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Mittwoch, 27. Dezember 2017

Besuch bei alten Damen

*07.05.2017*
Der Blick aus dem Fenster lässt nichts Gutes ahnen. Es ist grau und die Straße sieht feucht aus. Um das zu erkennen, brauche ich keine Brille. Ich verschwinde im Bad und mache mich fertig. Ein Blick noch auf die Wetterapp, es wird heute auf jeden Fall noch mehr Regen geben, und danach gehe ich erst einmal hinunter zum Frühstück.
Unten sind schon einige im Aufbruch begriffen, andere dagegen offenbar noch gar nicht aufgestanden. Ich suche mir die Dinge her, die ich gerne mag und suche mir einen freien Platz. Die Gespräche drehen sich um Touren, die man schon gefahren ist, um Sitzhöhen und um blöde andere Motorradfahrer. Im Prinzip ist das wie eine Facebookgruppe. Nur in echt.

Nach dem Frühstück gehe ich, meine restlichen Sachen zu verpacken und trage die Koffer runter zu Gesa. Ich habe im Ganzen drei Gepäckstücke plus den Helm. Und mich. Als ich vor die Türe trete, ist es zwar trocken, aber der Regen hängt noch in der Luft. Ich wische das Wasser von Gesas "Tank" und schnalle den Tankrucksack auf ihr fest. Das Bremsscheibenschloss kommt in seinen Beutel und in den Tankrucksack und danach die beiden Koffer an ihre Halter. Hinter mir werden schon die ersten Motoren gestartet und es kommt langsam Bewegung in die Gruppe. Der Hund des Hauses tapert durch die Reihen der Motorräder und lässt sich von allen nacheinander den Rücken kratzen.
Ich laufe noch mal rasch in das Haus und bezahle mein Zimmer und danach bin ich im Prinzip reisefertig. Einen Plan, wie ich fahren möchte, habe ich auch schon. Mittlerweile setzt das große Aufbrechen ein.
Es wird sich gegenseitig gedrückt, gewinkt und gerufen und dann fahren einzelne, oder kleine Gruppen davon. Ich bin eine von den letzten, die losfahren.

Meine Strecke führt mich zunächst in Richtung Trier. Eine Weile folgt mir noch Claudia mit ihrer W800, aber dann biegt sie irgendwann ab und fährt in Richtung Mosel weiter. Ich habe keine Lust auf die Serpentinen bei dem Wetter und halte weiter auf Trier zu. Die Straße ist zum Teil schnurgerade und gut ausgebaut. Es gibt irgendwo ein altes Rasthaus und Gesa und ich kommen durch ein oder zwei langezogene Dörfer. Hier möchte ich nicht wohnen. Weder jetzt bei Regen, noch im Sommer, wenn alles heiß und staubig ist.
Trier kommt näher. Der Verkehr wird etwas dichter und es hat leicht angefangen zu regnen. Die Straße ist nass und es geht in langen Kurven in Richtung Moselbrücke hinab. Trier selbst werde ich auch dieses Mal links liegen lassen. Trier ist eigentlich eine ganz nette Stadt, hier kann man gut einkaufen, allerdings nicht an einem Sonntagvormittag und bei Regen schon gar nicht. Aber das Schicksal teilt sie mit vielen Städten. Triers größter Nachteil ist, daß es immer weit weg ist. Man fährt ewig, bis man dort ist. Früher, als die Straßen im Hunsrück noch nicht so gut ausgebaut waren. war das wirklich ein übler Ritt. Aber auch heute ist das, selbst wenn man forciert fährt, von Mainz eine Tour von gut zweieinhalb Stunden.
Ich möchte heute nicht auf der Autobahn die Stadt verlassen, sondern habe mir eine Straße herausgesucht, die etwas versteckt verläuft. Ich muss hinter dem Verteilerkreisel nur der Straße parallel der Autobahn folgen, so wie ich es im Herbst vor drei Jahren auch getan habe und dann abbiegen. So der Plan. Bald nach dem Kreisel werde ich zunächst einmal auf eine Umleitung geschickt. Diese führt um die zentrale Flüchtlingsaufnahmestelle herum und leitet mich ein paar hundert Meter weiter doch wieder auf die Straße, auf die ich eigentlich wollte.
Meine Stelle, an der ich abbiegen möchte, finde ich, wenn auch nicht gleich, und gelange in ein schmales Tal. Dieses Tal erweitert sich bald und ich fühle mich ein wenig wie im Allgäu.

Die Straße schlängelt sich noch durch einen Vorort und beginnt dann anzusteigen. Das wird vermutlich früher, bevor es die Autobahn gab, der Hauptverkehrsweg gewesen sein. Heute ist es eine unbedeutende Straße, die sich dem Verlauf der Landschaft folgend, den Berg hinaufwindet. Oben angekommen, brauche ich nur noch den Wegweisern nach Hermeskeil zu folgen. Ich habe die Autobahn gequert und fahre vorbei an Hinzert. Hier gibt es eine KZ - Gedenkstätte, eine von zweien in Rheinland - Pfalz. In Hinzert waren in der Mehrzahl luxemburgische Gefangene festgehalten und gequält worden. Es war, ähnlich wie Osthofen kein Vernichtungslager und hatte auch nicht die Ausmaße, wie etwa Bergen Belsen, Dachau, oder Buchenwald. Aber es war da und es hat Menschenleben gekostet. Menschenleben eigentlich völlig unbescholtener Bürger. Deren Fehler es häufig war, den verkehrten Geburtseintrag gehabt zu haben, oder eine von der vorgegebenen Meinung abweichende Haltung.
Diesen Gedanken hänge ich noch nach, als ich nach ein paar Kilometern Hermeskeil erreiche. Ich komme einen Hügel hinabgefahren, rechts an der ehemaligen Kaserne vorbei und biege in die Ortschaft ab. An der Unterführung unter der Eisenbahn sehe ich eine Hinweistafel auf das Dampflokmuseum. Hier bin ich mit meinen Vater irgendwann Ende der 80er, Anfang der 90er ein oder zwei Mal gewesen. Das war eine irre Ansammlung alter, verrosteter, teils verrotteter Lokomotiven. Manche waren damals schon kaum mehr als ein Torso.
Eigentlich mal wieder Zeit, bei den alten Damen vorbeizuschauen. Heute ist Sonntag, vielleicht ist ja geöffnet? Ich biege in Richtung Bahnhof ab. Hier gibt es einen kleinen Busbahnhof und ein altes Empfangsgebäude. Daß sich hier wirklich etwas abspielt, das kann man sich kaum vorstellen. Ich parke Gesa vor dem Bahnhofsgebäude und nehme meinen Tankrucksack und den Helm.
Es ist ein hoher, grüner Metallzaun um das Gelände gezogen, um es vor Piraten zu schützen. Es gibt eine Pforte, die allerdings verschlossen ist und eine Klingel. Bei der Klingel hängt ein Schild "geöffnet" und der Hinweis, man möge die Klingel betätigen, wenn man hinein wollte. Ich tue, wie mir geheißen wurde und warte. Nach einem kurzen Moment erscheint ein älterer, etwas vollschlanker Mann im Bild und kommt auf die Pforte zu. Vermutlich hat er auf eine Gruppe, oder mindestens Familie gehofft. Er öffnet mir, begrüßt mich und geht mit mir vor zum Lokomotivschuppen. Hier kassiert er meinen Eintritt und gibt mir ein kleines Faltblatt und danach darf ich alleine auf Erkundung gehen.
Vor dem Lokschuppen findet sich eine kleine Drehscheibe und dahinter erstreckt sich das Areal. Ich kann schon eine Menge alter Lokomotiven erkennen, manche sind zugedeckt, ein oder zwei sogar eingerüstet. Hier schient sich doch noch etwas zu tun. Ich betrete den Lokschuppen. Im Halbdunkel der Rotunde türmen sich stählerne Ungetüme vor mir auf. Unter den schwarzen findet sich auch ein rotes Ungetüm, eine Diesellok russischen Fabrikats.
Ich schlendere um die riesigen Lokomotiven. Der Geruch von altem Schmieröl und Staub liegt in der Luft. Es ist ein ganz eigentümlicher Geruch, der da hängt. Man findet ihn in vielen dieser alten Lokomotivschuppen. Neben der Ölnote ist da auch noch etwas anderes. Etwas, das an Kohle und Feuer erinnert.
Einen  Moment denke ich noch, vielleicht gesellt sich der Mann vom Eingang noch zu mir und erzählt etwas zu den Exponaten, aber außer daß jemand ein Licht anknipst und dann wieder verschwindet, passiert nichts. Ich schaue mir alles ganz alleine an, niemand hindert mich, in einen Führerstand zu steigen, oder Fotos zu machen.


Nach einer Weile trete ich wieder vor die Tür und sehe mich auf dem Gelände um. Hier sieht es wirklich eher wie ein Lokfriedhof aus. In langen Reihen sind sie abgestellt, Maschinen, hauptsächlich aus der ehemaligen DDR, in allen Erhaltungszuständen.
Manche sind offenbar schon als Schrott, oder als Torso, oder Dampfspender hier angekommen. Zwischen den Dampflokomitven finden sich auch ein paar alte grüne Elektrolok.
Auch hier ist alles dabei, von noch fast OK bis ziemlich verrottet. Ich schaue in den Sandkasten bei einer dieser Ellok. Da ist sogar noch Sand drinnen. Man hat sie einfach so wie sie waren hier hergebracht, ohne sie zu konservierern.
Weiter hinten wachsen ein paar sehr alt aussehende Maschinen in den Boden. Sie müssen aus Rumänien oder so gekommen sein.  An ihren Seiten tragen sie fremdländische Zeichen. Der Zustand ist allerdings auch hier mehr als erbärmlich.
Ich mache ein paar Bilder und gehe eine andere Reihe zwischen den Lokomotiven wieder zurück zum Lokschuppen. Hier stehen auch etliche alte Dampflokomotiven in bisweilen recht fragwürdigem Zustand.
Aber es ist dennoch hochinteressant so alleine dort zwischen den alten Dampfrössern umherzustöbern. An manchen sieht man noch alte Anschriften, manche waren mobile Dampfspender und wurden für diese Aufgabe auf das nötigste reduziert, andere tragen noch die letzte Beheimatung an ihren Führerhäusern.
Ich mache noch eine Runde um die Drehscheibe und finde mich dann wieder beim Lokschuppen ein um meinen Helm und den Tankrucksack abzuholen. 
Der Mann, der mich eingelassen hat, ist nicht mehr dort, statt seiner passt nun eine ältere Asiatin auf die Ausstellungsstücke auf. Sie spricht nur wenig Deutsch und so kommt kein wirklicher Dialog zustande. Ich nehme meine Sachen und verabeschiede mich. 
Gesa wartet immer noch artig vor dem Bahnhofsgebäude auf mich und nach ein paar Augenblicken habe ich mich fertig gemacht und lasse den Motor an. - Was ist das? "Lamp" steht da in der Anzeige. Ich halte die Hand vor den Scheinwerfer. Es ist klar, die Abblendlichtbirne ist kaputt. Hm. Sonst ist sie entweder bei Louis vor der Tür kaputt gegegangen, oder bei mir zu Hause. Wo soll ich denn hier so eine Lampe herbekommen? - Moment, da war doch diese Tankstelle vorhin, als ich in den Ort fuhr. Ich drehe mich um und kann ihre Rückseite sehen. Ich fahre also eine kleine Wende und schwenke auf den Hof der Tankstelle ein. Da Gesa ganz normale Lampen braucht, habe ich keine Probleme, im Laden eine zu finden. Das Auswechseln ist bei Gesa kindereinfach, ich muss nur mit der Hand unter das Anzeigeinstrument greifen und dort einen Deckel abdrehen. Dann komme ich ganz bequem und ohne Werkzeug an die Lampe. 
Nach wenigen Momenten ist das Missgeschick ausgebügelt und wir haben wieder volles Licht. Das ist auch gut, denn der Himmel ist nach wie vor düster und es liegt Regen in der Luft. 

Ich verlasse Hermeskeil in Richtung Nonnweiler. Es ist keine allzugroße Straße, die ich da fahre. Ich komme durch Nonnweiler, sehe den Autohändler, bei dem ich mal vor ein paar Jahren gestrandet bin und brumme weiter in Richtung Birkenfeld. Ein paar Dörfer später rolle ich auch hier durch eine sonntäglich ausgestorbene Stadt. Ich fahre auf die Bundeststraße nach Idar Oberstein. Der Himmel ist noch düsterer, als er es ohnehin schon gewesen ist. Bis Niederbrombach komme ich, dann bricht der Regen los. Ich kann mich auf einem Schulparkplatz eben noch unterstellen. Nach ein paar Minuten, als ich schon zu Gesa laufen und meine Regenkombi aus dem Koffer holen will, hört es eben so schlagartig wieder auf zu regnen, wie es angefangen hatte. Ein paar Tropfen noch und dann ist wieder tiefster Friede. Ich schaue mich ungläubig um. Ein Blick auf die Wetterapp, nö, das war's erst mal. Also weiter. Ich komme nach ein paar Kilometern nach Idar Oberstein hinein. Wie ich gerade in die Stadt heineinfahre, ruft mein alter Kollege Dieter an. Da ich aber eine Freisprechanlage im Helm habe, muss ich nicht anhalten.
Ich fahre auf der Nahe, die man hier einfach überbaut hat und durch einen Tunnel und bin auch schon wieder draußen. An diesem Sonntagmittag ist nicht viel los und ich komme gut vorwärts. Links ab geht es zu dem Dorf, in dem das unglückliche Mädchen gewohnt hatte, mit dem ich vor ein paar Jahren beruflich einmal zu tun gehabt hatte. Sie hatte sich zu einer dieser Reality - TV Shows angemeldet und ist dort ziemlich übel über den Tisch gezogen worden. Ihre Geschichte hat später sehr traurig geendet. Ein Glück hat sie nie gefunden. Im letzten Sommer füllten Meldungen die Tagespresse, daß sie von ihrem neuen Freund in Mecklenburg ermordet worden sei.
Mit diesen Gedanken rolle ich an der Nahe entlang. Das Wetter verschlechtert sich. Ich sehe die Regenwolken. Es besteht kein Zweifel, trocken komme ich nicht nach Hause. Kurz vor Monzingen fängt es richtig an zu regnen und es sieht diesmal nicht nach einem Schauer aus. Ich suche mir einen Platz, an dem ich meine Regenkombi anziehen  kann. Ich biege an der Ampel ab und fahre hinter einem Bahnübergang links. Dort ist ein kleines Haltestellenhäuschen. Hierhin flüchte ich mich. Wie ich mich wieder fertig mache, um weiterzufahren fällt mein Blick auf ein paar verwelkte Blumen und eine kleine Tafel. Hier ist ein Unfall gewesen, bei dem ein Zug das Auto von fünf jungen Männern erfasst hatte. Urg. Ich sehe zu, daß ich diese Stelle verlasse.
Der Regen hat zugenommen und es hat sich richtig eingeregnet. Ich spule einfach meine Kilometer herunter. Durch die Gischt der Autos ist mitunter kaum etwas zu sehen. Ich bin froh, wenn ich nachher zu Hause bin. Als ich an Bad Kreuznach vorbei bin, ist es nicht mehr weit.
Ein paar Kilometer noch über Land und dann tickt Gesa auch schon wieder in ihrer Garage. Die Regenkombi, die Koffer und Gesa sehen aus, als wäre ich sonstwo gewesen. Überall ist Sand und Dreck. Ich stelle erst einmal alles in den Flur und pelle mich aus der gelben Hülle. Jetzt erst einmal in normale, trockene Klamotten und danach einen Kaffee!



Das war ein wirklich tolles Wochenende! Es war anstrengend, aber auch sehr schön. Es hat riesigen Spaß gemacht, die ganzen Leute wiederzusehen und mit ihnen eine schöne Zeit zu haben.
Montag werde ich wieder in aller Herrgottsfrühe aufbrechen müssen, um in Frankfurt die Schulbank zu drücken. Aber nur noch für ein paar Wochen!

Freitag, 7. Oktober 2016

Regentropfen, die an dein Fenster klopfen... - Die Heimfahrt.

+++01.06.2016+++


Als mein Wecker mich aus den Träumen reißt, ist es stockdunkel im Zimmer. Es ist nichts zu hören. Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, daß die Dunkelheit vom herabgelassenen Rolladen rührt. Den hatte ich gestern abend, schon im Bett liegend, runtergelassen, um die feiernden Nachbarn und die Mücken auszublenden. Als ich ihn hochziehe, wird es nur wenig heller. Es sieht etwas bleiern aus. Aber es ist noch trocken. Auch in der Nacht hat es nicht geregnet. Aber das wird nicht so bleiben. Dafür muss ich keine Prophetin sein.
Ich springe ins Bad und in meine Klamotten, klappe die Koffer zu, setze den Duftspender über der Zimmertür wieder in Funktion und verschwinde zum Frühstück. 
Das Frühstück ist gut, ich sitze fast bis zum Schluß alleine im Frühstücksraum und die Musik ist dezent im Hintergrund. So könnte es bleiben. Aber ich muss los. Also bezahle ich mein Zimmer, hole meine Jacke und fahre Gesa an den hinteren Eingang. Die Koffer angeklipst, den Tankrucksack festgeschnallt, Helm auf und Adios. 
Als ich nach Einbeck hineinrolle, fallen die ersten Tropfen. Noch sind es nicht viele, eher lustlos. Ich werde aber sehr gut daran tun, meine Regenkombi mit hinein zu nehmen. Das merke ich schon, als ich auf den Eingang zusteuere. Der Himmel öffnet seine Schleusen. Ich bezahle meinen Eintritt und muss ein paar Schritte über den Hof springen, dann habe ich das erste Etappenziel erreicht: Den "PS. Speicher Einbeck". Das ist ein ehemaliger Getreidespeicher, in dem sich heute ein Motorrad und Auto Museum befindet. Das steht schon eine Weile auf meiner Liste. 
Nachdem ich meine Jacke, Tankrucksack, Helm und die Regenkombi in einem Spind verstaut habe, muss ich erst einmal sechs Treppen nach oben steigen, um dort den Einstieg zu finden. Ich könnte natürlich auch mit einem Aufzug mich bequem nach oben befördern lassen, aber der ist gerade von einer Reisegruppe belegt. Und ich fahre nicht so gerne mit vollen Aufzügen. 
Ich werde mich bei meinem Rundgang Stockwerk um Stockwerk nach unten arbeiten und dabei die verschiedenen Epochen bis zur Jetztzeit bereisen. 
Am Anfang war das Rad. Und zwar das Laufrad des Freiherrn von Drais- ich sehe den Daimler Reitwagen, freilich auch nur als Nachbau, und gleite weiter durch die Zeit. 

Es war alles schon mal irgendwie da gewesen...


Opel

Das haben wir doch auch schon mal gesehen?






Zwei Seltenheiten. Fuldamobil und Kleinschnittger


Die ungleichen Brüder. West und Ost.


Handtaschenharley

Wer hat so etwas schon mal gesehen?

So einen Thonet Stuhl hatte meine Großmutter auch...


Friedlich vereint.

Nicht nur Nähmaschinen und Fahrräder.



Zwo - vier - sechs... Benelli.
Die Jahrzehnte ziehen an mir vorbei. Am Schluß lande ich in einer Art Zeittunnel, der in die Zukunft führt. Meine Zukunft sieht im Moment wenig rosig aus. Schon aus den Fenstern habe ich zwischendurch immer wieder sehen müssen, daß es sich richtig eingeregnet hat und der Wetterbericht sich auf unangenehme Art und Weise erfüllt. 
Auf Video scheint immer die Sonne.
Mir bleibt nur die Regenkombi. Ich verpacke mich also sorgfältig, setze den Helm auf, ziehe die Handschuhe an und stapfe durch die offen stehende Notausgangstür ins Freie. Ein wenig fühle ich mich an die Bilder der Astronauten, die zum Mond geflogen sind, erinnert, wenn sie in ihren Raumanzügen zur Startrampe marschiert sind. Mein Start jedoch wird gleich wesentlich weniger raketenmäßig sein. Ich schnalle den Tankrucksack fest, schwinge mein Bein über die Koffer und die Sitzbank und starte Gesa. Wir rollen im starken Regen vom Parkplatz und verlassen Einbeck. Vor mir tuckert ein schwarzer VW Polo herum, aber ich habe keine Lust, ihn zu überholen. Außerdem kommt immer was von vorne und es gibt Abzweigungen. 
Mein Weg führt mich in Richtung Sievershausen. Sievershausen? Genau, in einem Sievershausen bin ich im letzten Jahr schon mal gewesen. Allerdings in einem anderen, das auch hier in der Nähe liegt. Nun bin ich aber auf der anderen Seite von Einbeck und habe das "richtige" Sievershausen vor mir. Zumindest, was die Suche nach meinen Vorfahren anbelangt. Hier sind meine Vorfahren beheimatet gewesen, bevor sie sich nach Schleswig Holstein aufmachten und dort durch glückliche Fügung in den Besitz einiger Güter gelangten. Wenn ich mir die bloße Zahl dieser Ländereien ansehe, dann muss diese Fügung schon sehr sehr glücklich gewesen sein. Allerdings, wie das Leben so spielt, heute gehört der Familie von alldem überhaupt nichts mehr. 
Ich komme nach Sievershausen hinein, habe aber wegen des Wetters keine sonderliche Lust, auf Erkundungstour zu gehen. Es schüttet immer noch wie aus Eimern und ich drehe lediglich eine kleine Runde und verschwinde dann auch fast haltlos wieder. 
Ich habe mir eine schöne kleine Landstraße herausgesucht, die bei schönem Wetter sicher ganz wunderbar ist. Schon wegen ihrer Besonderheit. Irgendwann endet nämlich der Asphalt und man fährt auf einem Schotterweg durch den Wald. 
Wenn ich nicht die Schilder gesehen hätte, ich würde glauben, mich auf einem Forstweg zu befinden. Nach ein paar Kilometern, die ich äußerst vorsichtig gefahren bin, mündet sie wieder in eine ganz normale Straße.
Über den Solling komme ich nach Uslar. Hier versperrt mir eine Baustelle den geplanten Weg. Nach der Umleitung allerdings sitze ich etwas fest. Ich kann meine Straße nicht finden. In dem Dorf ist nichts ausgeschildert, die vorhandenen Straßen führen scheinbar alle nur in Sackgassen und meine Karte zeigt auch keinen Ausweg. Ich entscheide mich also, ein Stück wieder zurück zu fahren und den bekanntesten Ortsnamen in der Gegend anzusteuern. Das ist Bad Karlshafen. Ich bräuchte auch langsam mal eine Tankstelle und etwas trockenes, wo ich meine Karte umdrehen kann. Allerdings suche ich mir den denkbar blödesten Weg dafür. Auch hierfür gilt: Bei schönem Wetter und mit vollem Tank - kein Ding. Dann ist er schön. Aber so... Ich lande schließlich auf einer winzigen Straße, die sich malerisch von hinten nach Bad Karlshafen hineinschlängelt. Wenn es trocken wäre, ich könnte das jetzt genießen. Ist es aber nicht, tu ich also nicht. 
Ich fahre einmal von längs nach quer duch den Kurort und bin bereits dabei zu zweifeln, daß es eine Tankstelle geben könnte, da sehe ich doch noch ein Schild am Straßenrand. Zwar keine Aral, aber wenigstens Benzin. Gesa ist ohnehin schon mucksch wegen des Wetters. 
Mit klammen Fingern popele ich den Tankdeckel auf und halte den Rüssel hinein. Gurgelnd und sprudelnd verschwindet der Saft in Gesas Tank. Immer noch triefend nass (und immer noch ohne Plastikseetang) quatsche ich zum Kassenhäuschen. Das macht zunächst einen etwas geschlossenen Eindruck, aber eine Frau öffnet freundlich die Tür. Als ich noch ein Mars kaufen möchte, sieht sie, daß der Riegel schon kurz vor seinem Datum ist und meint, "nehmen Sie denn man so!". Dankeschön! 
Ich falte meine Landkarte neu, suche mir meinen Weg für die Weiterfahrt und verlasse die trockene Insel. 
In der Zwischenzeit spüre ich an meinem Südpol schon eine feuchte Stelle. Die Handschuhe sind bereits durch und ich habe den Eindruck, daß auch die Stiefel nicht mehr lange das Wasser abhalten werden. 
Aber es nützt nichts. Ich verlasse Bad Karlshafen in Richtung Trendelburg. Daß ich das natürlich nicht ohne Baustellenumleitung erreiche, versteht sich von selbst. Im Ort verpasse ich beinahe meine Abfahrt, da das Schild so entsetzlich dämlich angebracht ist, daß es von Ortsfremden praktisch nicht gesehen werden kann. Das Dumme ist nur, daß ich auch schon etwas zu weit bin und mich wegen der engen Straße zurückrollen lassen muss. Just in diesem Augenblick ereignet sich ein Flashmob der lokalen Autofahrer an dieser Stelle. Aus allen Richtungen kommen sie an und ich habe meine Not, ihnen klar zu machen, was ich will. Bis sich dieser Knoten aufgelöst hat, dauert es ein wenig. 
Hinter Trendelburg fahre ich auf eine kleinere Landstraße und komme gut voran. Hier ist kaum jemand unterwegs und so kann ich einfach meinen Stremel fahren. Ich lasse die A44 hinter mir und komme irgendwann nach Wolfhagen. In einem der Dörfer muss ich meine Karte erneut sortieren und halte an einer Bushaltestelle mit einem Wartehäuschen. 
Wie ich gerade denke "bestimmt kommen gleich drei Busse", geht es auch schon los. Ich kann gerade noch meinen Tankrucksack wieder festschnallen und mich auf Gesa schwingen, denn von hinten rollen sie schon an. Es sind tatsächlich drei Busse, die aus verschiedenen Straßen herausgefahren kommen, um sich hier an dieser Bushaltestelle mitten im Nichts zu treffen. Leicht verwundert über meine hellseherischen Kräfte drehe ich am Gasgriff und sehe zu, daß ich dem Szenario entkomme. 
Ich gelange bald auf eine Bundesstraße, die mich nach Fritzlar bringt. In Fritzlar hatte ich mal übernachten wollen, als ich mit dem Käfer von Hamburg kam, aber da war die ganze Stadt dunkel und ich habe nichts gefunden, so daß ich weiterfahren musste. Auch heute laden die Rahmenbedingungen nicht dazu ein, die Stadt eingehender zu untersuchen und so fahre ich einfach daran vorbei. 
Kurz vor Bad Zwesten komme ich wieder auf die B3, auf der ich gestern ja schon ein Stück gefahren bin. Dieser Abschnitt der B3 ist immer stark befahren und es quälen sich haufenweise LKW hier entlang, die hier von der A49 abgeleitet werden. Die Ortschaften versuchen sich mit Blitzern zu wehren, aber schöner werden sie durch den brandenden Verkehr nicht. Ich zuckele brav hinter einer Reihe LKW entlang und hoffe so langsam, daß ich bald zu Hause bin. In der Zwischenzeit hat sich der Wassereinbruch im Keller bestätigt und auch der rechte Fuß steht mittlerweile im Wasser. Auch fühlen sich meine Arme kalt und feucht an. Die Hände sind Eisklumpen und im Helm ist eben auch schon ein Rinnsal innen die Scheibe heruntergekrochen. Ich spule nur noch Kilometer ab. Bei einer Hochzeitsgesellschaft am Wegesrand winke ich zwar, aber im Grunde bestimmt nur der Gedanke "Ich will ankommen!" mein Denken. 
Es schüttet immer noch ohne Unterlass und ich fahre sturheil an Marburg vorbei und halte auf Gießen zu. Hier habe ich spontanes Glück bei meiner Spurwahl in der Baustelle. Ich komme gut vorwärts und kann ohne zu stoppen weiterfahren, während es auf der Nebenfahrbahn arg stagniert. Uns trennt die Mittelleitplanke und so bin ich vor Ausbrechern sicher.
Ich biege für ein kurzes Stück auf die A45 ab und verlasse sie an der nächsten Abfahrt wieder. Meine Karte hat schon lange wieder aufgehört und so zackere ich mich ohne sie durch die Gegend und halte mich nur an die Beschilderung.
In Usingen hätte ich eigentlich auf eine Bundesstrasse gesollt, aber egal, diese Straße führt auch in Richtung Idstein, wengleich sie ein wenig geschwungener ist und ich langsamer vorankomme. Auch hier gilt wieder: Bei trockener Witterung wäre das eine wunderbare Strecke. Jetzt, naß, kalt und eklig, ist sie nicht halb so schön.
Hinter Idstein habe ich keine Lust, mich durch die Dörfer und über die Platte nach Wiesbaden zu schlängeln. Ich fahre auf die A3 und folge ihr im dichten Gischtnebel der LKW bis Niedernhausen. Von hier bin ich in ein paar Minuten in Wiesbaden und von dort geht es auf der Autobahn über die Weisenauer Brücke nach Mainz. Mich durch Amöneburg und quer durch die Stadt zu quälen, habe ich keine Lust. Ich will nur noch unter die heiße Dusche und nehme den kürzesten Weg mit dem geringsten Widerstand. 
Zu Hause stelle ich die Koffer vor die Haustür, fahre Gesa in die Garage und verschwinde schleunigst in der trockenen Wohnung. Tür zu. Aus. 
Es ist alles naß. Die Jacke ist an den Ärmeln durch und durch nass, die Hose am Hintern und an den Unterschenkeln, die Füße sind naß und meine Hände sehen aus, wie die von meiner Omi.
Mir ist kalt und bäh. Ich glaube, die Erkältung hat sich vor Schreck verzogen. Von ihr merke ich praktisch gar nichts mehr.
Ich bin heilfroh, daß mich dieser Regen erst auf der letzten Etappe erreicht hat. Denn meine Jacke und meine Hose hätte ich unterwegs nie und nimmer wieder bis zum nächsten Tag trocken bekommen. Auch zu Hause dauert es ein paar Tage, bis sich Hose und Jacke wieder komplett trocken anfühlen. 

390km - und nur die ersten fünf waren trocken. Ich habe rund sieben Stunden gebraucht, um mich heil und ganz nach Hause zu bringen.