle schon tot. Sabine, Michael mit dem Fahrrad, Texas mit dem Fotoapparat, was aus ihnen wohl geworden sein mag. Ob sie noch kommen? Hier haben wir die „Bats“ gesehen, die alte Star Club Legende, „Boppin`B“, oder “Miss Smith“. Oder Irmchen. Eine alte Dame, die Schlager sang.
Jetzt fahren wir auf den Maschinen rührungslos auf dem nassen Pflaster an diesem Ort vorbei. Nur ein kurzer Blick zur Seite, dann haben uns unsere edlen Rösser bereits weitergezogen. Durch den Altonaer Hafen geht es zur Rampe, die uns zum Altonaer Balkon emporbringt. In der Kurve erwischt Polly ganz blöde einen gußeiserenen Gullideckel und die PJV macht einen nicht zu verachtenden Satz nach links. Scheinbar ungerührt gibt sie danach wieder Gas. Ich hätte vermutlich erst mal angehalten und durchgeatmet. Und auf die blöden Gußdeckel geschimpft. Der Teufel soll sie holen, die Mistdinger!
Oben dann, auf der Elbchaussee, läuft wieder alles wie es soll. Ich merke allerdings, daß Polly der Rutscher doch mehr mitgenommen hat, als ich zunächst gedacht hätte. Wir kommen durch Blankenese und halten auf Wedel zu. An der Chaussee von Rissen halten wir kurz an. Unser Plan ist es, so dicht an die Elbe heranzukommen, wie möglich. Wir zuckeln durch Wedel, kommen am Hafen entlang, hier war ich auch schon lange nicht mehr, und suchen uns einen Weg durch ein Wohngebiet. Polly hat ihr Händi als Navi am Lenker montiert und fährt souverän voraus. Überhaupt kommt sie mit ihrer PJV, der „Petite Jolie Vulcan“, ganz wunderbar zurecht. Wenn ich da an meine ersten Experimente mit einem Cruiser denke...
Die Gegend wird ländlicher. Wir wollen in Richtung Hetlinger Schanze, haben aber beide vergessen, daß man da nicht so ohne weiteres hingelangt. So stehen wir bald vor einem Schild, das uns die Einfahrt verwehrt. Also rumgedreht und einen anderen Weg gesucht. Das ist nicht so leicht, wie man denkt. Eine Brücke, über die wir eigentlich fahren müssten, gibt es wegen einer Baustelle zur Zeit nicht. Das zwingt uns, etwas weiter auszuholen, als wir eigentlich möchten. So kommen wir durch Uetersen und Elmshorn.
Nach ein paar wunderbaren Kilometern durch die Elbmarsch, kommen wir kurz hinter Kollmar an unser Ziel. Bielenburg. Hier gibt es hinter dem Elbdeich, unmittelbar am Wasser, ein ganz entzückendes kleines Lokal. Polly hat es ausfindig gemacht und wollte schon lange mal hier her. Das Lokal besteht aus einem Imbisswagen und ein paar Tischen und Stühlen. So banal, wie es klingt, ist es allerdings nicht. Die Möbel sind nett gruppiert und bestehen teilweise aus alten Paletten. Das alles gibt einen modern rustikalen Stil. Wir ordern Kaffee und Kuchen und ich juchtze entzückt, denn auf dem Kuchen ist ein Bild von einem Schaf!
Damit nicht genug, überall sind Schafe. Am Deich gehen sie ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit nach und fressen Gras.
Wollies Kumpels, ihn selbst haben wir nicht getroffen.
Polly und ich suchen uns einen hübschen Platz mit Blick auf die Elbe. Die Sonne ist, etwas verhalten zwar, hinter den Wolken hervorgekommen und zaubert aus diesem Fleckchen Erde nun einen der schönsten Plätze der Welt. Wir halten uns an unseren Kaffees fest, blinzeln auf das Wasser und genießen den Augenblick. Und sind sofort wieder am Erzählen. Wir haben so viel gemeinsam. Nicht nur das Motorradfahren und das Reisen mit dem Motorrad, oder die Fotografie. Da ist so viel mehr. Dieser Nachmittag müsste viel viel länger sein, als er jemals sein kann.
Irgendwann zwingt uns allerdings die Vernunft zum Aufbruch. Wir müssen wieder nach Hamburg zurück, schließlich wollen wir noch irgendwo etwas essen.
Als wir die Motorräder wieder gesattelt haben und losfahren, sind die Straßen, die vorhin noch nass gewesen sind, abgetrocknet und die Sonne ist vollständig zwischen den Wolken hervorgekommen. Ich merke, das Polly lockerer wird und befreiter fährt. Der Rutscher hatte lange gewirkt.
Wir cruisen gemütlich zurück durch die Elbmarsch und kommen wieder nach Wedel zurück. Hier über nehme ich wieder die Führung und biege in eine kleine Straße ab. Hier war doch die Sandkuhle gewesen? Ach so, da hatten sie ja einen Golfplatz draus gemacht. Erinnerungen vermischen sich. Noch einmal abbiegen, schwups, schon sind wir da. Im Wald oberhalb des Falkensteiner Ufers liegt eine nette Wirtschaft mit guter Küche und zivilen Preisen. Hier wird es Abendessen geben. Und es wird dunkel sein, bis wir wieder herauskommen. Es gibt so viel zu erzählen.
Labskaus
Es ist wirklich spät geworden, als wir wieder bei den Maschinen stehen. Morgen ist Montag, Polly muss zur Arbeit, also nichts wie nach Hause! Ich übernehme wieder die Führung, hier ist mein Beritt, und wir brodeln über den spätabendlichen Ring in Richtung Eppendorf. Einen kleinen Schlenker am Nedderfeld und dann sind wir auch schon wieder auf dem Hof, wo ich sie heute morgen getroffen habe.
Nee! Ich will noch nicht nach Hause, ich will noch nicht Abschied nehmen! Sie sieht das genauso, und so sind wir auf dem besten Wege die Zeit schon wieder aus dem Auge zu verlieren. Aber irgendwann muss es dann doch sein und ich ziehe mit Gesa wieder davon, winke noch einmal und bin dann schon wieder verschwunden. Wo ist dieser Tag bloß geblieben? Gesa und ich brummen hinein ins Alstertal und stehen bald drauf wieder auf dem Hotelparkplatz. Heute wird es kein Bier mehr geben. Es ist schon lange alles dunkel. Ich schleiche mit meinem Tankrucksack und dem Helm die Treppen hinauf und verschwinde so leise wie möglich auf meinem Zimmer.

Es gäbe noch so viel zu erzählen von diesm Tag, das kann ein einzelner Blogpost einfach nicht wiedergeben.

Heute war ein ganz besonderer Tag. Einer von denen, die es nur ganz selten im Leben gibt.

Donnerstag, 23. Juni 2016

Der Ruf der Landstrasse - Oder Rhein - Elbe - Express

+++28.05.2016+++


Mittwochabend. 
Ich bin mit Lasse zum Essen beim Vietnamesen.  Irgendwas kratzt da in meinem Hals. Das wird doch nicht...? Oh nein!
Donnerstag. 
Feiertag. Na klasse. Das Kratzen ist immer noch da. Ich hasse es jetzt schon. Bis zum Abend ist eine respektable Erkältung daraus geworden, mit Husten und allem Komfort. Ich dusche so heiß es geht und lege mich mit Wärmeflasche und doppelter Decke ins Bett.
Freitag. 
Ich bin total neben der Spur und laufe den halben Tag wie Falschgeld rum. Abends sitzen wir trotzdem bei Ikea und ich huste und schniefe noch ein wenig.

Sonnabend! Sonne! Neun Uhr morgens! Los!
Ich habe Gesa mit den Koffern und dem Tankrucksack behängt und starte in den sonnigen Morgen. Ich fahre auf die Autobahn, über den Rhein und biege dann ab, in Richtung Taunus. Der Verkehr ist außergewöhnlich moderat, ich komme sehr gut durch und finde mich bald, je höher ich komme, im Nebel wieder. Hinter Niedernhausen habe ich kurzzeitig eine blöde Golffahrerin vor mir, die konstant nicht blinkt und mit willkürlich wechselnder Geschwindigkeit vor mir herzockelt. Und dabei ist der Nebel nicht wirklich dicht. In Idstein bin ich sie schließlich irgendwann los und schlage mich ins Hinterland. 
Eine kurze Irritation ob des Weges gibt es noch, aber ich war im Prinzip schon richtig und gebe Gas. Je weiter ich komme, desto schöner wird auch das Wetter wieder. Der Nebel verschwindet, die letzten Wolken verschwinden und machen für Klärchen Platz. Ich singe, soweit das mit der Erkältung geht, aus vollem Hals "Ding a Dong" von "Teach In" in meinen Helm. Die Straße trocknet zusehends ab und ich schwinge fröhlich singend durch den Wald. Bis jetzt klappt mein Vorhaben "Umfahre Frankfurt so gut es geht" ganz vorzüglich. Ich nähere mich Butzbach. Bisher ist auch alles sehr gut ausgeschildert. Die kleine Straße, die ich jetzt fahre, ist anscheinend ein offizieller Schleichweg nach Butzbach. 
Nach ein paar Kilometern laufe ich auf einen BMW und einen Trakor mit Anhänger auf. Der Traktorist transportiert Holzscheite und ist engagiert unterwegs. Von seinem zweiten Anghänger sehe ich, hängt einer der Scheite bedrohlich zur Seite raus. Hoffentlich ist der noch länger, als das Stück, das ich sehen kann. In einer Ortschaft köpft er damit fast einen Radfahrer, brummt aber unvermindert weiter. Als er dann an der nächsten Kreuzung abbiegt, höre ich das typische, hohle "Klong Bong Bong..." Der Holzscheit ist der Fliehkraft gefolgt. Seinen Eigentümer kratzt das nicht, er braust davon und biegt kurz drauf in eine kleinere Strasse ab. Der BMW vor mir hält jetzt auch respektvoll Abstand zu ihm.
In Butzbach angekommen, wird der Verkehr kurzzeitig etwas dichter, die ganzen Sonnabendvormittags - Einkäufer dammeln zu ihren Supermärkten am Rande der Stadt, ich bin aber bald schon wieder draußen und lasse die Stadt hinter mir. Die Straße wird jetzt etwas breiter. Ich fahre die direkte Linie in Richtung Giessen.
Auf dem Giessener Ring ist immer viel los. Auch, wenn Sonnabend ist, denn es gibt zur Zeit eine episch lange Baustelle. Ich habe aber Glück und treffe auf eine freie Lücke und habe vor mir Leute, die vernünftig fahren. Ein kurzes Stück ist dann die Strasse wieder frei, aber es gibt in Richtung Marburg noch mal eine Baustelle. In der Zwischenzeit bin ich Zeugin geworden vom Rennen zweier getunter Landjugendrennautos. Die schenken sich nichts, biegen aber dann doch an der selben Abfahrt ab.
Diese Straße nach Marburg ist noch nicht so sehr lange so, wie sie ist. Ich kann mich noch gut erinnern, wie man sich über kleine Ortschaften schlängelte und dann irgendwann die Lahn über eine uralte kleine Brücke querte. Davor hat es sich gerne mal gestaut. Einmal standen wir da in dem Stau und es riefen die Kollegen  auf dem C - Netz Telefon im Wagen an, wo wir denn blieben. Wir hätten lange schon zurück sein müssen. Aber wir waren noch nicht mal am Ziel unserer Hinfahrt angelangt. Das ist mittlerweile alles Geschichte, die Straße und die Firma, ich bin ein paar Minuten später, als ich diese Stelle von damals passiert habe, schon in Marburg und brumme auf der vierspurigen Bundesstraße durch die Stadt. Das geht eigentlich immer ohne Probleme. Diesmal stelle ich nebenher fest, daß es das Hotel nicht mehr zu geben scheint, in dem ich mal übernachtet habe. Es stand unmittelbar neben der Hochstraße und ich hatte schon sonstwas befürchtet. Als ich das Zimmer aufschloss und eintrat, fuhr unmittelbar vor dem Fenster ein dicker LKW vorbei. Aber - ich hörte - Nichts. Nichts, einfach nichts. Das war alles so gut gedämmt, daß ich wunderbar geschlafen habe, trotz Bundesstrasse vor dem Fenster.
Hinter Marburg biege ich in Richtung Korbach ab. Meine Nase hat angefangen zu laufen, was beim Helmtragen besonders blöd ist, also suche ich mir eine Stelle zum Anhalten. Nach kurzem Weg erscheint auf der rechten Seite ein Parkplatz und ich setze Blinker. Das ist eine gute Gelegenheit, auch mal was zu trinken. Wie ich noch an meinem Tankrucksack herumnestele, kommt ein weiterer Motorradfahrer auf den Parkplatz gefahren und stellt sich nicht weit von mir auf. Er hat aber nur Augen für sein Telefon, das er rasch nach der Ankunft aus der Tasche zieht. Ich packe meine Flasche aus der Plastiktüte aus und wundere mich ein wenig darüber, daß sie noch feucht ist. Ich hatte sie doch abgewischt? Egal. Vielleicht war sie auch nicht richtig zu gewesen, ich wische sie noch mal trocken und packe sie wieder weg. Noch ein paar Meter gehen und dann mache ich mich auch schon wieder fertig zur Weiterfahrt.
Als ich Gas gebe, nickt mir der andere doch noch mal kurz zu und ich nicke zurück. Ich reihe mich in den stärker gewordenen Verkehr ein und gebe Gas. Diese Straße nach Korbach ist mit Blitzern verseucht. Es könnte eine so schöne Strecke sein, aber es macht eigentlich kaum Spaß, dort zu fahren, denn in jedem Ort steht mindestens ein solch ein Ding. Entsprechend fahren die Leute da auch. Die Ortsfremden gehen bisweilen motiviert in die Eisen, man muss ständig mit dem Schlimmsten rechnen. Irgendwann aber habe ich Korbach hinter mir, auch dieses Mal wieder, ohne was von der Stadt gesehen zu haben, und rolle Richtung Bad Arolsen. Dieses Stück der Strecke habe ich im letzten April auch genommen gehabt. In Arolsen hatte ich eine Tankstelle gefunden und die steht heute auch wieder auf meiner Liste. Denn in Arolsen muss ich abbiegen. Ich suche mir also die Tankstelle vom letzten Jahr und lasse die Luft aus Gesas Tank. Das war auch dringend nötig, denn ich war gestern nicht, wie ursprünglich geplant, zum Tanken gekommen und so nicht mit vollem Tank gestartet.
An der Tanke steht noch ein weiterer Motorradfahrer, mit einer alten Honda, er nickt mir gleich freundlich zu, als ich an die Zapfsäule rolle. Er ist aber schon fertig und verschwindet, bevor ich ins Gebäude zum Bezahlen gehe. 
Wo ich schon mal dort bin, denke ich auch an mich und genehmige mir einen Kaffee, der auch dieses Mal wieder unglaublich heiß ist und eine Wurst im Teigmantel. Ein Riesending, aber mein Frühstück war, wie immer bei solchen Gelegenheiten, eher frugal. Bis mein Kaffee in den trinkbaren Bereich abgekühlt ist, vertreibe ich mir die Zeit, einen Zwischenbericht an Tom ins Händi zu tippen. Schließlich ist der Kaffee getrunken und die Wurscht gegessen und ich mache mich fertig zur Weiterfahrt. Diesmal fahre ich mitten durch Arolsen. Jetzt kann ich verstehen, wieso mein Onkel und meine Tante hier immer wieder im Urlaub hingefahren sind. Das ist ja doch ein ganz hübsches Städtchen.
Ich verlasse Bad Arolsen in Richtung Volkmarsen. Meine Erkältung lässt mich glücklicherweise einigermaßen in Ruhe zur Zeit. Es ist nicht kalt, es scheint die Sonne, alles gut. Auf der Straße bin ich jetzt fast alleine. Ein paar langsamere Autos habe ich rasch im Rückspiegel und so gleiten Gesa und ich durch die wunderhübsche Landschaft. Eigentlich immer habe ich einen "Führer" vor mir, jemanden mit einheimischen Kennzeichen, der mir zeigt, wie man hier fährt. Ich lasse diesem Führer aber immer etwas Vorsprung, damit ich rechtzeitig reagieren kann, sollte er einmal etwas noch nicht kennen. So komme ich gut voran. 
In Brakel fahre ich kurz von der Bundesstrasse ab und trinke einen Schluck. Da ist doch schon wieder die Flasche feucht. Hatte ich die doch nicht richtig abgetrocknet? Oder schwitzt die im Tankrucksack. Das hat sie ja noch nie getan. Egal, weg mit dem Ding und weiter. In Brakel fallen mir mehrere Kirchen und Bethäuser verschiedener Gemeinschaften auf, von denen ich zum Teil noch nie gehört habe. Aber ich denke nicht weiter drüber nach und folge meinem Weg. Bald hat sich wieder jemand gefunden, der zeigt, wie man hier fährt. Schön.
In Blomberg irritiert mich eine Baustelle. Ich bin mir nicht sicher, ob ich tatsächlich auf der richtigen Straße herauskomme und fahre rechts ran. Doch, ich bin hier nicht verkehrt, also weiter. An einer Kreuzung in der Umleitung hatte es offenbar eine Auseinandersetzung zwischen einem Auto und einem Motorradfahrer gegeben. Polizei steht da und interviewt die Beiteiligten. Bloß weiter und aufgepasst. Am Ende passiert mir auch noch so was, wo ich nicht ganz auf dem Damm bin.
Nach einer Weile schöner Fahrt durch herrliche grüne Landschaft, komme ich ins Exertal. An einem Schild, das "Museumsbahn" verheißt, biege ich ab und mache eine kurze Rast. Wasser ist von Nöten und Nase putzen. Ich stehe auf einem Hof, neben einem Bahngleis und wundere mich noch über meine immer noch feuchte Wasserflasche, da nähert sich auf einmal eine Fahrraddraisine
Hey, cool! Mit sowas bin ich bei mir in der Gegend auch schon mal gefahren. Das war total toll. Das muss hier wunderschön sein, so durch den Wald und durch Wiesentäler zu radeln. Ich setze das mal auf meine To - Do - Liste.
Als meine Wasserflasche verstaut ist, fädele ich mich wieder auf die Exertalstrasse ein und gebe Gas. Die Bahnlinie nähert sich immer wieder der Straße an und überquert sie auch mitunter. Ich sehe immer wieder mal wieder Leute mit Fahrraddraisinen und winke. An Rinteln werde ich großzügig vorbeigeleitet und überquere die Weser. Bald drauf passiere ich die A2 und rolle durch Buchholz weiter Richtung Norden.
Ich schlängele mich durch Stadthagen, das ich mir irgendwie netter vorgestellt habe und bin wieder mal erstaunt, wie rasch es hier wieder ländlich werden kann. Das ist etwas, das mich in vielen norddeutschen Städten, Hamburg eingeschlossen, schon verwundert hat.
Der Mittellandkanal ist nur ein kurzer Wischer im Augenwinkel, dann geht es weiter durch Wald, Felder und langgestreckte Dörfer. Hier irgendwo weiche ich etwas von meiner ursprünglich geplanten Route ab. Aber das ist alles nicht schlimm, die Straße, auf der ich jetzt bin, führt auch zum Ziel. Sie ist nur etwas schmäler. 
Dafür habe ich dann allerdings einen freien Blick auf das Kohlekraftwerk Heyden. Ich biege hinter Ilse auf die B482 und gebe Gas. Ich fliege über Felder, rolle durch Dörfer und überquere bei Leese die Grenze nach Niedersachsen. Hier biege ich ab und überquere die Weser abermals. In Stolzenau richtet sich mein Weg wieder in Richtung Norden. Mein Etappenziel ist nicht mehr weit. Hier, auf der anderen Weserseite ist auf einmal etwas mehr Verkehr. War ich bislang die meiste Zeit alleine auf der Straße, so bin ich hier Teil einer größeren Ansammlung an Fahrzeugen. Kilometer um Kilometer spult Gesas Zähler ab, es kann nicht mehr weit sein. Die Strasse macht eine Biegung an einem Waldrand, hier muss es sein. Ein Haus erscheint auf der linken Seite. Ich setze den Blinker. Ich stehe vor dem Forsthaus in Oyle. 
Hier war ein Vorfahr von mir "Gehender Förster". Ich stelle Gesa und mich in den Schatten neben dem Grundstück und mache eine kurze Pause. Als meine Wasserflasche und die Plastiktüte, in der sie steckt, immer noch feucht ist, dämmert mir, daß die Flasche irgendwo undicht sein muss. Aber das ist doch eine Aluminiumflasche! Ich beschaue sie genauer. Sie hat da unten so eine weiße Stelle, so ein Shice, da korrodiert sie! Die werde ich wohl ausrangieren können. Und sowas habe ich getrunken...
Allzulange halte ich mich in meinen Gedanken um die lecke Flasche allerdings nicht auf, ich laufe ein paar Schritte, mache ein paar Bilder und verschwinde wieder. Der Weg ist noch weit. Von Oyle fahre ich allerdings erstmal nach Marklohe. Dort haben auch Vorfahren von mir gelebt. Sie haben zu derselben Linie gehört, wie die, deren Spuren ich im letzten Jahr in Wettin verfolgt habe. Marklohe ist wohl das Kirchdorf der Dörfer dort gewesen, aber ich habe keine weitern Angaben, also mache ich dort einen kurzen Stop, mache ein Foto und bin auch gleich wieder verschwunden. Expresstourismus. 
Die Gegend werde ich aber noch mal gesondert bereisen müssen. Ich kehre zurück zur Weserbrücke vor Oyle und biege auf die Bundesstrasse. Da ich etwas von Nienburg sehen möchte, fahre ich an der nächsten Abfahrt wieder ab und folge den Schildern in Richtung Innenstadt.
Ich muss zugeben, Nienburg hatte ich mir anders vorgestellt. Das, was ich sehe, überzeugt mich nicht und ich sehe zu, rasch weiter zu kommen. Vermutlich war ich in der falschen Ecke gewesen.
An einem Kreisverkehr muss ich einmal scharf bremsen, weil sich die Frau mit dem Passat Kombi sehr spät entscheidet, doch noch im Kreisel zu bleiben. Aber es geht sich aus und ich kann unbehelligt weiterfahren. Ich folge der B215 und nach den letzten Ausläufern Nienburgs ist es nicht mehr weit, bis ich auf die B209 abbiege. 
So brumme ich mit Gesa sehr zufrieden durch die norddeutsche Landschaft in Richtung Heide. "When you're feeling all right- everything is uptight- try to sing a song that goes ding ding a dong..." Nach einer Weile unterquere ich die A27 und komme nach Walsrode. Hier bin ich einen Moment unsicher, ob ich auf dem richtigen Weg bin, und stelle mich auf ein totes Stück Strasse, um die Karte zu sortieren und zu schauen wo ich bin. 
Wäre ich ein paar Meter weitergefahren, hätte ich den Wegweiser schon sehen können, der mir sagt, daß ich absolut richtig gelegen habe, mit meiner Route. So geht es nach kurzem Aufenthalt weiter nach Visselhövede. Ich bin jetzt schon seit rund acht Stunden im Sattel, aber ich fühle mich immer noch wohl. Die Erkältung hat sich bisher gut verhalten und ich habe einen einigermaßen freien Kopf.
In Sprengel gibt es wieder eine Umleitung, aber die ist zum Glück nicht besonders lang und führt auch nicht zu weit von der ursprünglichen Route ab. Das Licht wird langsam goldener und wärmer. Gesa und ich sprinten fröhlich in Richtung Schneverdingen. "Ding a dong every hour, when you pick a flower..." Hier gibt es schon eine Harburger Strasse. Ich bin richtig. Kurz vor der B3 schnupfe ich noch einen Pensionistentoyota. Auf der B3 bleibe ich aber nur ein paar Kilometer, ich verschwenke in Welle Richtung Osten. In Handeloh gönne ich mir einen kurzen Abstecher in die Lüneburger Heide. Der Apriliafahrer hinter mir biegt indes ab. 
In Wesel biege ich dann ab, nach Jesteburg. Von dort ist es nicht mehr weit bis Hittfeld. Hier bekommt Gesa erst einmal wieder was in den Tank. Ich sehe auf dem Parkplatz, gegenüber der Aral, wie Leute mit Anzug und Schlips sich zusammenrotten und auf den Weg zu Sponagel machen. Dort wollte ich auch hin und etwas essen. Schließlich knurrt bei mir auch schon was. Ich beeile mich also und erkunde mit Gesa den Parkplatz beim Lokal. Da ist noch ein freier Platz und ich beschließe, mein Glück zu versuchen. Ich parke Gesa, binde den Helm fest, nehme den Tankrucksack und mache mich auf den Weg in die Gaststube. Ich habe Glück, die Gesellschaft sitzt in den hinteren Räumlichkeiten und auf der Terrasse. Vorne im normalen Gastraum ist alles leer. Nun muss ich nur noch vor den ganzen anderen bestellen. Ich überfliege die Karte und lande bei "Maischolle Finkenwerder Art". Wenn das nichts ist. Das bekomme ich, dort wo ich wohne, nicht. Also her damit!
Ich habe noch nicht lange gewartet, da kommt die junge Frau mit einem großen Tablett wieder. Sie stellt mir eine Kumme mit Kartoffeln hin, einen Teller mit Salat und einen Teller mit zwei Fischen drauf. Ich bin genau so platt, wie die beiden Kameraden da auf meinem Teller. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Dazu trinke ich alkoholfreies Hefeweizen, das baut auf. Ich sauge die Gräten bis ab, bis nichts mehr dran ist und sinke zufrieden auf meiner Bank zurück.
Nachdem ich bezahlt habe, mache ich noch einen Abstecher auf den Friedhof, meine Familie besuchen. Ich laufe, den Tankrucksack in der Hand, den Hauptweg entlang und biege schließlich in den Weg ein, in dem unser Grab liegt. Sonne scheint zwischen den Bäumen durch, es ist ein schönes Bild. Ich wundere mich, wieso der Grabstein von meiner Mutter so seltsam aussieht. Was stimmt denn mit den Buchstaben da nicht? Die sind ja runtergefallen! Ich suche mit den Händen im Efeu, kann aber nichts finden. Mir dämmert, daß die nicht alle zugleich heruntergefallen sein können. Die muss jemand geklaut haben! Aber er hat nur Buchstaben genommen, aber nicht alle. Zwei "A" sind noch da und der Geburtsname. Bei den anderen beiden Steinen, die dort stehen, sind noch alle Buchstaben vorhanden. Dabei sind sie viel größer als auf dem kleinen Stein meiner Mutter. Ich lasse die Schultern hängen. Wer zum Henker macht so etwas?? Etwas durcheinander  stapfe ich zurück zu Gesa. Wofür bezahle ich eigentlich diesen Gärtner? Sind die alle blind da? Ich versuch mich zu beruhigen, denn so kann ich nicht weiterfahren. Und das Stück, das jetzt kommt, ist noch mal etwas anspruchsvoll. Ich ziehe mich also wieder an und schwinge mich in den Sattel. Als ich Gesa starte, kann ich mich wenigstens schon wieder aufs Fahren konzentrieren.
Wie ich aus Hittfeld herauskomme, sehe ich, daß sie die Straße nach Eddelsen umgebaut haben. Da gibt es jetzt einen Kreisverkehr, ein Stück weiter. Die bekommen doch alles kaputt, oder? Ich gebe Gas, rolle am Hittfelder Bahnhof vorbei und nach Harburg rein. Hinter dem ehemaligen Strassenbahndepot ist eine Baustelle. Da hat man ziemlich großzügig etwas abgerissen. Ich fahre vor der Phoenix auf die Hochstrasse in Richtung Wilhelmsburg. Nach ein paar hundert Metern empfängt mich eine Baustelle. Aber es ist schon recht spät, schon bald neun, da ist nicht mehr viel los. Ich komme über die Süderelbbrücke. "Gesa schau, die Elbe!" An Wilhelmsburg komme ich gut vorbei und über die Norderelbbrücken. nach Hamburg rein. Ich muss mich recht weit rechts einsortieren, damit ich auf den Heidenkampsweg gelange. Am Berliner Tor muss ich kurz aufpassen. Nanu? Was ist das denn? Da ist eine tiefe Baugrube. Irgendwas fehlt hier. Ich halte auf die Mundsburgtürme zu. Hier staut es sich ein wenig, aber es ist nicht schlimm. Das liegt an der Baustelle hinter dem Berliner Tor. An der Mundsburg biege ich auf die Oberaltenallee ab und gebe Gas. Hier in Hamburg muss man etwas schneller fahren als im Süden. Sonst ist man ein Verkehrshindernis. Hier in Barmbeck erst recht. Nun muss ich nur noch geradeaus fahren. Irgendwann kommt dann der Hinweis "Poppenbüttel". Da muss ich abbiegen. Ein Stück meines Weges in die beginnende Nacht begleitet mich eine Thruxton in British Racing Green. Der Sound ist einmalig. Mal ist er ein Stück vor mir, dann ein Stück hinter mir, dann wieder vor mir. Irgendwann gibt er Gas und verschwindet. Als ich weit hinter Bramfeld schon glaube, ich bin zu weit gefahren, kommt meine Kreuzung doch noch. 
Ich hänge mich hinter einen Bus und komme so günstig davon. Am Poppenbüttler Bahnhof vorbei und dann einmal links und einmal rechts. Nun nur noch geradeaus. Die Spannung steigt. Hier bin ich schon etliche Male gewesen, aber nie bin ich hier im Dunkeln in dieser Richtung gefahren. Vorne am T- Stück muss ich links und dann den Berg runter. Da ist es. Es ist Licht an. Sehr gut. Ich fahre auf den Hof und stelle Gesa unter Bäumen ab. Feierabend. Ich nehme nur Tankrucksack und Helm mit und gehe rein. Ich checke heute das erste Mal im Hotel an der Mellingburger Schleuse ein. Das Hotel hat genau seit fünfzehn Tagen wieder geöffnet, nachdem es zwei Jahre geschlossen gewesen war. Ich hatte von der Schließung gehört und war ganz erstaunt, als ich beim Hotel buchen es in der Liste fand. Die junge Frau vom Empfang bringt mich hoch auf mein Zimmer, ich hole rasch die Koffer und ziehe mich um. Wenn ich mich beeile, bekomme ich vielleicht noch ein Bier, denn die Wirtschaft macht um zehn zu. Das ist es jetzt praktisch. Ich habe Glück, die junge Frau fragt den Ober, ob noch ein Bier für mich denkbar sei und er nickt wohlwollend. Ich bin gerettet.
Nachdem ich ausgetrunken habe, mache ich noch einen kurzen Gang hinunter an die Schleuse. Alles ist noch so, wie ich es kenne. Hier sind wir oft mit dem Boot gewesen, hier haben wir eingesetzt und sind in Richtung Duvenstedt gepaddelt. Vorbei an der Stelle, wo mein Urgroßvater das Haus gebaut hatte.
Eine Fledermaus huscht durch das Dunkel über dem Schleusenbecken, ich kehre aber besser um und kümmere mich noch mal um Gesa. Ich mache das Bremsscheibenschloss klar und sprühe noch mal die Kette ein. Dann sehe ich zu, daß ich ins Bett komme. Der Tag war lang genug, ich habe immer noch die blöde Erkältung und ich will morgen früh fit sein. Also hoch ins Zimmer und mich fertig gemacht. Die Koffer ausgeräumt und ins Bad gestellt und dann Ende für heute. Bevor ich das Licht endgültig ausmache, schreibe ich noch in mein Buch und sinke dann zufrieden zurück. Gute Nacht, Welt!

Ein ziemlicher Stremel! Bis auf das Stück am Anfang und das Stück an Giessen vorbei, bin ich alles auf Landstrassen gefahren. 603 Kilometer im Ganzen. Wäre die Erkältung nicht gewesen, wäre das alles noch viel schöner gewesen. Aber das werde ich in den kommenden Tagen noch mehrmals denken...