+++29.05.2016+++
Als ich den Wecker abgeschaltet habe,
bleibt ein Rauschen im Raum. Das wird doch nicht? Ich blinzele ins
Zimmer. Mein Mund ist trocken, die Nase etwas zu. Das Bild meiner
Augen krisselt leicht, wie eine verrauschte Digitalaufnahme. Ich habe
meine Brille noch nicht auf. Die Sinne kehren zurück. Es ist
Sonntag, ich bin in Hamburg und das Rauschen kommt von der
Mellingburger Schleuse, deren Becken gleich neben dem Haus liegt. Ich
wuchte mich aus dem Bett, ziehe die Vorhänge auf und blicke nach
draußen. Sonnenschein sieht anders aus. Egal. Kein Regen.
Ohne Frühstück verlasse ich das Haus
und laufe zu Gesa. In meiner Hand nur der Helm und der Tankrucksack.
Gesa rasch vom Hauptständer gekippt und Helm und Handschuhe an,
Motor an und los. Ich rolle die sonntäglich ruhige Wellingsbüttler
Landstrasse entlang. Wenige Kilometer entfernt wartet eine Frau auf
mich, die ich bislang noch nicht näher kenne. Nur das, was sie in
ihrem Blog schreibt, kenne ich bislang. Und ihre Stimme. Gestern
Abend haben wir kurz telefoniert. Ihre Stimme klang gleich vertraut.
So habe ich sie mir vorgestellt. Ich bin gespannt, wie das Treffen
mit ihr sein wird. Am Ohlsdorfer Friedhof mache ich einen kleinen
Schlenker über die Fuhlsbüttler Strasse und biege dann in die
Alsterdorfer ab. Nun kann nicht mehr viel schiefgehen. Vorbei an dem
Haus, in dem die nette Frau Behr mit ihrem Mann gewohnt hatte, die es
sicher schon lange nicht mehr gibt. Ich hänge sogleich wieder meinen
Gedanken hinterher. So lange her das alles schon wieder. Beinahe
verpasse ich meine Abfahrt. Ich biege auf einen Hof ein und sehe
schon ein glänzendes Motorrad, hinter dem eine winkende Frau steht.
Polly.
Sie hat ein blaues Piratentuch auf den
Haaren, Schwarzes Leder an und blaue Schuhe. Ich kann es nicht
erwarten, Gesa zu stoppen und mir den Helm vom Kopf zu reißen. Meine
Güte, wie ich mich freue. Es ist jetzt schon, als wenn wir uns seit
Urzeiten kennen würden. Sofort sind wir im Gespräch. Es ist sofort
so vertraut, so normal. Nicht, als wenn wir uns das erste Mal
überhaupt sehen würden. Wir brechen also auf, uns etwas zum
frühstücken zu suchen. Rauf auf die Motorräder, los.
Vorbei an
Heides Wohnung, bei der ich auch schon allzulange nicht mehr war,
geht es runter in die Stadt.
Polly fährt voraus, an der Alster
entlang, hinter dem Hauptbahnhof rum und vorbei daran, wo früher die
Kepa und Horten waren, hinunter zur Hafen City. Die Hafen City ist
neu. Modern. Beton. Ein Teil von ihr ist die alt ehrwürdige
Speicherstadt, der größte Teil ist aber neu. Wo "Hein Gas" war. Wo
die ganzen Schuppen waren. Es ist jedes Mal wie in meinen Alpträumen,
in denen ich durch Hamburg irre und keine Ahnung habe, wo ich mich
befinde. Ich weiß nur, es muss Hamburg sein. Nur, wo bin ich?. Alles
ist groß und fremd. So geht es mir nun auch gerade. Allerdings habe
ich hier eine blasse Ahnung wo wir sind. Beziehungsweise, wo wir
eigentlich sein müssten. Pollys PJV blinkt links. Wir biegen ab.
Polly bedeutet mir, daß wir einen Parkplatz suchen. Schließlich
stellen wir die Motorräder auf einer gepflasterten Fläche ab, wo
schon zwei Motorroller stehen. „Da vorne muss es sein!“ ruft
Polly zu mir rüber und deutet über eine Wasserfläche hinweg auf
einen Häuserblock. Es hat leicht angefangen zu tröpfeln. Zunächst
nicht bedrohlich, aber es tröpfelt. Wie ich meinen Helm anschließe,
brummen seltsame Gefährte vorbei. Es sind eine Art motorisierter
Seifenkisten. Das ist eine Stadtrundfahrt, erklärt Polly, die meinen
verdutzten Blick verstanden hat. War ich wirklich so lange nicht mehr
hier?
Als wir am ehemaligen Hafenbecken
entlanggehen, hat sich aus dem Tröpfeln ein Regen entwickelt. „Was
machen wir, wenn es weiterregnet?“ Wir zucken die Schultern. „Dann
können wir noch in die Kunsthalle gehen, dann machen wir halt was
anderes.“ Wir entscheiden uns für ein Wiener Caféhaus. Zu unserem
Erstaunen sitzen wir tatsächlich zwischen lauter Österreichern. Aus
den dicken Lederjacken raus und erst mal Frühstück bestellt.
Sofort
versinken wir in Gesprächen, vergessen fast die Welt da draußen.
Die kann man allerdings auch gerade gerne vergessen, es hat sich
eingeregnet. Als die Uhr auf zwei geht, wird es draußen etwas
heller. Leute kommen auch schon ohne Schirme vorbei. Wir nehmen noch
ein letztes Getränk und dann geht es los. Wir wollten an der Elbe
entlang, und der Plan steht immer noch. Es ist Anfang Juni, da ist es
lange hell, das Wetter wird besser, da sind wir uns sicher, also los.
Zurück zu Gesa und der PJV. Der Helm ist trocken geblieben, die
Motorräder hat auch niemand mitgenommen, also machen wir uns rasch
fertig und sind bald drauf auf der Straße.
Wir biegen am Baumwall in
Richtung Landungsbrücken ab und rollen am Hafenrand entlang. Am
Altonaer Fischmarkt biegen wir ab in die Große Elbstrasse. Der
Fischmarkt ist schon seit ein paar Stunden rum, alles ist wieder
aufgekehrt, alle sind nach Hause gegangen, die Musik in der
Auktionshalle ist auch schon lange aus. Mit Elke bin ich hier oft
gewesen sonntags, bis um zwölf gibt es Livemusik, umsonst und in
Farbe. Getanzt, gelacht, Freunde und Bekannte getroffen. Bruni,
Kuddel und Atze. Alle schon tot. Sabine, Michael mit dem Fahrrad,
Texas mit dem Fotoapparat, was aus ihnen wohl geworden sein mag. Ob
sie noch kommen? Hier haben wir die „Bats“ gesehen, die alte Star
Club Legende, „Boppin`B“, oder “Miss Smith“. Oder Irmchen.
Eine alte Dame, die Schlager sang.
Jetzt fahren wir auf den Maschinen
rührungslos auf dem nassen Pflaster an diesem Ort vorbei. Nur ein
kurzer Blick zur Seite, dann haben uns unsere edlen Rösser bereits
weitergezogen. Durch den Altonaer Hafen geht es zur Rampe, die uns
zum Altonaer Balkon emporbringt. In der Kurve erwischt Polly ganz
blöde einen gußeiserenen Gullideckel und die PJV macht einen nicht
zu verachtenden Satz nach links. Scheinbar ungerührt gibt sie danach
wieder Gas. Ich hätte vermutlich erst mal angehalten und
durchgeatmet. Und auf die blöden Gußdeckel geschimpft. Der Teufel
soll sie holen, die Mistdinger!
Oben dann, auf der Elbchaussee,
läuft wieder alles wie es soll. Ich merke allerdings, daß Polly der
Rutscher doch mehr mitgenommen hat, als ich zunächst gedacht hätte.
Wir kommen durch Blankenese und halten auf Wedel zu. An der Chaussee
von Rissen halten wir kurz an. Unser Plan ist es, so dicht an die
Elbe heranzukommen, wie möglich. Wir zuckeln durch Wedel, kommen am
Hafen entlang, hier war ich auch schon lange nicht mehr, und suchen
uns einen Weg durch ein Wohngebiet. Polly hat ihr Händi als Navi am
Lenker montiert und fährt souverän voraus. Überhaupt kommt sie mit
ihrer PJV, der „Petite Jolie Vulcan“, ganz wunderbar zurecht. Wenn
ich da an meine ersten Experimente mit einem Cruiser denke...
Die Gegend wird ländlicher. Wir wollen
in Richtung Hetlinger Schanze, haben aber beide vergessen, daß man
da nicht so ohne weiteres hingelangt. So stehen wir bald vor einem
Schild, das uns die Einfahrt verwehrt. Also rumgedreht und einen
anderen Weg gesucht. Das ist nicht so leicht, wie man denkt. Eine
Brücke, über die wir eigentlich fahren müssten, gibt es wegen
einer Baustelle zur Zeit nicht. Das zwingt uns, etwas weiter
auszuholen, als wir eigentlich möchten. So kommen wir durch Uetersen
und Elmshorn.
Nach ein paar wunderbaren Kilometern durch die
Elbmarsch, kommen wir kurz hinter Kollmar an unser Ziel. Bielenburg.
Hier gibt es hinter dem Elbdeich, unmittelbar am Wasser, ein ganz
entzückendes kleines Lokal. Polly hat es ausfindig gemacht und
wollte schon lange mal hier her. Das Lokal besteht aus einem
Imbisswagen und ein paar Tischen und Stühlen. So banal, wie es
klingt, ist es allerdings nicht. Die Möbel sind nett gruppiert und
bestehen teilweise aus alten Paletten. Das alles gibt einen modern
rustikalen Stil. Wir ordern Kaffee und Kuchen und ich juchtze
entzückt, denn auf dem Kuchen ist ein Bild von einem Schaf!
Damit
nicht genug, überall sind Schafe. Am Deich gehen sie ihrer
verantwortungsvollen Tätigkeit nach und fressen Gras.
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| Wollies Kumpels, ihn selbst haben wir nicht getroffen. |
Polly und ich suchen uns einen hübschen
Platz mit Blick auf die Elbe. Die Sonne ist, etwas verhalten zwar,
hinter den Wolken hervorgekommen und zaubert aus diesem Fleckchen
Erde nun einen der schönsten Plätze der Welt. Wir halten uns an
unseren Kaffees fest, blinzeln auf das Wasser und genießen den
Augenblick. Und sind sofort wieder am Erzählen. Wir haben so viel
gemeinsam. Nicht nur das Motorradfahren und das Reisen mit dem
Motorrad, oder die Fotografie. Da ist so viel mehr. Dieser Nachmittag
müsste viel viel länger sein, als er jemals sein kann.
Irgendwann zwingt uns allerdings die
Vernunft zum Aufbruch. Wir müssen wieder nach Hamburg zurück,
schließlich wollen wir noch irgendwo etwas essen.
Als wir die Motorräder wieder
gesattelt haben und losfahren, sind die Straßen, die vorhin noch
nass gewesen sind, abgetrocknet und die Sonne ist vollständig
zwischen den Wolken hervorgekommen. Ich merke, das Polly lockerer
wird und befreiter fährt. Der Rutscher hatte lange gewirkt.
Wir cruisen gemütlich zurück durch
die Elbmarsch und kommen wieder nach Wedel zurück. Hier über nehme
ich wieder die Führung und biege in eine kleine Straße ab. Hier war
doch die Sandkuhle gewesen? Ach so, da hatten sie ja einen Golfplatz
draus gemacht. Erinnerungen vermischen sich. Noch einmal abbiegen,
schwups, schon sind wir da. Im Wald oberhalb des Falkensteiner Ufers
liegt eine nette Wirtschaft mit guter Küche und zivilen Preisen.
Hier wird es Abendessen geben. Und es wird dunkel sein, bis wir
wieder herauskommen. Es gibt so viel zu erzählen.
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| Labskaus |
Es ist wirklich spät geworden, als wir
wieder bei den Maschinen stehen. Morgen ist Montag, Polly muss zur
Arbeit, also nichts wie nach Hause! Ich übernehme wieder die
Führung, hier ist mein Beritt, und wir brodeln über den
spätabendlichen Ring in Richtung Eppendorf. Einen kleinen Schlenker
am Nedderfeld und dann sind wir auch schon wieder auf dem Hof, wo ich
sie heute morgen getroffen habe.
Nee! Ich will noch nicht nach Hause,
ich will noch nicht Abschied nehmen! Sie sieht das genauso, und so
sind wir auf dem besten Wege die Zeit schon wieder aus dem Auge zu
verlieren. Aber irgendwann muss es dann doch sein und ich ziehe mit
Gesa wieder davon, winke noch einmal und bin dann schon wieder
verschwunden. Wo ist dieser Tag bloß geblieben? Gesa und ich brummen
hinein ins Alstertal und stehen bald drauf wieder auf dem
Hotelparkplatz. Heute wird es kein Bier mehr geben. Es ist schon
lange alles dunkel. Ich schleiche mit meinem Tankrucksack und dem
Helm die Treppen hinauf und verschwinde so leise wie möglich auf
meinem Zimmer.
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| Es gäbe noch so viel zu erzählen von diesm Tag, das kann ein einzelner Blogpost einfach nicht wiedergeben. |
Heute war ein ganz besonderer Tag.
Einer von denen, die es nur ganz selten im Leben gibt.






























































