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Donnerstag, 18. August 2016

Zwei Ladies im Land der Wollies.

+++29.05.2016+++

Als ich den Wecker abgeschaltet habe, bleibt ein Rauschen im Raum. Das wird doch nicht? Ich blinzele ins Zimmer. Mein Mund ist trocken, die Nase etwas zu. Das Bild meiner Augen krisselt leicht, wie eine verrauschte Digitalaufnahme. Ich habe meine Brille noch nicht auf. Die Sinne kehren zurück. Es ist Sonntag, ich bin in Hamburg und das Rauschen kommt von der Mellingburger Schleuse, deren Becken gleich neben dem Haus liegt. Ich wuchte mich aus dem Bett, ziehe die Vorhänge auf und blicke nach draußen. Sonnenschein sieht anders aus. Egal. Kein Regen.

Ohne Frühstück verlasse ich das Haus und laufe zu Gesa. In meiner Hand nur der Helm und der Tankrucksack. Gesa rasch vom Hauptständer gekippt und Helm und Handschuhe an, Motor an und los. Ich rolle die sonntäglich ruhige Wellingsbüttler Landstrasse entlang. Wenige Kilometer entfernt wartet eine Frau auf mich, die ich bislang noch nicht näher kenne. Nur das, was sie in ihrem Blog schreibt, kenne ich bislang. Und ihre Stimme. Gestern Abend haben wir kurz telefoniert. Ihre Stimme klang gleich vertraut. So habe ich sie mir vorgestellt. Ich bin gespannt, wie das Treffen mit ihr sein wird. Am Ohlsdorfer Friedhof mache ich einen kleinen Schlenker über die Fuhlsbüttler Strasse und biege dann in die Alsterdorfer ab. Nun kann nicht mehr viel schiefgehen. Vorbei an dem Haus, in dem die nette Frau Behr mit ihrem Mann gewohnt hatte, die es sicher schon lange nicht mehr gibt. Ich hänge sogleich wieder meinen Gedanken hinterher. So lange her das alles schon wieder. Beinahe verpasse ich meine Abfahrt. Ich biege auf einen Hof ein und sehe schon ein glänzendes Motorrad, hinter dem eine winkende Frau steht. Polly.
Sie hat ein blaues Piratentuch auf den Haaren, Schwarzes Leder an und blaue Schuhe. Ich kann es nicht erwarten, Gesa zu stoppen und mir den Helm vom Kopf zu reißen. Meine Güte, wie ich mich freue. Es ist jetzt schon, als wenn wir uns seit Urzeiten kennen würden. Sofort sind wir im Gespräch. Es ist sofort so vertraut, so normal. Nicht, als wenn wir uns das erste Mal überhaupt sehen würden. Wir brechen also auf, uns etwas zum frühstücken zu suchen. Rauf auf die Motorräder, los.
Vorbei an Heides Wohnung, bei der ich auch schon allzulange nicht mehr war, geht es runter in die Stadt.
Polly fährt voraus, an der Alster entlang, hinter dem Hauptbahnhof rum und vorbei daran, wo früher die Kepa und Horten waren, hinunter zur Hafen City. Die Hafen City ist neu. Modern. Beton. Ein Teil von ihr ist die alt ehrwürdige Speicherstadt, der größte Teil ist aber neu. Wo "Hein Gas" war. Wo die ganzen Schuppen waren. Es ist jedes Mal wie in meinen Alpträumen, in denen ich durch Hamburg irre und keine Ahnung habe, wo ich mich befinde. Ich weiß nur, es muss Hamburg sein. Nur, wo bin ich?. Alles ist groß und fremd. So geht es mir nun auch gerade. Allerdings habe ich hier eine blasse Ahnung wo wir sind. Beziehungsweise, wo wir eigentlich sein müssten. Pollys PJV blinkt links. Wir biegen ab. Polly bedeutet mir, daß wir einen Parkplatz suchen. Schließlich stellen wir die Motorräder auf einer gepflasterten Fläche ab, wo schon zwei Motorroller stehen. „Da vorne muss es sein!“ ruft Polly zu mir rüber und deutet über eine Wasserfläche hinweg auf einen Häuserblock. Es hat leicht angefangen zu tröpfeln. Zunächst nicht bedrohlich, aber es tröpfelt. Wie ich meinen Helm anschließe, brummen seltsame Gefährte vorbei. Es sind eine Art motorisierter Seifenkisten. Das ist eine Stadtrundfahrt, erklärt Polly, die meinen verdutzten Blick verstanden hat. War ich wirklich so lange nicht mehr hier?
Als wir am ehemaligen Hafenbecken entlanggehen, hat sich aus dem Tröpfeln ein Regen entwickelt. „Was machen wir, wenn es weiterregnet?“ Wir zucken die Schultern. „Dann können wir noch in die Kunsthalle gehen, dann machen wir halt was anderes.“ Wir entscheiden uns für ein Wiener Caféhaus. Zu unserem Erstaunen sitzen wir tatsächlich zwischen lauter Österreichern. Aus den dicken Lederjacken raus und erst mal Frühstück bestellt.
Sofort versinken wir in Gesprächen, vergessen fast die Welt da draußen. Die kann man allerdings auch gerade gerne vergessen, es hat sich eingeregnet. Als die Uhr auf zwei geht, wird es draußen etwas heller. Leute kommen auch schon ohne Schirme vorbei. Wir nehmen noch ein letztes Getränk und dann geht es los. Wir wollten an der Elbe entlang, und der Plan steht immer noch. Es ist Anfang Juni, da ist es lange hell, das Wetter wird besser, da sind wir uns sicher, also los. Zurück zu Gesa und der PJV. Der Helm ist trocken geblieben, die Motorräder hat auch niemand mitgenommen, also machen wir uns rasch fertig und sind bald drauf auf der Straße.
Wir biegen am Baumwall in Richtung Landungsbrücken ab und rollen am Hafenrand entlang. Am Altonaer Fischmarkt biegen wir ab in die Große Elbstrasse. Der Fischmarkt ist schon seit ein paar Stunden rum, alles ist wieder aufgekehrt, alle sind nach Hause gegangen, die Musik in der Auktionshalle ist auch schon lange aus. Mit Elke bin ich hier oft gewesen sonntags, bis um zwölf gibt es Livemusik, umsonst und in Farbe. Getanzt, gelacht, Freunde und Bekannte getroffen. Bruni, Kuddel und Atze. Alle schon tot. Sabine, Michael mit dem Fahrrad, Texas mit dem Fotoapparat, was aus ihnen wohl geworden sein mag. Ob sie noch kommen? Hier haben wir die „Bats“ gesehen, die alte Star Club Legende, „Boppin`B“, oder “Miss Smith“. Oder Irmchen. Eine alte Dame, die Schlager sang.
Jetzt fahren wir auf den Maschinen rührungslos auf dem nassen Pflaster an diesem Ort vorbei. Nur ein kurzer Blick zur Seite, dann haben uns unsere edlen Rösser bereits weitergezogen. Durch den Altonaer Hafen geht es zur Rampe, die uns zum Altonaer Balkon emporbringt. In der Kurve erwischt Polly ganz blöde einen gußeiserenen Gullideckel und die PJV macht einen nicht zu verachtenden Satz nach links. Scheinbar ungerührt gibt sie danach wieder Gas. Ich hätte vermutlich erst mal angehalten und durchgeatmet. Und auf die blöden Gußdeckel geschimpft. Der Teufel soll sie holen, die Mistdinger!
Oben dann, auf der Elbchaussee, läuft wieder alles wie es soll. Ich merke allerdings, daß Polly der Rutscher doch mehr mitgenommen hat, als ich zunächst gedacht hätte. Wir kommen durch Blankenese und halten auf Wedel zu. An der Chaussee von Rissen halten wir kurz an. Unser Plan ist es, so dicht an die Elbe heranzukommen, wie möglich. Wir zuckeln durch Wedel, kommen am Hafen entlang, hier war ich auch schon lange nicht mehr, und suchen uns einen Weg durch ein Wohngebiet. Polly hat ihr Händi als Navi am Lenker montiert und fährt souverän voraus. Überhaupt kommt sie mit ihrer PJV, der „Petite Jolie Vulcan“, ganz wunderbar zurecht. Wenn ich da an meine ersten Experimente mit einem Cruiser denke...
Die Gegend wird ländlicher. Wir wollen in Richtung Hetlinger Schanze, haben aber beide vergessen, daß man da nicht so ohne weiteres hingelangt. So stehen wir bald vor einem Schild, das uns die Einfahrt verwehrt. Also rumgedreht und einen anderen Weg gesucht. Das ist nicht so leicht, wie man denkt. Eine Brücke, über die wir eigentlich fahren müssten, gibt es wegen einer Baustelle zur Zeit nicht. Das zwingt uns, etwas weiter auszuholen, als wir eigentlich möchten. So kommen wir durch Uetersen und Elmshorn.
Nach ein paar wunderbaren Kilometern durch die Elbmarsch, kommen wir kurz hinter Kollmar an unser Ziel. Bielenburg. Hier gibt es hinter dem Elbdeich, unmittelbar am Wasser, ein ganz entzückendes kleines Lokal. Polly hat es ausfindig gemacht und wollte schon lange mal hier her. Das Lokal besteht aus einem Imbisswagen und ein paar Tischen und Stühlen. So banal, wie es klingt, ist es allerdings nicht. Die Möbel sind nett gruppiert und bestehen teilweise aus alten Paletten. Das alles gibt einen modern rustikalen Stil. Wir ordern Kaffee und Kuchen und ich juchtze entzückt, denn auf dem Kuchen ist ein Bild von einem Schaf!
Damit nicht genug, überall sind Schafe. Am Deich gehen sie ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit nach und fressen Gras.
Wollies Kumpels, ihn selbst haben wir nicht getroffen.
Polly und ich suchen uns einen hübschen Platz mit Blick auf die Elbe. Die Sonne ist, etwas verhalten zwar, hinter den Wolken hervorgekommen und zaubert aus diesem Fleckchen Erde nun einen der schönsten Plätze der Welt. Wir halten uns an unseren Kaffees fest, blinzeln auf das Wasser und genießen den Augenblick. Und sind sofort wieder am Erzählen. Wir haben so viel gemeinsam. Nicht nur das Motorradfahren und das Reisen mit dem Motorrad, oder die Fotografie. Da ist so viel mehr. Dieser Nachmittag müsste viel viel länger sein, als er jemals sein kann.
Irgendwann zwingt uns allerdings die Vernunft zum Aufbruch. Wir müssen wieder nach Hamburg zurück, schließlich wollen wir noch irgendwo etwas essen.
Als wir die Motorräder wieder gesattelt haben und losfahren, sind die Straßen, die vorhin noch nass gewesen sind, abgetrocknet und die Sonne ist vollständig zwischen den Wolken hervorgekommen. Ich merke, das Polly lockerer wird und befreiter fährt. Der Rutscher hatte lange gewirkt.
Wir cruisen gemütlich zurück durch die Elbmarsch und kommen wieder nach Wedel zurück. Hier über nehme ich wieder die Führung und biege in eine kleine Straße ab. Hier war doch die Sandkuhle gewesen? Ach so, da hatten sie ja einen Golfplatz draus gemacht. Erinnerungen vermischen sich. Noch einmal abbiegen, schwups, schon sind wir da. Im Wald oberhalb des Falkensteiner Ufers liegt eine nette Wirtschaft mit guter Küche und zivilen Preisen. Hier wird es Abendessen geben. Und es wird dunkel sein, bis wir wieder herauskommen. Es gibt so viel zu erzählen.
Labskaus
Es ist wirklich spät geworden, als wir wieder bei den Maschinen stehen. Morgen ist Montag, Polly muss zur Arbeit, also nichts wie nach Hause! Ich übernehme wieder die Führung, hier ist mein Beritt, und wir brodeln über den spätabendlichen Ring in Richtung Eppendorf. Einen kleinen Schlenker am Nedderfeld und dann sind wir auch schon wieder auf dem Hof, wo ich sie heute morgen getroffen habe.
Nee! Ich will noch nicht nach Hause, ich will noch nicht Abschied nehmen! Sie sieht das genauso, und so sind wir auf dem besten Wege die Zeit schon wieder aus dem Auge zu verlieren. Aber irgendwann muss es dann doch sein und ich ziehe mit Gesa wieder davon, winke noch einmal und bin dann schon wieder verschwunden. Wo ist dieser Tag bloß geblieben? Gesa und ich brummen hinein ins Alstertal und stehen bald drauf wieder auf dem Hotelparkplatz. Heute wird es kein Bier mehr geben. Es ist schon lange alles dunkel. Ich schleiche mit meinem Tankrucksack und dem Helm die Treppen hinauf und verschwinde so leise wie möglich auf meinem Zimmer.

Es gäbe noch so viel zu erzählen von diesm Tag, das kann ein einzelner Blogpost einfach nicht wiedergeben.

Heute war ein ganz besonderer Tag. Einer von denen, die es nur ganz selten im Leben gibt.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Rubber's soul. Sie sind alle schwarz und rund. (R9T Content!)

+++16.04.2016+++


Als ich an diesem Samstagmorgen auf Alzey zusteuere, da sehe ich das Malheur schon. Der Donnersberg liegt in tiefen, düsteren Regenwolken verborgen. Ich kann den Regen sehen. Das ist ein schlechtes Zeichen. Die Regenkombi liegt zu Hause, ich hatte sie mit einem "och, so schlimm wird's schon nicht!" zurückgleiten lassen in ihre Unterbringung.

Als ich bei Motorrad Dexheimer auf den Hof rolle, ist alles bereits tropfend nass. Ein paar Gestalten stehen unter Zelten, einige Motorräder tropfen im Freien vor sich hin. Es gießt. Ich stelle Gesa unter ein Dach und laufe mit Helm auf in den Verkaufsraum. Erst dort nehme ich ihn ab. Hier stehen deutlich mehr Menschen als draußen. An einem Tisch neben dem Verkaufstresen werden die Schlüssel ausgegeben werden. Heute ist Dunlop Reifen Testtag! Freies Fahren mit Motorrädern der freien Wahl aus dem Sortiment von BMW und Kawasaki. Wenn das nichts ist? Ich hatte mich im Vorfeld bereits angemeldet und stehe auf der Teilnehmerliste.
Reifentests sind, Clemens Gleich hat es kürzlich sehr trefflich beschrieben, ein wenig wie Pendeln und Schnittchen essen. Für die Kollegen der Magazine findet so etwas meist an ausgewählten Orten der schönen Welt statt, wo Sonne und Straßenmeisterei es gut mit einem meinen, man wird von allen Verpflichtungen frei gehalten, nur was nettes, ein bisserl esoterisches (weil wirklich was anderes als "klebt wie Gift, vermutlich besser als der Vorgänger, blabla" kann eh niemand sagen), sollte man schreiben, dafür ist das aber auch keine Verkaufsveranstaltung im eigentlichen Sinne. Was mich heute hier erwartet, ist eine Kategorie darunter angesiedelt, es findet nahe der Homebase statt, man muss keinen nervenzerrenden Flug auf sich nehmen,   der Asphalt ist auch nicht ganz so gut, die Sonne nicht ganz so strahlend und die Wurstsemmel gibts nicht gratis. Dafür muss man auch nichts nettes schreiben, man soll im Anschluss einen Zettel ausfüllen, wie einem der Reifen gefallen hat und dann möglichst den Erwerb eines der getesteten Produkte in Erwägung ziehen. Egal. Dafür darf man an Eisen anreißen, was auf dem Hof steht.

"Einmal die R- nineT bitte!" gebe ich meinen Wunsch am Tisch mit den Schlüsseln kund. Ich bekomme den bekannten Zettel mit den Modalitäten gereicht, unterschreibe ihn und danach geht das Suchen los. Wo ist der Schlüssel? Helle Aufregung. Andere angehende Testfahrer drängen sich um mich herum und wollen auch Schlüssel haben. Da ist die Sucherei absolut unwillkommen. Schließlich findet sich der Schlüssel an der Maschine, die mit laufendem Motor draußen steht.
Es ist kurz vor der Abfahrt. Eine der Eigenheiten dieser Veranstaltung ist nämlich, daß man nicht einfach nach Herzenslust irgendwo in die Landschaft stechen kann und sich eine nette Strecke sucht, sondern es gibt einen "Tourgide". Der hat zwar keine gelbe Weste an, darf aber auch nicht überholt werden, wie das Mädel am Schalter ausdrücklich mir noch mal sagte. Hinter diesem Tourgide im bunten Racingleder werden wir, wie die Frischlinge hinter der Bache, irgendwo durch den Donnersbergkreis blasen.
Kaum sitze ich, geht es auch schon los. Ich habe überhaupt keine Zeit, mich auf die Maschine einzustellen. Sie ist klein, schwarz und bebt wie ein Stier, dem man einen schlechten Witz von einem roten Tuch ins Ohr geflüstert hat. Von den Dimesionen ist sie ähnlich der R1200R, ich weiß also gleich, wo ich die Füße lassen soll. Von daher ist alles gut. Nur die Spiegel passen nicht. Die kann ich aber noch einstellen, als der Pulk wartet, um sich auf die Straße zu fädeln.

110 luftgekühlte Pferde, Kardan. Aus.
WOW! Was ein geiles Motorrad! Vom ersten Meter an macht sie einen höllischen Spaß. Nicht zu vergleichen mit irgendetwas anderem, das ich bisher gefahren bin! Wie machen die das bloß?
Wir beschleunigen aus Kirchheimbloanden heraus in Richtung Orbis. Unpackbar. Leichtfüßig, das Rütteln geht in sanfte Vibrationen über, der Motor gibt unglaubliche Geräusche von sich, so spurten wir den Berg hinauf und schwingen uns danach in den Wald, in Richtung Rockenhausen. Das Tempo ist für meine Begriffe hoch, aber ich kann sehr gut mithalten. Achtung! Satzbaustein! "Die Reifen kleben wie Gift, vermutlich besser als der Vorgänger..." - ja, das stimmt wahrscheinlich, obgleich ich den Vorgänger des Roadsmart III noch nie zu Gesicht bekommen habe. 



Von dem Profil wird gesagt, daß die Drainagewirkung verbessert sei. Dem nordpfälzer Landregen hat sie standgehalten.
Der Regen hat nicht nachgelassen, im Gegenteil, es gießt munter weiter. Bei so einem Wetter fahre ich normalerweise anders. Der da vorne kennt anscheinend kein Morgen und dreht am Griff. Die Straße windet sich mal bergauf, mal bergab, durch den Wald, es geht vorbei an Einmündungen, an denen eigentlich siebzig wäre, aber der da vorne dreht unbeirrt weiter am Griff. Hier ist die Maschine voll in ihrem Element. Sie wirft sich supereinfach in alle Kurven, ich muss kaum schalten, es ist die wahre Pracht.

Heizgriffe wirken zwar etwas pussyhaft an so einem Motorrad, sind aber eine feine Sache.
Hier ist der graue Knopf nur zum rumschalten im Display da

Lenkungsdämpfer

Hier wird noch von Hand gedreht. Dahinter lugt die Batterie vor.
Die R-nineT hat außer einem ABS keine Fahrhilfen, keine Regenprogramme, kein Comfortdynamikirgendwas. Sie ist einfach ein Motorrad. Punkt. Ein geiles Motorrad! Ausrufezeichen. Hier fehlt wirklich nur noch die Lederjacke und die Sonnenbrille. Und beim Manne der Bart. Ansonsten ist alles, was man/frau braucht, Spaß und Zeit. Viel Zeit. Ihr Motor mag ein paar PS weniger haben, als der neue flüssigkeitsgekühlte Motor, aber so what! Die Strecke ist leider viel zu schnell alle und wir stehen wieder bei Dexheimer auf dem Hof. Ich muss sie schweren Herzens wieder hergeben und kann eben und eben noch ein paar Bilder machen, dann wird sie mir schon aus den Fingern gerissen. Kann ich verstehen.

Nachdem ich meinen Zettel in einem trockenen Eckchen ausgefüllt und die Eigenschaften der schwarzen Pelle gelobt habe, stelle ich mich gleich wieder an, um den zweiten Schlüssel entgegen zu nehmen. Er ist auch tatsächlich dort, wo er sein soll und passt zu einer Kawasaki Versys 1000. Der Regen ist schwächer geworden, als ich aus dem Verkaufsraum komme und mich nach der Maschine umschaue. Eigentlich hatte ich etwas grünes, oder orangenes gesucht, aber dort drüben steht etwas schwarzes. Ein Vergleich mit der Nummer auf dem Schlüssel ergibt: ich bin richtig. 
Das Design ist zwar wohl gefälliger geworden, aber auch austauschbarer.
Auf Video scheint immer die Sonne...

Vor mir steht ein Motorrad, dessen Konzept ich bereits kenne. Sportlicher Stelzentourer, nicht Enduro, nicht Sportler, nicht Tourer. Lange hat sie das fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit getan, bis im vergangen Jahr das Update kam. Der Motor hat weiterhin vier Zylinder und 1043ccm und gilt den Freunden der Marke irgendwie als Kawaskis Rückgrat, aber jetzt ist es vorbei mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen Design. Das, was da vor mir steht, reiht sich nahtlos ein, zwischen Yamaha MT 09 Tracer, Aprilia Caponord, oder wenn man denn möchte, auch der BMW S1000XR.
Der Fahrer vor mir, er dirigiert eine F800R, bekommt noch letzte Anweisungen von einem Kumpel "Wenn ihr dann da seid und es ist trocken, vielleicht, dann kannst du etwas mehr machen!". Man tau.
Die Gruppe setzt sich in Bewegung. Die Maschine passt mir, wie mir auch die XR, oder die Tracer gepasst haben. Sie ist hoch, aber nicht zu hoch, die Füße finden sogleich ihren Halt, der Motor ist angenehm. Sein Geräusch hat ein bisserl was von einer Turbine. Vibrationen sind kaum zu vernehmen.
Zeit, mich mit den Knöpfen vertraut zu machen, hatte ich leider keine...

Auch hier wird noch von Hand gedreht.
Wir stürmen wieder aus der kleinen Residenzstadt. Der gleiche Weg wie eben. Ab in den Wald und Kurven bergauf und bergab. Dazu bisweilen mieser Asphalt. Das Tempo ist wieder hoch, wie eben auch, aber ich traue mich mit der Kawa nicht, das Tempo mitzugehen. Jetzt könnte wieder der Textbaustein kommen mit dem Grip, aber diesmal muss ich enttäuschen. Es ist zwar nicht der Grip, aber dafür etwas anderes, was mich unrund werden lässt. Die Maschine kippelt auf jeder Unebenheit und ich habe das Gefühl, wir würden hier und da ein paar Zentimeter versetzen. Der Sportsmart², der hier montiert ist, gilt ja als guter Reifen. Aber irgendwas spielt hier nicht ordentlich zusammen. Keine Ahnung, ob er einfach nicht zu der Maschine passt, ob der Luftdruck für die Kombi nicht passt, oder was auch immer es sein mag. Ich fühle mich nicht sicher. Zumindest, solange es Landstraße ist und kurvig. Es hat, als wir aus dem Wald kommen, etwas abgetrocknet, der Regen hat an ein paar Stellen schon aufgehört, aber es ist im großen und ganzen immer noch nass. Das ändert sich auch nicht, als wir auf die Autobahn auffahren. Hier, wo es geradeaus geht, läuft der Reifen perfekt. Die Maschine liegt gut, der Windschutz der höhenverstellbaren Scheibe vor mir, ist auch gut, es gibt keine wirklich störenden Verwirbelungen. 
Ohne Werkzeug verstellbar, das Windschild.
Die Scheibe hat sogar hier endlich mal den Vorteil, daß immer, wenn wir schneller fahren, der Unterdruck hinter der Scheibe, mir das Wasser vom Visier nach unten weg saugt. Durch die Gischt der Autos bahnen wir uns bei ordentlichem Tempo von rund 180 Sachen den Weg zurück. Nach einer runden halben Stunde stehen wir wieder auf dem Hof. Ich schieße noch rasch ein paar Bilder, dann fülle ich auch für diesen Reifen wieder den Zettel aus. Jetzt ist erst einmal eine Bratwurst fällig. Wie ich gerade meine Papierserviette wegwerfe, spricht mich ein Mann an. "Was sind Sie denn zuletzt gefahren! Von hinten sehen Sie aus wie Sau!" Alter Schwerenöter! Flirten kann er. Das muss man ihm lassen. Ich notiere das mal in der Liste von Dingen, die frau nicht an erster Stelle gerne hören würde.
Ich hatte mir eigentlich nur zwei Bikes vorgenommen für den heutigen Tag. Vermutlich, weil ich mir die Veranstaltung anders vorgestellt hatte. Jetzt stehe ich auf dem Hof und sehe die Kawasaki Vulcan S stehen. Sie sieht nicht aus, als sei sie heute schon viel gelaufen. Ich denke mir "alle guten Dinge sind drei" und hole mir den Schlüssel. Sie ist tatsächlich heute erst einmal bewegt worden und für die nächste Tour frei. Ich fahre sie mir in Position und mache ein paar Bilder. 
Flach und schnittig.
Der Goldton rührt vom Dunlop Truck vor dem sie steht. Das ist also keine Farbvariante.
Von hinten ganz Cruiser
Danach rolle ich vor zum Start. In dieser Gruppe sind ohnehin nur drei oder vier andere Fahrer mit dabei. Wir werden also ein kleiner Haufen sein. Hinter mir reiht sich die Versys ein. Da ich erst einmal  mich wieder an die Sitzposition gewöhnen muss, winke ich an der Steigung nach Orbis hoch, die Versys an mir vorbei.
Die Vulcan ist keineswegs langsam. Im Gegenteil, es ist ein sehr ernstes Gestühl. Ihre Gene stammen von der ER 6 Baureihe. Das bedeutet, der Motor und Teile des Fahrwerks sind - zum Teil erstaunlich - aus der gleichen Kiste. 


Wie so oft. Die Hupe ist augenscheinlich ein panisch in letzter Minute noch  festgeklebtes Accessoire für die Zulassungsbehörde.


Die Rasten sind in drei Positionen zu verstellen. Allerdings nicht ohne weiteres.

Die Füße liegen weit vorne auf den in drei Positionen verstellbaren Rasten und der Oberkörper wird etwas über den Tank zum Lenker gestreckt. Wenn man Gas gibt, dann werden die Arme ein Stück länger. Ich baue etwas Distanz zur Gruppe auf, weil ich nicht weiß, wann hier die Rasten aufsetzen. Das würde ich gerne an anderer Stelle als hier ausprobieren. Deshalb hilft hier nur "Gas weg!". Zwischen den Kurven stürmt sie ungestüm nach vorne. Das Fahren macht mit ihr wirklich Laune. Es gibt zwar keine Ganganzeige, die würde extra kosten, aber ich finde auch so die richtige Fahrstufe. An der Abzweigung habe ich die Kumpanen wieder eingeholt, verliere sie aber bald drauf wieder. Die Straße hat deutlich mehr abgetrocknet in der Zwischenzeit und der Reifen "klebt wie Gift, vermutlich besser als sein Vorgänger...". Es ist diesmal wieder der Roadsmart III, den ich auch schon auf der Ninet drauf hatte. Als ich der Autobahn nahe komme, sind die anderen schon lange nicht mehr zu sehen. Ich biege also auf die Autobahn auf. Wenn sie nun stattdessen Landstrasse gefahren sind: Pech. Die Autobahn ist glücklicherweise vollkommen abgetrocknet. Ich drehe am Griff. Ich bin zwar schon mit einem unverkleideten Motorrad auf der Autobahn gefahren, aber in dieser Körperhaltung nun wird das wirklich unangenehm. Bei siebzig bis hundert - kein Ding. Das ist das Tempo, wo sich Mensch und Maschine wohlfühlen. Aber bei hundertsiebenundsechzig?? Da lupft es einem schon den Helm und man muss sich gegen den Sturm, der den Oberkörper erfasst, verkrampft festkrallen. Hier wird man nicht vom Luftstrom getragen, hier hängt man als Segel im Wind. Im Gegenwind. Kreuzen ist keine Option. So scheint mir die Ausfahrt Kirchheimbolanden auch kaum näher zu kommen. 

Als ich auf dem Hof wieder anlande, ist der letzte der anderen gerade vor mir auf den Hof gebogen. Aber meine Arme sind ein Stück länger jetzt und ich spüre noch jeden Muskel. Dagegen hilft nach dem Ausfüllen des obligaten Zettels nur noch eine weitere Infusion am Würstlstand.
Da dieses im Pulk auf Teufel komm raus durch den Wald geballere mir nicht so sehr liegt, streiche ich die Segel, schnappe mir Gesa und wir machen uns auf den Heimweg. Allerdings ist in der Zwischenzeit die Sonne herausgekommen und ich fahre ganz automatisch bei Orbis geradeaus weiter und schwinge durch den Wald. Gesa kippelt kein bisschen auf dem schlechten Untergrund und wir folgen flott der Strecke, die ich eben schon dreimal gefahren bin. Allerdings biege ich an der Abzweigung in die andere Richtung ab, in Richtung Rockenhausen. Take the long way home...


So. Was soll nun als Fazit übrigbleiben? Ich werde Lotto spielen. Ich würde allerdings auch großherzige Spenden annehmen. Entweder in bar, oder als Naturalie. In Gegenwert oder Form einer NineT.
Boah! Das Ding ist mir echt ins Mark gefahren. Es sollte hier zwar in erster Linie um die Reifen gehen, aber das ist schnell vergessen, wenn das Ding unter einem rüttelt und schüttelt.
Das Event indes hat einen Riesenspaß gemacht und die Reifen haben sich, wie nicht anders erwartet, als gut erwiesen. Denn, wenn die schon einen großen gelben Truck voller Reifen auffahren und ein riesiges gelbes Dunloptor aufblasen, dann sind sie auch halbwegs davon überzeugt, daß ihre Produkte nicht komplett der letzte Mist sind. Und da muss ich wirklich aus vollen Kräften mit dem Kopf nicken. Das, was ich da geboten bekommen habe, hat mich voll überzeugt und durchaus beeindruckt. Selbst bei starkem Regen hat es da keine wirkliche Unsicherheit gegeben. An was die Irritation beim Sportsmart² gelegen hat, das ist vermutlich eine Sache fürs Pendel. Da dürften sich die selbsternannten und die wahren Experten trefflich streiten können. An der Versys hat es sicher nicht gelegen, die macht einen sehr soliden Eindruck und vermittelt durchaus etwas von Sicherheit und Stabilität.
Die Vulcan S scheint mir wirklich verkannt zu sein. Viele kritisieren das Plastikimage, das sie rüberbringt. Sind wir aber ehrlich. Ein solches Motorrad, mit dem Gewicht, zu dem Preis, kann man schwerlich aus dem vollen Metallblock fräsen. Das sind Teile aus dem Baukasten, mit anderen Teilen gemischt und fesch abgeschmeckt. Da stimmt das Konzept. Man kann mit ihr wahrhaftig ernsthaft fahren und braucht sich nicht zu verstecken. Nur vielleicht am Chopperstammtisch, da sollte man vielleicht nicht das große Wort führen wollen.