Donnerstag, 17. Dezember 2015

Alarmstart mit dem kletternden, drängelnden Rührwerk

Alarmstart, klettern, drängeln, rühren, balgen, raufen, kraxeln - das klingt etwas verschlüsselt bis jetzt? Kein Wunder, "verschlüsseln" ist auch eine der vielen Bedeutungen vom Englischen "to scramble". Spätestens jetzt wird der Bezug zum Motorrad klar. "Scrambler", das Wort ist in aller Munde, spätestens seit dem Aufkeimen der Retrowelle bei den Motorrädern, seit es wieder hip ist, ein Motorrad zu bewegen, daß zumindest ein wenig so ausschaut, wie es seine Ahnen mal getan haben. Eines von diesen Motorrädern ist die Triumph Scrambler 900, sie ist abgeleitet aus der Bonneville Baureihe und seit 2006 auf dem Markt. Zwar sieht sie aus wie ein "echtes altes" Motorrad, aber sie ist es nicht. Einen Vergaser sucht man vergeblich, das, was an ihr so aussieht als sei es einer, ist nur eine gut gemachte Verkleidung für die Einspritzanlage. Auch wenn man die Instrumente am Lenker betrachtet, wird rasch klar, daß man es mit einem recht modernen Motorrad zu tun hat.
Ich stehe auf dem Hof von Triumph Motorcycles Deutschland und mache die kleine Maschine reisefertig. Ich habe meinen BMW Rucksack dabei und suche nach einer Befestigungsmöglichkeit. Die ist allerdings nicht so einfach zu finden. Schließlich gelingt es mir, dank meiner dünnen Finger, die Gurte um die Sitzhalterung zu pfriemeln. Das Blöde an meinem Rucksack ist, daß er laut "Einbauanleitung" längs zur Fahrtrichtung "verbaut" werden soll. Auf der Sitzbank bleibt dadurch für mich nicht mehr allzuviel Platz übrig.
Die Scrambler hatte ich mir für die Fahrt zu den Tridays gewünscht, weil mit einer modernen Maschine zu so einer Veranstaltung? Aber so gar nicht. Eine Bonnie wäre auch fein gewesen, aber die Scrambler hat eine Sitzhöhe, die mir entgegen kommt.
Als Uli Bonsels, der Pressesprecher von Triumph Motorcycles Deutschland, mir die Maschine auf den Hof gestellt hatte, da hatte er zunächst gedacht, der Seitenständer sei defekt, weil die Maschine sich so tief auf die Seite legt, bis endlich der Ständer Bodenkontakt hat. Aber das ist normal, wie wir später festgestellt haben, das machen alle Scrambler 900 so. Allerdings muss man sich nach dem Aufsteigen, was bei meiner Körpergröße trotz Gepäck sehr einfach geht, ordentlich hineinstemmen, um die Maschine aufrichten zu können. Aber, ich lerne das in den folgenden drei Tagen, daran gewöhnt man sich schnell - und es hat auch einen gewissen Coolnessfaktor, wenn man das Bike in die Senkrechte wuchtet. Ein bissel fühlt man sich schon wie der Marlon Brando. Auch wenn man eine Frau ist und der keine Scrambler gefahren ist.
Ich lasse die Maschine an. Den Choke (wozu braucht man den eigentlich, wenn kein Vergaser am Start ist?) gezogen, der sitzt etwas versteckt unter dem Tank auf der linken Seite, dann den Schlüssel rumgedreht, auch auf der linken Seite am Lenkkopf versteckt, und auf die Startertaste gedrückt.
Der Motor springt sofort freudig an, blubbert, rumort, macht Spaß. Die Scrambler 900 hat mit 270° einen anderen Hubzapfenversatz als die normale Bonneville. Daher ist das Motorengeräusch auch ein Anderes. Kernig, aber nicht aufdringlich.
Eines merke ich gleich, die Kupplung verlangt etwas mehr Handkraft, als ich es bislang gewohnt bin. Aber auch da zeigt sich in den drei Tagen, die ich mit ihr unterwegs war, man gewöhnt sich an alles.
Wenn man die Maschine noch nicht so richtig kennt und weiß, wo alles zu finden ist, dann ist es etwas tricky, den Choke wieder zurückzustellen. Man fummelt mit der Hand unter dem Tank herum und drückt auf allem rum, was man finden kann, bis man den Knopf wieder hineingedrückt hat.
Die Spiegel habe ich mir vorm Start eingestellt, allerdings zeigt sich rasch, daß ich in ihnen kaum etwas erkennen kann. Es sind lediglich Schminkspiegel. Sie sind plan, zeigen also nur einen sehr begrenzten Bildwinkel. Na schön, dann übt sich damit der Schulterblick mal wieder etwas.
Wir sind rasch auf der Autobahn, das Tempo wird schneller, die Scrambler ist mit ihren 59 PS jetzt nicht per se eine Wuchtbrumme. Dafür ist sie aber auch nicht gebaut. Die Autobahn wird mit Sicherheit nicht ihr heimisches Terrain werden. Dennoch gelingt es mir, mit den andern mitzuhalten. Allerdings ist sie ein Naked Bike, das sollte man berücksichtigen. Es gibt keinen Windschutz. Keinen. Und bei 140 Sachen schon gar nicht. Womit wir zu den höheren Geschwindigkeiten kommen. Mit viel gutem Willen habe ich aus ihr 170 Km/h herausbekommen. Gerüchten zufolge soll sie auch noch schneller laufen können, aber nicht mit einer Person meiner Größe und meines Gewichtes und mit Tankrucksack. Und ohne Tricks, wie Füße auf die Soziusrasten und linken Arm auf den Rücken und Mund zu. (Danke an den Griesgram999!!)
Nach vierhundert Kilometern Autobahn tut mir allerdings der Dubs weh, wegen des Gepäcks hinter mir kann ich nicht anständig sitzen. Das relativiert sich am nächsten Tag, als ich mit ihr dann ohne Gepäck unterwegs bin und sehr komod zu sitzen komme.
Moderne Schmähs sucht man an der Scrambler 900 vergebens, keine zweite Bremscheibe vorne, kein ABS, keine Traktionskontrolle, keine Modi, keine Warmwasserbeleuchtung. Außer der schon erwähnten Einspritzanlage und den modernen Elementen im Tacho gibt es nichts, wo eine Elektronik eingreift.
Wieder auf der Landstraße wird die Scrambler zum lieben Begleiter. Man mag mit ihr einfach ewig gemütlich dahingleiten. Das macht wirklich Spaß. Lässig im fünfer bei hundert durch die Landschaft pflügen. Der  Motor ist lauffreudig, gibt Kraft von unten raus und schnalzt einen geschwind von der Ampel fort. Dazu der Sound aus dem Auspuff... Ein Traum. Wenn man an der Ampel steht, muss man sich auch keine Sorgen machen, daß der Auspuff einem das Knie brät, der Hitzeschutz hält das Meiste vom Beinkleid fern. Allerdings sollte man ein solches tragen. Das empfiehlt sich bekanntlich aus mehrerlei Hinsicht.
Auf dem Schotter einer Baustelle zeigt sich, daß die Geländeeigenschaften der Scrambler eine eher theoretische Größe sind. Die Federung ist keine andere als auf der normalen Bonneville auch und somit wird das ein etwas härterer Ritt. Man muss sich keine Sorgen machen, daß man mit der Scrambler nicht mehr den Kiesweg zu seinem Anwesen hoch kommt, aber sehr viel mehr Gelände, als mit jedem anderen normalen Nicht - Enduro Motorrad auch, ist nicht das Wohlfühlresort der gut gemachten Maschine. Im Stehen fahren ist bei meiner Körpergröße allerdings, wie bei vielen anderen Motorrädern auch, eine spezielle Sache, ich möchte mit der Scrambler 900 nicht sieben Kilometer Schotterweg durch den Wald im Stehen fahren müssen.
Im Kurvengeschlängel eines Bergpasses kommt sie gut zurecht, allerdings muss man oft bis in den ersten Gang hinunterschalten, um nach der Kurve wieder in Gang zu kommen. Wenn man talentierter ist als ich, oder zumindest geübter als ich, dann kann man sie in solchen Gefilden sicherlich auch recht flott bewegen.
Schön ist der Anblick auf jeden Fall wieder, wenn sie dann tickend neben einem steht und man eine kleine Runde um sie herum dreht und alle Details erfasst, die sie bietet. Das ist der Charme der auf alt getrimmten Motorräder, man sieht den Motor noch, man sieht etwas von der Technik, zwar nicht die vier Ventile je Zylinder, aber es schaut nach Maschine aus. Die wunderbar gekreuzten Auspuffrohre, die Kühlrippen des Motors, die lange Sitzbank, die tropfenförmigen Blinker, das alles sind die kleinen Dinge, die dieses Motorrad einfach schön machen.
Die Scrambler ist in mein Herz eingedrungen und hat sich dort niedergelassen. Ich sitze auf ihr noch akzeptabel, der Kniewinkel geht grad noch in Ordnung, ich habe jederzeit die Füße platt auf dem Boden. 
Sie ist zwar eisenschwer, aber das merkt man im Betrieb nicht. Wenn sie eine bessere Lösung für das Gepäck anbieten würde, dann wäre sie nicht nur ein ideales Motorrad um damit am Sonntag die Runde durch den Landkreis zu drehen. Dann ginge der Weg endlos in Richtung Sonnenuntergang.

Wie Uli Bonsels, Pressesprecher von Triumph Motorcycles Deutschland und amtlicher Chefherbrenner, mir auf Nachfrage schrieb, bliebt die Scrambler 900 auch im kommenden Jahr im Programm, es wird durch die neuen Modelle die Palette erweitert, aber nichts ersetzt. Worauf noch warten?

Kommentare:

  1. Hallo Minya!

    Das hast Du sehr gut geschrieben und mir das Bike damit näher gebracht.

    Ich habe ja echt keine Ahnung von Motorradtechnik und daher sagen mir technische Daten immer nur wenig. Deine ganz persönliche Schilderung haucht dem Ganzen dann aber eine Menge Leben ein.

    Gefällt mir... das Motorrad auch.... :-)

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    1. Ich mag auch diese Zahlen, Daten, Fakten - Orgien nicht. Ich möchte wissen, wie das Motorrad fährt, wie man sich damit fühlt, ob es Spaß macht. Für Diagramme wird es auch sicherlich Abnehmer geben, sonst würden sie ja nicht mit solcher Wonne in jeder Zeitung gedruckt, aber am End vom Tag sagt das halt doch nicht wirklich was aus über das tatsächliche Grinsen im Gesicht.

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  2. So liebevoll, wie du die Scrambler beschreibst, bekommt man richtig Lust drauf :-)

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    1. So ein Motorrad sollte man wirklich mal ausprobieren. Ich finde, es zeigt einem tatsächlich viel von dem, was Motorradfahren eigentlich gewesen ist. Das letzte PS, die finale Newtonmeterexplosion, alles schön und gut. Klar hat es immer eine Jagd nach mehr gegeben. Aber dieses entspannte, einfache Fahren, das macht richtig Laune. Und umso schöner ist es natürlich, wenn es dazu noch nett ausschaut.

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  3. Oh ja, die Scrambler macht richtig Spaß.
    Und das Lesen hier auch wieder.

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    1. Oh, absolut! Gäbe es da nicht das Problem mit dem Gefühl zwischen Daumen und Zeigefinger, ich könnte mir so was neben Gesa in der Garage beinahe vorstellen.
      :)

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  4. Die Scrambler ist ein feines Bike, ohne Frage. Schade, dass Triumph es immer noch nicht geschafft hat, der Bonneville Familie ABS zu verpassen.

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    1. Das ABS wird bei den neuen Modellen, die im kommenden Jahr ausgeliefert werden, dabei sein. Genau wie eine Traktionskontrolle, zwei Fahrmodi und eine zweite Bremsscheibe vorne. Es wird sie als eine 900er Variante (Street Twin) und eine Bonneville T120 mit 1200 Kubik, sowie mit diesem Motor zwei Thruxton Modelle geben. Dazu werden sogenannte "Inspirationskits" angeboten, um die Motorräder zu modifizieren.

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