Montag, 10. Oktober 2016

Let's Mess around! - Messerundgang auf der Intermot 2016

Meine Schritte fliegen die Treppenstufen der S- Bahnstation hinab, ich trete auf die Straße. Vor mir liegt das Messegelände Köln. Ich rücke die Sonnenbrille zurecht. Die Handtasche habe ich extra gestern Abend noch mal abspecken lassen, damit ich mich nicht totschleppe heute, und so laufe ich beschwingten Schrittes auf den Haupteingang zu. "Wo finde ich denn den Eingang für die Presse und so?" - Der Mann mit der gelben Weste zuckt mit den Schultern. "Pfff- Da stellen sie Fragen, Moment, mein Chef, der wird das wissen." Er geht zu einem Mann ohne gelbe Weste und redet mit ihm. Der zeigt mit großer Geste in eine andere Richtung. 
"Da müssen Sie zum Eingang Nord - das ist eine Viertelstunde von hier, da lang und dann um die Ecke." Er zeigt nach rechts. Ich mache mich also auf den Weg. 
Hier gehts für mich nicht rein, das wäre auch zu einfach. Also einmal auf die andere Seite bitte.

Einen strammen Fußmarsch, eine Taschenkontrolle und einen kurzen Stop an der Akkreditierung später, zeige ich den mir um den Hals baumelnden Ausweis einem Mann am Eingang und bin drin. Intermot 2016! 
Die erste Halle, in die ich komme, ist gleich eine von den großen. Vor mir ein riesiger Kawasaki - Stand. Jetzt am späten Vormittag ist es hier noch recht ruhig. Das wird sich im Verlauf des Tages noch ändern, aber richtig voll wird es nicht werden. Heute ist Händlertag. Gestern war der Pressetag mit den ganzen Präsentationen und den Neuheiten, den Pressekonferenzen und dem Getümmel, wenn der Vorhang fällt. Heute ist es nett und ruhig. 
Was mir bei Kawasaki gleich auffällt, das ist der Service, ausgesprochene Frauen - Motorräder besonders zu kennzeichnen. Davon hatte ich gestern schon gehört und es kaum fassen können. Heute sehe ich es mit eigenen Augen. An zentraler Stelle des Standes sind zwei Drehteller, auf denen jeweils ein Motorrad steht und darauf sitzt jeweils eine junge Frau mit grüner Lederjacke. Dazu haben sie zwar kurze Röckchen an und Stilettos, also nicht die volle Schutzausrüstung, aber es ist ja auch eine Messe und da möchte Frau nicht im unförmigen Textilanzug den ganzen Tag schwitzen. Sehr begrüßenswert! Das ist also quasi als "Serviervorschlag" zu verstehen. Ähnlich wie bei der Nuss - Nougat - Creme, wo auch niemand annimmt, daß da tatsächlich ein Eichhörnchen im Glas versteckt ist. 
Die beiden Motorräder, die man hier besonders den Frauen zudenkt, sind die Z1000SX und die Ninja H2
Wow! Das hätte ich gar nicht gedacht! Sonst sind es doch immer nur die kleinen Mickerdinger, mit denen man Frauen in Verbindung bringt.


Lecker Carbon
Ich unterhalte mich ein wenig mit einem Mitarbeiter am Stand und kann schließlich noch herausbekommen, daß wohl für die Vulcan - Serie, mit Ausnahme der Vulcan S, der letzte Choral gesungen ist. Dafür stellt er mir eine neue KLX für 2018 in Aussicht. Ich bin gespannt, bedanke mich und setze meinen Rundgang fort. 

Nicht weit vom Kawasakistand finde ich den Stand von "Bull - it Jeans".
Das sind Motorradjeans, die versprechen, widerstandsfähiger als Leder zu sein. Ich unterhalte mich lange mit einem netten jungen Mann am Stand und er erklärt mir, daß es hierbei nicht nur die besondere Art ist, in der der Jeansstoff gewoben ist, sondern es ist in erster Linie die Lage darunter, das "Covec", daß den Unterschied macht. An einer Seite des Standes hängt eine Jeans, die laut dem Mitarbeiter von einem Kunden in den USA vier Jahre lang getragen wurde, ehe es zum Sturz kam. Der Aussenstoff hängt am Knie in Fetzen, aber das Covec ist wie neu.

Ich kann es kaum fassen. Schließlich zeigt er mir auch noch neuartige Protektoren, die obwohl sie so flach sind, Level 2 erreichen.
So dünn und doch Level 2. Das Schwarze links.
Man verspricht mir, es gäbe auch Damenmodelle mit langen Beinlängen und daß sie nun einen neuen Designer aus der Jeansindustrie hätten. Interessant ist auch, daß sie nicht nur die kompletten Hosen verkaufen, sondern auch das Material einzeln. Damit wird also noch zu rechnen sein. Ich bin beeindruckt. Leider gibt es in Deutschland noch kein wirkliches Händlernetz. Aber daran arbeiten sie gerade.

Ich bin noch nicht weit gekommen, da fällt mir der Stand von Macna ins Auge. Das sind in erster Linie Textilklamotten, von denen manche eine besondere Eigenschaft haben. Sie reflektieren großflächig, wenn sie bei Dunkelheit von Licht erfasst werden. Tagsüber sind sie somit unauffällig schwarz, aber in der Nacht, wenn Licht drauf fällt, leuchten sie hell. Nicht schlecht!
Tagsüber, ohne extra Licht drauf

"Nachts". In diesem Fall mit Blitzlicht bestrahlt.
Leider entdecke ich am Stand nur ein einziges Damenmodell, und das ist auch nur ein dünner Hoodie. Fürs Bier nach dem Fahren. Im Netz findet sich glücklicherweise etwas mehr. 

Aaaaaaaw!!

Grad wie früher!

Tankdeckelschloß mit Schiebedeckel.

Bell Helmets

The Land of Joy. Scrambler Ducati.

Bestaunt, aber nichts für Frauen.


Als ich zum Stand von Held komme, finde ich auch nicht allzuviel für Frauen, aber man hat wenigstens schon davon gehört, daß Frauen auch Motorrad fahren und bietet entsprechendes an. Ich muss allerdings etwas suchen. Meine Jacke, zum Beispiel, kann ich allerdings nicht finden.

Wenigstens liest er eine Frauenzeitschrift...



Hier geht es um Reifen, die sich für den Fahrstil von Frauen eignen.


Bei Icon, die bei uns von Parts Europe vertrieben werden, komme ich ins Gespräch mit dem Pressesprecher und er erläutert mir ein paar Einzelheiten in der neuen Kollektion. So findet man komplette Anzüge, vom Schuh bis zum Helm, die mit einem durchgehenden Design zu haben sind. Bei Icon sind das gerne etwas unkonventionelle Designs, wie man sie hierzulande sonst nicht findet. 

Suzuki überrascht mich wieder mit einer besonderen Empfehlung für uns Frauen.
Der GSX - R 1000R. Die junge Lady, die da drauf sitzt, trägt zwar auch keine Schutzkleidung, aber ich schätze mal, sie wird jetzt auch nicht in der Halle herumfahren wollen damit. Auch am Suzuki Stand, wird uns die V- Strom 650XT ans Herz gelegt.
Sie sieht der großen Schwester zum Verwechseln ähnlich und ist mit 71 Ps sicher auch nicht komplett untermotorisiert. Und es gibt sie nun auch im für die Offroadmodelle von Suzuki klassischen Gelb. Schön.
Ich bin sehr angetan von solcher Ausgewogenheit.

Wie ich bei BMW ankomme, kann ich es schon von weitem sehen. 
Frau soll sich hier besonders für die neuen "Heritage" Modelle, die R - nine - T Pure, das ist, wie der Name es vermuten lässt, eine etwas abgepeckte Version der Ninette und die R - nine - T Racer, einem klassisch verkleideten Bike, interessieren. Eine gute Wahl. Ich nicke wohlwollend. Geschmack haben die da in Bayern und sie wissen, was Frauen wollen. 
Klassischer Racingstyle. Das macht sie nicht zum ersten Mal.

Noch mal solo

Und mit Mann drauf. Den Unterschied sieht man gleich.
Zwar schauen am Stand sich ein paar Mädels die neue kleine G310R an, aber ich bin mir sicher, das ist nur die reine Höflichkeit.
Ich unterhalte mich eine Weile sehr angenehm mit einem Mann aus der Entwicklungsabteilung, der unter anderem an einem Nachfolger für die F800GS arbeitet, dazu aber verständlicherweise zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen kann. 

Bei IXS ist auch etwas für Frauen dabei. Nicht nur als Beiwerk.


Bei Yamaha ist der Fall ziemlich klar, die SCR 950 soll in erster Linie schnelle Söhne ansprechen. 
Dabei könnte ich mir durchaus diese Maschine auch für Frauen vorstellen. Allerdings stört der Luftfilter etwas beim Knieschluss.
Sonst bei Yamaha, viel in den modischen Farben Grau.
Bei Schuberth hängt der Himmel voller Helme. Das coole Orange gibts aber anscheinend nicht zu kaufen. Dafür aber bald einen neuen C4. Das ist kein Sprengstoff, sondern der C3 Nachfolger.
Petra Stadler zeigt mir an ihrem Stand Jacken mit einer Kombination aus Textil und Leder, den Sport Evo.

Das Pfiffige dabei ist, sie bestehen aus zwei Jacken. Einer Laminatjacke für drüber und einer Sommerjacke, mit Lederbesätzen an Schultern und Ellenbogen für drunter. Leider gibt es das bislang nur für Männer.

Bei Harley gibt es keine besonderen Empfehlungen.

Das neue Gesicht der 1290 Adventure.
Rrrr!

Triumph ist ein Name, den Frau ohnehin kennt, hier geht die Empfehlung für die motorradfahrende Frau ganz klar wieder in Richtung Classic. 
Besonders sollen wir uns für die Streetcup und die neue Bonneville T100, beide mit dem "kleinen" 900er Motor interessieren. 
Das finde ich auch und unterhalte mich noch kurz mit Uli Bonsels, der für die Eicma noch ein paar Neuheiten in Aussicht stellt. 

Bei Honda hält man sich mit dezidierten Empfehlungen für Frauen zurück, hier stehe ich wieder vor der bildschönen CB1100. Die nimmt in diesem Jahr einige Fläche ein und ist mit zwei unterschiedlichen Varianten gut repräsentiert.





Zum Schluss nehme ich mir noch die Custombike - Halle vor und schaue, was es dort so alles zu finden gibt, allerdings bin ich langsam am Ende meiner Aufnahmefähigkeit angelangt. Ich laufe durch die Gänge und sehe nicht mehr allzuviel. Zudem rückt langsam die Abfahrtzeit meines Zuges näher, so daß ich mich also in Richtung Ausgang in Bewegung setze. Außerdem tun die Füße weh und der Beutel mit dem ganzen Papier drückt auf der Schulter.

Das verstößt gegen eine Motorrad - Grundregel. Ein Motorrad hat zwei Räder.


Messen sind immer so eine Sache. Man rennt sich die Hacken rund und am Ende weiß man kaum noch, wo man überall gewesen ist. Man schleppt eine Menge Papier mit nach Hause und vielleicht ein paar Goodies. Man hat die Neuheiten der Saison gesehen, oder zumindest einen Teil davon und man hat Gespräche geführt. Diese Gespräche sind das eigentlich wichtige bei den Messen. Die kann man durch Internetsuche nicht ersetzen. Bekannte Gesichter habe ich allerdings heute nicht allzuviele getroffen, Frauke und auch der Griesgram sind heute wohl auch da gewesen, aber wir sind uns nirgends über den Weg gelaufen. Ob ich aber in zwei Jahren wiederkommen werde, das weiß ich noch nicht. Nichts desto trotz hat sich der Ausflug voll gelohnt, auch wenn Gesa heute im Stall bleiben musste. Dafür habe ich jetzt das gute Gewissen, daß wir Frauen im Bewusstsein der Motorradwelt angekommen sind. 
Hoffe ich doch.

Freitag, 7. Oktober 2016

Regentropfen, die an dein Fenster klopfen... - Die Heimfahrt.

+++01.06.2016+++


Als mein Wecker mich aus den Träumen reißt, ist es stockdunkel im Zimmer. Es ist nichts zu hören. Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, daß die Dunkelheit vom herabgelassenen Rolladen rührt. Den hatte ich gestern abend, schon im Bett liegend, runtergelassen, um die feiernden Nachbarn und die Mücken auszublenden. Als ich ihn hochziehe, wird es nur wenig heller. Es sieht etwas bleiern aus. Aber es ist noch trocken. Auch in der Nacht hat es nicht geregnet. Aber das wird nicht so bleiben. Dafür muss ich keine Prophetin sein.
Ich springe ins Bad und in meine Klamotten, klappe die Koffer zu, setze den Duftspender über der Zimmertür wieder in Funktion und verschwinde zum Frühstück. 
Das Frühstück ist gut, ich sitze fast bis zum Schluß alleine im Frühstücksraum und die Musik ist dezent im Hintergrund. So könnte es bleiben. Aber ich muss los. Also bezahle ich mein Zimmer, hole meine Jacke und fahre Gesa an den hinteren Eingang. Die Koffer angeklipst, den Tankrucksack festgeschnallt, Helm auf und Adios. 
Als ich nach Einbeck hineinrolle, fallen die ersten Tropfen. Noch sind es nicht viele, eher lustlos. Ich werde aber sehr gut daran tun, meine Regenkombi mit hinein zu nehmen. Das merke ich schon, als ich auf den Eingang zusteuere. Der Himmel öffnet seine Schleusen. Ich bezahle meinen Eintritt und muss ein paar Schritte über den Hof springen, dann habe ich das erste Etappenziel erreicht: Den "PS. Speicher Einbeck". Das ist ein ehemaliger Getreidespeicher, in dem sich heute ein Motorrad und Auto Museum befindet. Das steht schon eine Weile auf meiner Liste. 
Nachdem ich meine Jacke, Tankrucksack, Helm und die Regenkombi in einem Spind verstaut habe, muss ich erst einmal sechs Treppen nach oben steigen, um dort den Einstieg zu finden. Ich könnte natürlich auch mit einem Aufzug mich bequem nach oben befördern lassen, aber der ist gerade von einer Reisegruppe belegt. Und ich fahre nicht so gerne mit vollen Aufzügen. 
Ich werde mich bei meinem Rundgang Stockwerk um Stockwerk nach unten arbeiten und dabei die verschiedenen Epochen bis zur Jetztzeit bereisen. 
Am Anfang war das Rad. Und zwar das Laufrad des Freiherrn von Drais- ich sehe den Daimler Reitwagen, freilich auch nur als Nachbau, und gleite weiter durch die Zeit. 

Es war alles schon mal irgendwie da gewesen...


Opel

Das haben wir doch auch schon mal gesehen?






Zwei Seltenheiten. Fuldamobil und Kleinschnittger


Die ungleichen Brüder. West und Ost.


Handtaschenharley

Wer hat so etwas schon mal gesehen?

So einen Thonet Stuhl hatte meine Großmutter auch...


Friedlich vereint.

Nicht nur Nähmaschinen und Fahrräder.



Zwo - vier - sechs... Benelli.
Die Jahrzehnte ziehen an mir vorbei. Am Schluß lande ich in einer Art Zeittunnel, der in die Zukunft führt. Meine Zukunft sieht im Moment wenig rosig aus. Schon aus den Fenstern habe ich zwischendurch immer wieder sehen müssen, daß es sich richtig eingeregnet hat und der Wetterbericht sich auf unangenehme Art und Weise erfüllt. 
Auf Video scheint immer die Sonne.
Mir bleibt nur die Regenkombi. Ich verpacke mich also sorgfältig, setze den Helm auf, ziehe die Handschuhe an und stapfe durch die offen stehende Notausgangstür ins Freie. Ein wenig fühle ich mich an die Bilder der Astronauten, die zum Mond geflogen sind, erinnert, wenn sie in ihren Raumanzügen zur Startrampe marschiert sind. Mein Start jedoch wird gleich wesentlich weniger raketenmäßig sein. Ich schnalle den Tankrucksack fest, schwinge mein Bein über die Koffer und die Sitzbank und starte Gesa. Wir rollen im starken Regen vom Parkplatz und verlassen Einbeck. Vor mir tuckert ein schwarzer VW Polo herum, aber ich habe keine Lust, ihn zu überholen. Außerdem kommt immer was von vorne und es gibt Abzweigungen. 
Mein Weg führt mich in Richtung Sievershausen. Sievershausen? Genau, in einem Sievershausen bin ich im letzten Jahr schon mal gewesen. Allerdings in einem anderen, das auch hier in der Nähe liegt. Nun bin ich aber auf der anderen Seite von Einbeck und habe das "richtige" Sievershausen vor mir. Zumindest, was die Suche nach meinen Vorfahren anbelangt. Hier sind meine Vorfahren beheimatet gewesen, bevor sie sich nach Schleswig Holstein aufmachten und dort durch glückliche Fügung in den Besitz einiger Güter gelangten. Wenn ich mir die bloße Zahl dieser Ländereien ansehe, dann muss diese Fügung schon sehr sehr glücklich gewesen sein. Allerdings, wie das Leben so spielt, heute gehört der Familie von alldem überhaupt nichts mehr. 
Ich komme nach Sievershausen hinein, habe aber wegen des Wetters keine sonderliche Lust, auf Erkundungstour zu gehen. Es schüttet immer noch wie aus Eimern und ich drehe lediglich eine kleine Runde und verschwinde dann auch fast haltlos wieder. 
Ich habe mir eine schöne kleine Landstraße herausgesucht, die bei schönem Wetter sicher ganz wunderbar ist. Schon wegen ihrer Besonderheit. Irgendwann endet nämlich der Asphalt und man fährt auf einem Schotterweg durch den Wald. 
Wenn ich nicht die Schilder gesehen hätte, ich würde glauben, mich auf einem Forstweg zu befinden. Nach ein paar Kilometern, die ich äußerst vorsichtig gefahren bin, mündet sie wieder in eine ganz normale Straße.
Über den Solling komme ich nach Uslar. Hier versperrt mir eine Baustelle den geplanten Weg. Nach der Umleitung allerdings sitze ich etwas fest. Ich kann meine Straße nicht finden. In dem Dorf ist nichts ausgeschildert, die vorhandenen Straßen führen scheinbar alle nur in Sackgassen und meine Karte zeigt auch keinen Ausweg. Ich entscheide mich also, ein Stück wieder zurück zu fahren und den bekanntesten Ortsnamen in der Gegend anzusteuern. Das ist Bad Karlshafen. Ich bräuchte auch langsam mal eine Tankstelle und etwas trockenes, wo ich meine Karte umdrehen kann. Allerdings suche ich mir den denkbar blödesten Weg dafür. Auch hierfür gilt: Bei schönem Wetter und mit vollem Tank - kein Ding. Dann ist er schön. Aber so... Ich lande schließlich auf einer winzigen Straße, die sich malerisch von hinten nach Bad Karlshafen hineinschlängelt. Wenn es trocken wäre, ich könnte das jetzt genießen. Ist es aber nicht, tu ich also nicht. 
Ich fahre einmal von längs nach quer duch den Kurort und bin bereits dabei zu zweifeln, daß es eine Tankstelle geben könnte, da sehe ich doch noch ein Schild am Straßenrand. Zwar keine Aral, aber wenigstens Benzin. Gesa ist ohnehin schon mucksch wegen des Wetters. 
Mit klammen Fingern popele ich den Tankdeckel auf und halte den Rüssel hinein. Gurgelnd und sprudelnd verschwindet der Saft in Gesas Tank. Immer noch triefend nass (und immer noch ohne Plastikseetang) quatsche ich zum Kassenhäuschen. Das macht zunächst einen etwas geschlossenen Eindruck, aber eine Frau öffnet freundlich die Tür. Als ich noch ein Mars kaufen möchte, sieht sie, daß der Riegel schon kurz vor seinem Datum ist und meint, "nehmen Sie denn man so!". Dankeschön! 
Ich falte meine Landkarte neu, suche mir meinen Weg für die Weiterfahrt und verlasse die trockene Insel. 
In der Zwischenzeit spüre ich an meinem Südpol schon eine feuchte Stelle. Die Handschuhe sind bereits durch und ich habe den Eindruck, daß auch die Stiefel nicht mehr lange das Wasser abhalten werden. 
Aber es nützt nichts. Ich verlasse Bad Karlshafen in Richtung Trendelburg. Daß ich das natürlich nicht ohne Baustellenumleitung erreiche, versteht sich von selbst. Im Ort verpasse ich beinahe meine Abfahrt, da das Schild so entsetzlich dämlich angebracht ist, daß es von Ortsfremden praktisch nicht gesehen werden kann. Das Dumme ist nur, daß ich auch schon etwas zu weit bin und mich wegen der engen Straße zurückrollen lassen muss. Just in diesem Augenblick ereignet sich ein Flashmob der lokalen Autofahrer an dieser Stelle. Aus allen Richtungen kommen sie an und ich habe meine Not, ihnen klar zu machen, was ich will. Bis sich dieser Knoten aufgelöst hat, dauert es ein wenig. 
Hinter Trendelburg fahre ich auf eine kleinere Landstraße und komme gut voran. Hier ist kaum jemand unterwegs und so kann ich einfach meinen Stremel fahren. Ich lasse die A44 hinter mir und komme irgendwann nach Wolfhagen. In einem der Dörfer muss ich meine Karte erneut sortieren und halte an einer Bushaltestelle mit einem Wartehäuschen. 
Wie ich gerade denke "bestimmt kommen gleich drei Busse", geht es auch schon los. Ich kann gerade noch meinen Tankrucksack wieder festschnallen und mich auf Gesa schwingen, denn von hinten rollen sie schon an. Es sind tatsächlich drei Busse, die aus verschiedenen Straßen herausgefahren kommen, um sich hier an dieser Bushaltestelle mitten im Nichts zu treffen. Leicht verwundert über meine hellseherischen Kräfte drehe ich am Gasgriff und sehe zu, daß ich dem Szenario entkomme. 
Ich gelange bald auf eine Bundesstraße, die mich nach Fritzlar bringt. In Fritzlar hatte ich mal übernachten wollen, als ich mit dem Käfer von Hamburg kam, aber da war die ganze Stadt dunkel und ich habe nichts gefunden, so daß ich weiterfahren musste. Auch heute laden die Rahmenbedingungen nicht dazu ein, die Stadt eingehender zu untersuchen und so fahre ich einfach daran vorbei. 
Kurz vor Bad Zwesten komme ich wieder auf die B3, auf der ich gestern ja schon ein Stück gefahren bin. Dieser Abschnitt der B3 ist immer stark befahren und es quälen sich haufenweise LKW hier entlang, die hier von der A49 abgeleitet werden. Die Ortschaften versuchen sich mit Blitzern zu wehren, aber schöner werden sie durch den brandenden Verkehr nicht. Ich zuckele brav hinter einer Reihe LKW entlang und hoffe so langsam, daß ich bald zu Hause bin. In der Zwischenzeit hat sich der Wassereinbruch im Keller bestätigt und auch der rechte Fuß steht mittlerweile im Wasser. Auch fühlen sich meine Arme kalt und feucht an. Die Hände sind Eisklumpen und im Helm ist eben auch schon ein Rinnsal innen die Scheibe heruntergekrochen. Ich spule nur noch Kilometer ab. Bei einer Hochzeitsgesellschaft am Wegesrand winke ich zwar, aber im Grunde bestimmt nur der Gedanke "Ich will ankommen!" mein Denken. 
Es schüttet immer noch ohne Unterlass und ich fahre sturheil an Marburg vorbei und halte auf Gießen zu. Hier habe ich spontanes Glück bei meiner Spurwahl in der Baustelle. Ich komme gut vorwärts und kann ohne zu stoppen weiterfahren, während es auf der Nebenfahrbahn arg stagniert. Uns trennt die Mittelleitplanke und so bin ich vor Ausbrechern sicher.
Ich biege für ein kurzes Stück auf die A45 ab und verlasse sie an der nächsten Abfahrt wieder. Meine Karte hat schon lange wieder aufgehört und so zackere ich mich ohne sie durch die Gegend und halte mich nur an die Beschilderung.
In Usingen hätte ich eigentlich auf eine Bundesstrasse gesollt, aber egal, diese Straße führt auch in Richtung Idstein, wengleich sie ein wenig geschwungener ist und ich langsamer vorankomme. Auch hier gilt wieder: Bei trockener Witterung wäre das eine wunderbare Strecke. Jetzt, naß, kalt und eklig, ist sie nicht halb so schön.
Hinter Idstein habe ich keine Lust, mich durch die Dörfer und über die Platte nach Wiesbaden zu schlängeln. Ich fahre auf die A3 und folge ihr im dichten Gischtnebel der LKW bis Niedernhausen. Von hier bin ich in ein paar Minuten in Wiesbaden und von dort geht es auf der Autobahn über die Weisenauer Brücke nach Mainz. Mich durch Amöneburg und quer durch die Stadt zu quälen, habe ich keine Lust. Ich will nur noch unter die heiße Dusche und nehme den kürzesten Weg mit dem geringsten Widerstand. 
Zu Hause stelle ich die Koffer vor die Haustür, fahre Gesa in die Garage und verschwinde schleunigst in der trockenen Wohnung. Tür zu. Aus. 
Es ist alles naß. Die Jacke ist an den Ärmeln durch und durch nass, die Hose am Hintern und an den Unterschenkeln, die Füße sind naß und meine Hände sehen aus, wie die von meiner Omi.
Mir ist kalt und bäh. Ich glaube, die Erkältung hat sich vor Schreck verzogen. Von ihr merke ich praktisch gar nichts mehr.
Ich bin heilfroh, daß mich dieser Regen erst auf der letzten Etappe erreicht hat. Denn meine Jacke und meine Hose hätte ich unterwegs nie und nimmer wieder bis zum nächsten Tag trocken bekommen. Auch zu Hause dauert es ein paar Tage, bis sich Hose und Jacke wieder komplett trocken anfühlen. 

390km - und nur die ersten fünf waren trocken. Ich habe rund sieben Stunden gebraucht, um mich heil und ganz nach Hause zu bringen.