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Freitag, 7. Oktober 2016

Regentropfen, die an dein Fenster klopfen... - Die Heimfahrt.

+++01.06.2016+++


Als mein Wecker mich aus den Träumen reißt, ist es stockdunkel im Zimmer. Es ist nichts zu hören. Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, daß die Dunkelheit vom herabgelassenen Rolladen rührt. Den hatte ich gestern abend, schon im Bett liegend, runtergelassen, um die feiernden Nachbarn und die Mücken auszublenden. Als ich ihn hochziehe, wird es nur wenig heller. Es sieht etwas bleiern aus. Aber es ist noch trocken. Auch in der Nacht hat es nicht geregnet. Aber das wird nicht so bleiben. Dafür muss ich keine Prophetin sein.
Ich springe ins Bad und in meine Klamotten, klappe die Koffer zu, setze den Duftspender über der Zimmertür wieder in Funktion und verschwinde zum Frühstück. 
Das Frühstück ist gut, ich sitze fast bis zum Schluß alleine im Frühstücksraum und die Musik ist dezent im Hintergrund. So könnte es bleiben. Aber ich muss los. Also bezahle ich mein Zimmer, hole meine Jacke und fahre Gesa an den hinteren Eingang. Die Koffer angeklipst, den Tankrucksack festgeschnallt, Helm auf und Adios. 
Als ich nach Einbeck hineinrolle, fallen die ersten Tropfen. Noch sind es nicht viele, eher lustlos. Ich werde aber sehr gut daran tun, meine Regenkombi mit hinein zu nehmen. Das merke ich schon, als ich auf den Eingang zusteuere. Der Himmel öffnet seine Schleusen. Ich bezahle meinen Eintritt und muss ein paar Schritte über den Hof springen, dann habe ich das erste Etappenziel erreicht: Den "PS. Speicher Einbeck". Das ist ein ehemaliger Getreidespeicher, in dem sich heute ein Motorrad und Auto Museum befindet. Das steht schon eine Weile auf meiner Liste. 
Nachdem ich meine Jacke, Tankrucksack, Helm und die Regenkombi in einem Spind verstaut habe, muss ich erst einmal sechs Treppen nach oben steigen, um dort den Einstieg zu finden. Ich könnte natürlich auch mit einem Aufzug mich bequem nach oben befördern lassen, aber der ist gerade von einer Reisegruppe belegt. Und ich fahre nicht so gerne mit vollen Aufzügen. 
Ich werde mich bei meinem Rundgang Stockwerk um Stockwerk nach unten arbeiten und dabei die verschiedenen Epochen bis zur Jetztzeit bereisen. 
Am Anfang war das Rad. Und zwar das Laufrad des Freiherrn von Drais- ich sehe den Daimler Reitwagen, freilich auch nur als Nachbau, und gleite weiter durch die Zeit. 

Es war alles schon mal irgendwie da gewesen...


Opel

Das haben wir doch auch schon mal gesehen?






Zwei Seltenheiten. Fuldamobil und Kleinschnittger


Die ungleichen Brüder. West und Ost.


Handtaschenharley

Wer hat so etwas schon mal gesehen?

So einen Thonet Stuhl hatte meine Großmutter auch...


Friedlich vereint.

Nicht nur Nähmaschinen und Fahrräder.



Zwo - vier - sechs... Benelli.
Die Jahrzehnte ziehen an mir vorbei. Am Schluß lande ich in einer Art Zeittunnel, der in die Zukunft führt. Meine Zukunft sieht im Moment wenig rosig aus. Schon aus den Fenstern habe ich zwischendurch immer wieder sehen müssen, daß es sich richtig eingeregnet hat und der Wetterbericht sich auf unangenehme Art und Weise erfüllt. 
Auf Video scheint immer die Sonne.
Mir bleibt nur die Regenkombi. Ich verpacke mich also sorgfältig, setze den Helm auf, ziehe die Handschuhe an und stapfe durch die offen stehende Notausgangstür ins Freie. Ein wenig fühle ich mich an die Bilder der Astronauten, die zum Mond geflogen sind, erinnert, wenn sie in ihren Raumanzügen zur Startrampe marschiert sind. Mein Start jedoch wird gleich wesentlich weniger raketenmäßig sein. Ich schnalle den Tankrucksack fest, schwinge mein Bein über die Koffer und die Sitzbank und starte Gesa. Wir rollen im starken Regen vom Parkplatz und verlassen Einbeck. Vor mir tuckert ein schwarzer VW Polo herum, aber ich habe keine Lust, ihn zu überholen. Außerdem kommt immer was von vorne und es gibt Abzweigungen. 
Mein Weg führt mich in Richtung Sievershausen. Sievershausen? Genau, in einem Sievershausen bin ich im letzten Jahr schon mal gewesen. Allerdings in einem anderen, das auch hier in der Nähe liegt. Nun bin ich aber auf der anderen Seite von Einbeck und habe das "richtige" Sievershausen vor mir. Zumindest, was die Suche nach meinen Vorfahren anbelangt. Hier sind meine Vorfahren beheimatet gewesen, bevor sie sich nach Schleswig Holstein aufmachten und dort durch glückliche Fügung in den Besitz einiger Güter gelangten. Wenn ich mir die bloße Zahl dieser Ländereien ansehe, dann muss diese Fügung schon sehr sehr glücklich gewesen sein. Allerdings, wie das Leben so spielt, heute gehört der Familie von alldem überhaupt nichts mehr. 
Ich komme nach Sievershausen hinein, habe aber wegen des Wetters keine sonderliche Lust, auf Erkundungstour zu gehen. Es schüttet immer noch wie aus Eimern und ich drehe lediglich eine kleine Runde und verschwinde dann auch fast haltlos wieder. 
Ich habe mir eine schöne kleine Landstraße herausgesucht, die bei schönem Wetter sicher ganz wunderbar ist. Schon wegen ihrer Besonderheit. Irgendwann endet nämlich der Asphalt und man fährt auf einem Schotterweg durch den Wald. 
Wenn ich nicht die Schilder gesehen hätte, ich würde glauben, mich auf einem Forstweg zu befinden. Nach ein paar Kilometern, die ich äußerst vorsichtig gefahren bin, mündet sie wieder in eine ganz normale Straße.
Über den Solling komme ich nach Uslar. Hier versperrt mir eine Baustelle den geplanten Weg. Nach der Umleitung allerdings sitze ich etwas fest. Ich kann meine Straße nicht finden. In dem Dorf ist nichts ausgeschildert, die vorhandenen Straßen führen scheinbar alle nur in Sackgassen und meine Karte zeigt auch keinen Ausweg. Ich entscheide mich also, ein Stück wieder zurück zu fahren und den bekanntesten Ortsnamen in der Gegend anzusteuern. Das ist Bad Karlshafen. Ich bräuchte auch langsam mal eine Tankstelle und etwas trockenes, wo ich meine Karte umdrehen kann. Allerdings suche ich mir den denkbar blödesten Weg dafür. Auch hierfür gilt: Bei schönem Wetter und mit vollem Tank - kein Ding. Dann ist er schön. Aber so... Ich lande schließlich auf einer winzigen Straße, die sich malerisch von hinten nach Bad Karlshafen hineinschlängelt. Wenn es trocken wäre, ich könnte das jetzt genießen. Ist es aber nicht, tu ich also nicht. 
Ich fahre einmal von längs nach quer duch den Kurort und bin bereits dabei zu zweifeln, daß es eine Tankstelle geben könnte, da sehe ich doch noch ein Schild am Straßenrand. Zwar keine Aral, aber wenigstens Benzin. Gesa ist ohnehin schon mucksch wegen des Wetters. 
Mit klammen Fingern popele ich den Tankdeckel auf und halte den Rüssel hinein. Gurgelnd und sprudelnd verschwindet der Saft in Gesas Tank. Immer noch triefend nass (und immer noch ohne Plastikseetang) quatsche ich zum Kassenhäuschen. Das macht zunächst einen etwas geschlossenen Eindruck, aber eine Frau öffnet freundlich die Tür. Als ich noch ein Mars kaufen möchte, sieht sie, daß der Riegel schon kurz vor seinem Datum ist und meint, "nehmen Sie denn man so!". Dankeschön! 
Ich falte meine Landkarte neu, suche mir meinen Weg für die Weiterfahrt und verlasse die trockene Insel. 
In der Zwischenzeit spüre ich an meinem Südpol schon eine feuchte Stelle. Die Handschuhe sind bereits durch und ich habe den Eindruck, daß auch die Stiefel nicht mehr lange das Wasser abhalten werden. 
Aber es nützt nichts. Ich verlasse Bad Karlshafen in Richtung Trendelburg. Daß ich das natürlich nicht ohne Baustellenumleitung erreiche, versteht sich von selbst. Im Ort verpasse ich beinahe meine Abfahrt, da das Schild so entsetzlich dämlich angebracht ist, daß es von Ortsfremden praktisch nicht gesehen werden kann. Das Dumme ist nur, daß ich auch schon etwas zu weit bin und mich wegen der engen Straße zurückrollen lassen muss. Just in diesem Augenblick ereignet sich ein Flashmob der lokalen Autofahrer an dieser Stelle. Aus allen Richtungen kommen sie an und ich habe meine Not, ihnen klar zu machen, was ich will. Bis sich dieser Knoten aufgelöst hat, dauert es ein wenig. 
Hinter Trendelburg fahre ich auf eine kleinere Landstraße und komme gut voran. Hier ist kaum jemand unterwegs und so kann ich einfach meinen Stremel fahren. Ich lasse die A44 hinter mir und komme irgendwann nach Wolfhagen. In einem der Dörfer muss ich meine Karte erneut sortieren und halte an einer Bushaltestelle mit einem Wartehäuschen. 
Wie ich gerade denke "bestimmt kommen gleich drei Busse", geht es auch schon los. Ich kann gerade noch meinen Tankrucksack wieder festschnallen und mich auf Gesa schwingen, denn von hinten rollen sie schon an. Es sind tatsächlich drei Busse, die aus verschiedenen Straßen herausgefahren kommen, um sich hier an dieser Bushaltestelle mitten im Nichts zu treffen. Leicht verwundert über meine hellseherischen Kräfte drehe ich am Gasgriff und sehe zu, daß ich dem Szenario entkomme. 
Ich gelange bald auf eine Bundesstraße, die mich nach Fritzlar bringt. In Fritzlar hatte ich mal übernachten wollen, als ich mit dem Käfer von Hamburg kam, aber da war die ganze Stadt dunkel und ich habe nichts gefunden, so daß ich weiterfahren musste. Auch heute laden die Rahmenbedingungen nicht dazu ein, die Stadt eingehender zu untersuchen und so fahre ich einfach daran vorbei. 
Kurz vor Bad Zwesten komme ich wieder auf die B3, auf der ich gestern ja schon ein Stück gefahren bin. Dieser Abschnitt der B3 ist immer stark befahren und es quälen sich haufenweise LKW hier entlang, die hier von der A49 abgeleitet werden. Die Ortschaften versuchen sich mit Blitzern zu wehren, aber schöner werden sie durch den brandenden Verkehr nicht. Ich zuckele brav hinter einer Reihe LKW entlang und hoffe so langsam, daß ich bald zu Hause bin. In der Zwischenzeit hat sich der Wassereinbruch im Keller bestätigt und auch der rechte Fuß steht mittlerweile im Wasser. Auch fühlen sich meine Arme kalt und feucht an. Die Hände sind Eisklumpen und im Helm ist eben auch schon ein Rinnsal innen die Scheibe heruntergekrochen. Ich spule nur noch Kilometer ab. Bei einer Hochzeitsgesellschaft am Wegesrand winke ich zwar, aber im Grunde bestimmt nur der Gedanke "Ich will ankommen!" mein Denken. 
Es schüttet immer noch ohne Unterlass und ich fahre sturheil an Marburg vorbei und halte auf Gießen zu. Hier habe ich spontanes Glück bei meiner Spurwahl in der Baustelle. Ich komme gut vorwärts und kann ohne zu stoppen weiterfahren, während es auf der Nebenfahrbahn arg stagniert. Uns trennt die Mittelleitplanke und so bin ich vor Ausbrechern sicher.
Ich biege für ein kurzes Stück auf die A45 ab und verlasse sie an der nächsten Abfahrt wieder. Meine Karte hat schon lange wieder aufgehört und so zackere ich mich ohne sie durch die Gegend und halte mich nur an die Beschilderung.
In Usingen hätte ich eigentlich auf eine Bundesstrasse gesollt, aber egal, diese Straße führt auch in Richtung Idstein, wengleich sie ein wenig geschwungener ist und ich langsamer vorankomme. Auch hier gilt wieder: Bei trockener Witterung wäre das eine wunderbare Strecke. Jetzt, naß, kalt und eklig, ist sie nicht halb so schön.
Hinter Idstein habe ich keine Lust, mich durch die Dörfer und über die Platte nach Wiesbaden zu schlängeln. Ich fahre auf die A3 und folge ihr im dichten Gischtnebel der LKW bis Niedernhausen. Von hier bin ich in ein paar Minuten in Wiesbaden und von dort geht es auf der Autobahn über die Weisenauer Brücke nach Mainz. Mich durch Amöneburg und quer durch die Stadt zu quälen, habe ich keine Lust. Ich will nur noch unter die heiße Dusche und nehme den kürzesten Weg mit dem geringsten Widerstand. 
Zu Hause stelle ich die Koffer vor die Haustür, fahre Gesa in die Garage und verschwinde schleunigst in der trockenen Wohnung. Tür zu. Aus. 
Es ist alles naß. Die Jacke ist an den Ärmeln durch und durch nass, die Hose am Hintern und an den Unterschenkeln, die Füße sind naß und meine Hände sehen aus, wie die von meiner Omi.
Mir ist kalt und bäh. Ich glaube, die Erkältung hat sich vor Schreck verzogen. Von ihr merke ich praktisch gar nichts mehr.
Ich bin heilfroh, daß mich dieser Regen erst auf der letzten Etappe erreicht hat. Denn meine Jacke und meine Hose hätte ich unterwegs nie und nimmer wieder bis zum nächsten Tag trocken bekommen. Auch zu Hause dauert es ein paar Tage, bis sich Hose und Jacke wieder komplett trocken anfühlen. 

390km - und nur die ersten fünf waren trocken. Ich habe rund sieben Stunden gebraucht, um mich heil und ganz nach Hause zu bringen.

Mittwoch, 8. Juni 2016

"Rücksturz zur Basis" mit zwei Mal Überschall. - Die Rückfahrt vom IFRD 2016

+++08.05.2016+++

Es ist Sonntagmorgen, eben habe ich mein Müsli und ein Kännchen Kaffee inhaliert und jetzt lehne ich lässig mit meinem Minimalgepäck am Tresen vom Hotel und reiche meine EC Karte rüber. Am Ende vom Gang zur Küche, der vom Tresen der Rezeption abgeht, regt sich etwas. Meine Augen werden größer. Da biegt ein schwarzweißes Kälbchen um die Ecke. Nein, es ist kein Kälbchen. Es ist eine rieesige Deutsche Dogge und sie ist so groß wie ein Kalb. Sie schlurft den Gang entlang und legt das Köpfchen unterm Zapfhahn auf den Tresen. Ohne Mühe. Wenn das die Spießer wüssten, die jetzt am Frühstücken sind...
Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen.


Als ich vorm Freizeitheim in Erbersbronn ankomme, stehen schon wieder viele mit ihrem Kaffee draußen in der Sonne. Die Motorräder sind zum Teil schon bepackt, heute geht es nach Hause. Trotz der frühen Stunde und des bevorstehenden Abschieds, sehe ich viele fröhliche Gesichter, die Tour von gestern wirkt heute noch nach.
Erst mal rein und gefrühstückt. Wir sitzen um den Tisch im großen Raum und laben uns an den Dingen des Buffets. Dazu gibt es viele tolle Gespräche. Es ist so schade, daß wir heute schon wieder auseinander müssen. Aber, wir werden uns wieder sehen! Spätestens im nächsten Jahr.
Es ist gegen elf, als ich dann schließlich auch mich auf den Weg mache und in Richtung Forbach den Berg hinabfahre. Macht's gut Mädels! Es war so schön!

Im Murgtal ist viel Verkehr. Das ist kein Wunder, das Wetter ist den dritten Tag in Folge super und es wird immer wärmer. Davon ist im Moment noch nicht so ganz so viel zu spüren, deshalb bin ich mit doppelt Unterwäsche nicht overdressed.
In Gernsbach muss ich von der ab hier ausgebauten B 462 abfahren und dann abbiegen. Ich schlage mich ins Hinterland. Es geht eine kleine Strasse den Berg rauf, enge Kurven, ich komme duch Bad Herrenalb. Ich glaube, im letzten Jahr sind wir hier auch durchgekommen. Ich laufe auf einen Traktor auf, der mit einem Wohnwagen als Anhänger sich den Berg hinaufschiebt. In solchen Fällen bin ich immer wieder fasziniert, mit welchem Gottvertrauen andere Leute überholen. Durchgezogene Linie, null Sicht nach vorne, aber Hauptsache das Motorrad, das Auto davor und den Traktor mit dem Wohnwagen überholt. Es ist dieses Mal gut gegangen. Aber, wird das immer so sein? 
In Dobel empfängt mich eine Umleitung. Sie führt mich durch ein Wohngebiet, das sich steil an den Hang schmiegt. Die werden sich hier auch bedanken, daß der ganze Durchgangsverkehr jetzt bei ihnen vorbeläuft. Vor mir quält sich ein Bus. Als wir endlich wieder auf der normalen Straße sind, kann ich ihn bald hinter mir lassen. 
Ich komme auf die B 294 und habe bald drauf Pforzheim erreicht. Hier, auf dieser Strasse bin ich mit dem Auto schon mal vor ein paar Jahren gefahren. Pforzheim hat mich noch nie wirklich begeistern können. Ich war auch schon mal dienstlich hier, aber auch da war der Eindruck nicht der dollste. Heute auch wieder. Ich stehe mit Gesa durch die Stadt, an elendig langen Rotphasen, zusammen mit Posern und Familienkutschen. An jeder Ampel das gleiche Spiel. Es ist schon eine Weile rot, wenn man auf sie zufährt und dann steht man noch mal ewig, bis es wieder grün wird. Dazu Beschallung von allen Seiten. Ich bin heilfroh, als ich endlich den Abfluss zu fassen habe und wieder aufs Land hinausbeschleunige. Bis nach Bretten verläuft die Fahrt nun ereignislos. Auf der Bundesstraße ziehen Gesa und ich unbeirrt unsere Bahn, die Bürgerkäfige können uns nicht aufhalten. 
In Bretten aber verhaue ich es mit der weiteren Route. Ich verpasse eine Abbiegung und fahre einfach geradeaus. Das merke ich aber erst nach ein paar Kilometern. Ich biege im nächsten Dorf ab und halte erst mal an. Wo bin ich denn hier. Und wie komme ich wieder weg. Bei der Gelegenheit kann ich gleich die Karte neu sortieren. Ich nehme also, getreu dem Motto "Vorwärts immer, Rückwärts nimmer!", eine schöne kleine Straße, die mich wieder zu meiner ursprünglichen Route zurückführt. Dabei fange ich mir einen Offenbacher ein, der, wie man es so kennt, etwas ziellos vor mir rumeiert. 
Als ich wieder auf der richtigen Bundesstrasse bin, dauert meine Freude nicht lange. Es gibt eine Umleitung. Ich setze den Blinker und füge mich. An der nächsten Ampel sehe ich einen alten Büssing LKW. Das muss das Traditionsfahrzeug von der Firma sein. Er glänzt wie neu und hat einen neuen Kran am Heck. Die benutzen ihn also noch.
In der Zwischenzeit ist es wirklich warm geworden. Ich schwitze. Aber mein Etappenziel ist nicht weit. Ich werde durchhalten bis dort! 
Am Ortseingang von Sinsheim sind Sperrungen. Die Innenstadt ist komplett dicht. Es stehen Polizisten da vorne und unterhalten sich mit Autofahrern. Meine Straße, sehe ich im letzten Moment, geht davor allerdings ab. Puh, noch mal Glück gehabt. Ich rolle durch ein unpackbar ödes Industriegebiet, gleich hinter der Autobahn. Da, ein Parkplatzschild! Ich setze Blinker und biege ab. Ich muss um eine Halle drumherumfahren und finde einen Parkplatz, gleich neben einer Harley, die an der Treppe zum Gelände parkt. Ich  bin am Auto und Technik Museum in Sinsheim!
Hier war ich schon mal. Das war vor dreißig Jahren, mit meinen Eltern und meinem damaligen Freund. Ich nehme den Tankrucksack und den Helm und stapfe los, in Richtung Eingang. Ich kann mich nur vage erinnern. Blau waren die Hallen damals auch schon. Wir waren irgendwie von der anderen Seite gekommen.
An der Kasse bezahle ich meinen Eintritt und die nette Dame verrät mir, wo ich die Schließfächer finde, um meine Sachen zu deponieren. Ich lasse alles dort in dem Fach, auch meine Jacke und den Pulli von der zweiten Schicht drunter. Nur mit Kamera und Portemonnaie bestückt, mache ich mich auf den Weg in die Ausstellung.
Das Auto und Technik Museum Sinsheim hängt mit dem Museum in Speyer, in dem ich im vergangenem Jahr war, zusammen. Entsprechend ähnlich ist das Konzept hier wie dort.Von der Hallendecke hängen Flugzeuge verschiedenster Baujahre und Bauarten, es stehen überall gut sortiert Autos und manchmal auch LKW und es stehen Lokomotiven dazwischen. In Sinsheim gibt es zudem noch auffallend viel Militärtechnik. Zumindest in der einen Halle. Das ist jetzt nicht so mein Ding. Manche Ausstellungsstücke sind nicht restauriert, oder nur teilweise, andere sehen ganz entzückend, fast wie neu aus, manche wiederum scheinen nicht komplett zu sein und hinterlassen den Eindruck einer etwas freieren Restauration.Vermutlich wird es nicht einfach sein, immer alles original wieder herzustellen.
Ich laufe durch die Hallen und entdecke immer wieder etwas neues und interessantes, was ich so noch nicht kenne. Wenn es nicht so warm wäre heute, wäre es richtig nett. 
Das erste "Motor Rad"genannte Fahrzeug. Hildebrand und Wolfmüller haben das 1894 auf die Straße gebracht.
Daaf der mit ins Beett?
Elektromobilität ist kein so ganz neues Thema.
Amphicar. Boot und Auto, je nach Bedarf
Krokodil aus Österreich
Krokodil aus der Schweiz
Mein Traumwagen in den 80ern. Renault Turbo. Gut, daß es anders gekommen ist.
Im Nachbardorf läuft noch einer
Die Hamburger, die die Flut '62 miterlebt haben, werden sich noch gut an diese Hubschrauber erinnern. Die anderen denken vielleicht jetzt an die Fernsehserie "Trio mit vier Fäusten".
Vier Zylinder
Auch hier: der Beginn allen Übels ist der Reitwagen
Der Kühlergrill wurde in einem Stück gegossen.
Auf dem Dach der zweiten Halle befinden sich die beiden Highlights der Ausstellung. Als ich heute morgen beim Frühstück erwähnte, wo ich hinwollte, kam gleich von allen Seiten "Mach aber auch die Concorde!". 
Ich drehe mich also auf der Wendeltreppe zum Dach empor. Gigantisch! Durch eine Einlasschleuse komme ich zu einer weiteren Wendeltreppe. Es kann nur jeweils eine bestimmte Anzahl Leute ins Flugzeug. Als ich eintrete, sehe ich auch warum. Das Ding ist unglaublich eng. Meine Güte! Und es geht steil nach oben. An ein paar Stellen sind die Sitzreihen entfernt, um Ausweichmöglichkeiten zu bieten, aber man muss sich dort schon ordentlich bücken. Für so große Leute, wie mich, ist das nichts.
Nichts für zarte Nerven. Die Wendeltreppe.
Bei der Concorde habe ich mir immer irgendwie viel Luxus vorgestellt. Warum weiß ich eigentlich auch nicht. Ich bin einigermaßen ernüchtert, als ich sehe, daß fast jeder 70er Jahre Reisebus mehr Platz und Komfort geboten hat. Ich schaue in das puppenstubenenge Cockpit und stelle mir vor, wie hier drei Leute dicht gepackt gesessen haben. Diese ganze Elektrik wird ja auch warm gewesen sein.
Auf meinem Weg zurück in den Schwanz der Maschine und zum Ausgang, kommen mir die Bilder des Absturzes von Paris in den Sinn, der das Ende der Aera Concorde einläutete. Bei diesem Absturz ist auch eine Kollegin von mir ums Leben gekommen.
Vor der Concorde steht noch ein weiteres Überschallflugzeug. Wenn man flüchtig hinschaut, dann sieht es fast gleich aus. 
Aber es ist doch etwas anderes. Es ist die Tupulev Tu 144. Das erste Überschall Verkehrsflugzeug überhaupt. Hier ist es das selbe Spiel, es kann nur eine begrenzte Anzahl Besucher das Flugzeug betreten. Zunächst einmal wirkt sie etwas rustikaler, als ich im Heck durch die Luke trete. Dann aber scheint sie ein wenig geräumiger zu sein, als das europäische Pendant. Die orangenen Sitzbezüge sehen nun wirklich nach siebzigern aus. Siebziger im Osten. Als ich mich zum Cockpit hochgearbeitet habe, bin ich etwas erstaunt, auch das wirkt etwas geräumiger als das andere.
Das wird Tränen gegeben haben und Mecker vom Chef. Kamera, die bei der Überführung des Flugzeuges nach Deutschland zu Bruch ging.
Auch eine Tu 144 ist einmal bei Paris abgestürzt. Das war 1973, bei einer Luftfahrtschau. Ein Kollege von mir hat damals die Rauchwolke gesehen. Eigentlich hätte er mit in der Maschine sitzen sollen, aber im letzten Moment wollte man keine Ausländer dabei haben. Das nennt man Glück.
Als ich wieder auf dem Hallendach stehe, habe ich eigentlich nur noch eines: Durst. Ich winde mich also wieder hinunter in die Halle und in die Cafeteria daneben. Ich entscheide mich für das Menü, Muffin, halber Liter Wasser, halber Liter alkoholfreies Hefeweizen. Das kann man so lassen.
Nachdem die Flüssigkeiten in den Gläsern anscheinend verdampft sind, mache ich mich auf den Weg zurück zu meinen Klamotten. Ich habe ja noch ein paar Kilometer vor mir.
Noch ein Bild für den Zonko
Die Thermounterwäsche landet endgültig im Tankrucksack, die Lederjacke wieder übergezogen und dann zurück zu Gesa. Als ich auf die Treppe runter zum Parkplatz komme, sehe ich eine junge Frau, die Gesa betrachtet. Die Familie will weiter und so ist sie schon fort, als ich unten an der Treppe ankomme. Als ich aber Gesa und mich fertig zur Weiterfahrt mache, kommt das Auto der Familie vorbei, mit "OF" Kennzeichen, sie macht das Fenster auf und ruft "Geiles Motorrad!!" zu mir rüber und reckt beide Daumen in die Luft. Ein würdiger Moment. In Offenbach ist also Hopfen und Malz noch nicht komplett verloren. Ich winke stolz, dann sind sie auch schon verschwunden. Wieder jemanden angefixt.
In Sinsheim selbst bin ich noch nie gewesen. Ich kann also nicht sagen, ob das nun eine schöne Stadt ist, oder eher nicht. Auch dieses Mal muss diese Bildungslücke bestehen bleiben, da die Innenstadt ja heute gesperrt ist.
Mein weiterer Weg ist recht einfach. Ich muss einfach nur die B45 zu fassen kriegen und dann folgen. Diese Bundesstraße ist nichts für Leute, die gerne den Gashahn spannen. Es zieht sich etwas lähmend mit siebzig dahin und man läuft immer wieder auf noch langsamere Genossen auf. Manchmal kommt man daran vorbei, wie ich an dem netten Cabriofahrer, der mir angezeigt hat, daß ich überholen kann, mitunter zuckelt man aber auch Kilometer um Kilometer hinter irgendjemandem her, sei's wegen Überholverbot, sei's wegen Gegenverkehr. 
In Neckargemünd wechsele ich auf die B37, die hier sehr nett am Neckar entlang führt. Sie ist hier vierspurig und ich kann eine Can - Am Gruppenausfahrt überholen. Dafür habe ich einen weißen Audi hinter mir hängen, als es wieder enger wird. So komme ich nach Heidelberg hinein.
Heidelberg ist ja eines der Touristenziele in Deutschland überhaupt. Jeder, überall, kennt Heidelberg. Nur leider sind die heute auch alle da. Als ich die berühmte alte Brücke vor mir auftauchen sehe, ist sie schwarz von Menschen. Dazu kommt ein recht dichter Autoverkehr auf der am Neckar gelegenen Strasse. So verpasse ich leider die Abfahrt auf die B3. Ich sehe aber da vorne noch eine Brücke und wühle mich schon mal rüber, daß ich abbiegen kann. Als ich an der Ampel stehe, schiele ich auf Gesas Thermometer. 29°Grad! Uff! An der Fußgängerampel stehen Leute in kurzen Hosen und Sommerkleidchen. Verstehe.
Hinter der Brücke geht es dann etwas flotter vorwärts. Allerdings nicht richtig wirklich flott. Ich glaube, das gehört zum Wesen der Gegend im Rhein - Neckar Dreieck und der beginnenden Bergstraße dazu. Andauernd kommen Ortschaften mit Ampel am Ortseingang. Die ist immer rot. Und zwar ewig. 
In der Zwischenzeit habe ich von der Can - Am Ausfahrt wieder ein paar Kandidaten aufgegabelt und zuckele mit ihnen durch die Dörfer. Richtig flott sind die auch nicht. Blöd, wenn man nach Hause will. Als ich sie endlich los bin, findet sich ein A - Klasse Rentner vor mir ein, der so dermaßen gefährliches Zeug zusammenfährt, daß ich in einer Einfahrt anhalte und ihn erst mal Vorsprung gewinnen lasse. Aber, er muss irgendwo auf mich gewartet haben, ich habe ihn bald wieder vor mir. Nun also Plan B. An einem Kreisel fahre ich da hin, wo er nicht hinfährt. So werde ich in wirkungsvoll los. Zwar witzele ich mit mir, als ich mich der eigentlichen Straße später wieder annähere, daß er bestimmt gleich wieder auftaucht, aber er bleibt verschwunden.
Hier in der Ebene beginnt der Wind langsam unangenehm zu werden. Den ganzen Tag war er schon präsent, aber nicht störend. Nun kommt er ziemlich steif von Osten. Ich suche mir einen Weg nach Worms und komme auf die wohlbekannte B9. Nun ist Mainz nicht mehr weit. Die Wormser Industriegebiete sind auch bald hinter sich gelassen und ich strebe auf der schnurgeraden Bundesstraße nordwärts. 
Nur der Ostwind stört. Wenn ich den Kopf leicht drehe, dann heult es im Helm wie in einem doofen Horrorfilm. In Nierstein habe ich genug von dem Wind, der sich fast zum Sturm gesteigert hat. Ich beschließe, auf die Straße in Richtung Wörrstadt zu fahren, damit ich den Wind auch mal im Rücken habe. Das tut wirklich gut, nicht an jedem Busch drauf zu lauern, daß es einen gleich wieder fast vom Motorrad reißt. Die letzten Kilometer durch die Rheinhessische Hügellandschaft sind dann auch wieder sehr schön und ich genieße die Fahrt in der warmen Sonne. Fast schon ist es ein wenig schade, daß ich jetzt schon vor meiner Garage stehe.

Auf der Rückreise vom Schwarzwald bin ich 302 km unterwegs gewesen.

Das war ein von vorne bis hinten geglücktes Wochenende. Ich habe den nachgeholten Rosenmontagszug in Mainz verpasst und habe stattdessen wunderbare Ausfahrten durch die Pfalz, ein Stück Elsass, durch Baden und den Schwarzwald gemacht. Heute, auf der Rückreise, habe ich mal wieder einen Ort besucht, an dem ich wirklich lange nicht mehr gewesen bin. Wenn ich den Takt einhalte, dann besuche ich das Museum das nächste Mal, wenn ich 75 bin. Falls ich dann Frei bekomme. Oder noch Geld habe.
Ich habe an diesem Wochenende liebe Leute wiedergetroffen, oder kennengelernt, wir haben gute Gespräche gehabt und uns super verstanden. Und wir haben gemeinsam etwas erlebt.
Hach, die Welt kann so schön sein.